Kultur : Pro Patria Sozi

Tilman Fichter und Siegward Lönnendonker über Rudi Dutschke und das Verhältnis der Linken zur nationalen Frage.

Klaus Hartung

Obwohl die 68er Bewegung immer noch heftig umstritten ist, gibt es doch einen Konsens; anerkannt wird, dass es sich um eine historische Zäsur handelt. Auch die identitätstiftende Bedeutung dieser Zeit ist unbestritten, erst recht bei denen, die gern darüber klagen, dass die 68er an allem schuld seien. Umso irritierender ist es, wie undifferenziert die Debatten und wie lückenhaft die historischen Kenntnisse sind. Der Boulevard und das grelle Helldunkel zwischen Joschka Fischers Aufstieg und Andreas Baaders Untergang legen über den historischen Kontext einen dichten Schatten. Wie viel vergessene Geschichte sich um den Mythos ’68 angehäuft hat, demonstriert das verdienstvolle Buch von Siegward Lönnendonker und Tilman Fichter. Penibel und mit einer breiten Dokumentation vieler unveröffentlichter Texte wird die geschichtliche Kontinuität von den Anfängen des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) bis hin zu ’68 und zur neuen Linken rekonstruiert.

Neu und spannend sind die Analysen, weil sie aus einem Leitthema entwickelt werden, das gewöhnlich gerade nicht mit der neuen Linken in Verbindung gebracht wird: das Thema der „nationalen Frage“, der Wiedervereinigung also. Für die Autoren, beide waren Aktivisten im SDS, handelt es sich dabei nicht nur um einen speziellen Aspekt der 68er-Geschichte, sondern um eine Schlüsselfrage der Linken, an der sie scheitern oder wachsen kann. Die Titelfanfare „Dutschkes Deutschland“ verrät, wie stark die Autoren sich engagieren. Es ist ein vieldeutiger Titel, der beides meint, das erträumte, das andere Deutschland, die revolutionäre Vision und zugleich das Land, dem man sich zugehörig fühlt, das Selbstverständnis als linker Patriot. Dutschke hat es auf Formel gebracht: „pro patria Sozi“. Für die Autoren ist das nicht nur ein Charakteristikum von Dutschkes politischer Biografie, sondern immer auch eine schwebende Option der 68er-Bewegung gewesen.

Für die Autoren ist das Buch auch eine Streitschrift: Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, hatte in einem Zeitungsartikel dem SDS unterstellt, Ostberlin habe ihn durch Stasi-Einflussagenten ferngesteuert. Lönnendonker und Fichter wehren sich also auch gegen die Delegitimierung ihrer politischen Vita, wenn sie penibel und ausführlich diese These anhand von Stasiakten widerlegen. Vor allem aber erhellen sie die politische Integrität dieses „Intellektuellenverbandes“ durch ihre wissenschaftlich überzeugende und durch Dokumente gut belegte Rekonstruktion der deutschlandpolitischen Praxis des SDS seit seiner Gründung 1946 (Helmut Schmidt war der erste Vorsitzende) bis 1961, bis zum Ausschluss aus der Mutterpartei SPD. Sie befreien damit einen substanziellen Teil der neueren Geschichte aus der Schattenzone. Neu ist vieles, auch für den, der an dieser Geschichte beteiligt war: Die Emanzipation der linken Theorie aus den Denkzwängen des Kalten Krieges; die Intensität, mit der im Namen eines freiheitlichen Sozialismus ein Ausweg aus dem scheinbar unaufhaltsamen Weg in die Zweistaatlichkeit gesucht wurde, die mit der Remilitarisierung gegeben war. Deswegen wanderte in den späten 50er Jahren der SDS nach links und wurde mehr und mehr autonom gegenüber der SPD – eine „Umorientierung, die durchaus noch unter dem Primat der nationalen Frage“ erfolgte.

Wir stoßen auf eine interessante Dialektik: Es waren gerade die Auseinandersetzungen mit der FDJ, die nicht nur einen reichen deutschlandpolitischen Erfahrungsschatz mit sich brachten, sondern in Abgrenzung von der poststalinistischen DDR zur Konkretisierung eines freiheitlichen Sozialismus zwangen, wodurch wiederum auch das kritische Verhältnis zur SPD sich radikalisierte. Als schließlich 1961 die SPD mit dem Unvereinbarkeitsbeschluss praktisch einen vitalen Teil der Intellektuellen in das gesellschaftliche Abseits jagte, zeigte der SDS sein politisches Potenzial. Es begann eine einzigartige Phase „politischer und theoretischer Geschlossenheit“.

Aber die großen Motive der Revolte, der Vietnamkrieg und die Revolution in der Dritten Welt, begannen die „nationale Frage“ abzudrängen. 1966 erklärt der SDS-Bundesvorsitzende Reimut Reiche, dass „uns im SDS die ,einfache Deutschlandpolitik‘ als Wiedervereinigungspolitik nicht mehr bewegt“. Und der SDSler Bernhard Blanke postuliert 1967, es sei „problematisch, sich mit der nationalen Frage zu beschäftigen. Es gibt wichtigere Fragen“ für den SDS. Für die Autoren spricht da die „Avantgarde westdeutschen Sonderbewusstseins“. Sie entdecken die ersten Anzeichen für den „Verlust der prognostischen Kraft“, so dass am Ende die Linke von der friedlichen Revolution in Osteuropa kalt erwischt wurde.

Die Autoren beschränken sich darauf, den historischen Umschlagpunkt im SDS zu beleuchten, mit dem das begann, was für sie eine unverheilte Wunde ist: das Versagen und die deutschlandpolitische Blindheit sowohl der „Neuen Linken“ als auch der SPD vor und nach dem Mauerfall. Dass diese Linie gezogen werden kann und wohl auch gezogen werden muss, ist richtig und überzeugend. Angeklagt wird die „Verinnerlichung der Zweistaatlichkeit“ durch die Linke. Polemisiert wird gegen die Friedensbewegung, die ihren Frieden mit der Unfreiheit machte; den Grünen wird ihre „antideutsche Angst vor der Neuvereinigung“ vorgeworfen. Der Verlust an deutschlandpolitischer Kompetenz innerhalb der Linken hatte jedenfalls eine fatale Langzeitwirkung. Am Ende denunzierte eine Lafontaine-SPD 1990 die Einheit als bedenklichen Kostenfaktor. Und die Grünen setzten die nationale Frage ab und Klimafragen auf die Tagesordnung und wurden zu Recht aus dem Parlament vertrieben. Damit wurde die Linke nicht nur mit politischer Ohnmacht bestraft, sondern auch die Innenpolitik als Ganzes beschädigt: Deswegen verkam, so die Autoren, die Wiedervereinigung zum angeblich alternativlosen „Anschluss à la Kohl“.

Der deprimierenden Geschichte einer deutschlandpolitischen Abstumpfung innerhalb der Linken setzen sie als Gegenbild Rudi Dutschke entgegen, „den einzigen selbstbewussten Vordenker, Patrioten und Internationalisten“. Es ist ein kurzes, beschwörendes Kapitel, verbunden mit einer Dokumentation seiner Texte. Hier leuchten trotz aller Überlagerungen durch die Zeitschichten marxistischer Korrektheit die großen Linien eines linken Patriotismus auf. Nichts liegt Dutschke ferner als der oben zitierte SDS-Realismus, wonach es wichtigere Fragen gebe als die nationale Frage. Seine Haltung ist anders: Betroffen zitiert er den Spruch eines Genossen, den man in der westdeutschen Linken in allen Variationen hören konnte: „Portugal hat mit uns mehr zu tun als die DDR.“ Solche linke Herzlosigkeit lässt ihn verzweifelt fragen, ob die Deutschen „überhaupt noch die Wiedervereinigung wollen“; angesichts dieser Haltung wirft er der Linken vor, dass sie „blind geworden, genauer: blind geblieben“ ist. Für ihn ist das nicht nur eine deutschlandpolitische Bankrotterklärung, sondern auch ein Verlust politischer Theorie, „die Zerstörung der Dialektik der sozialen und nationalen Frage“. Er sieht darin ein alarmierendes Zeichen für den „Zerfall geschichtlicher Kontinuität“. Damit geht es für ihn nicht mehr nur um ein innerlinkes Defizit, sondern um ein allgemeines Problem: „Die deutsche Misere ist eine Misere der Linken.“

Natürlich reizt es, Dutschke weiterzudenken und sich vorzustellen, wie wohl die friedlichen Revolutionäre in der DDR sich verhalten hätten, wenn zugleich eine antiautoritäre, antikapitalistische Massenbewegung sich mit ihnen solidarisiert hätte. Aber: Hat nicht gerade die List der Vernunft die Montagsdemonstrationen, den Mauerfall und das Ende der DDR überhaupt erst ermöglicht, gerade weil in der Bundesrepublik der Einheitsgedanke erloschen war und auch von den DDR- Bürgerrechtlern tabuisiert wurde? Auch wenn solche Fragen in bloßen Spekulationen enden, ist damit noch nicht die Schwierigkeit der Linken mit der nationalen Frage ad acta gelegt. Es ist kein akademisches Problem, sondern es betrifft aktuelle Herausforderungen. Gerade die Beschleunigung der europäischen Vereinigung im Zeichen der Finanzkrise treibt nationale Divergenzen und Konflikte hervor. Eine deutsche Linke „ohne nationale Identität“ ist in den Augen der Autoren schlecht gerüstet. Sie glauben an die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer großen Debatte. Auch wer diese Hoffnung nicht richtig teilen kann, muss Hochachtung haben angesichts einer so raren Treue zur eigenen Geschichte. Dieses Buch gehört in die Reihe von Publikationen der Autoren über das Verhältnis der SPD zur Nation und zur Geschichte des SDS. Sie bieten hier keine Geschichtserzählung, eher Arbeitsunterlagen für Diskussionen. Unter der wissenschaftlichen Epidermis des Textes gibt es viel Bewegung, Polemiken, nachholende Auseinandersetzungen mit ihren linken Zeitgenossen. Das verleiht dem Buch eine sympathische Lebendigkeit. Lönnendonker und Fichter beharren auf einer emphatischen Vision einer Linken, die zur Selbstkritik fähig ist. Aber es wird schwer, eine solche Haltung in der realexistierenden SPD und unter den selbstgerechten Grünen zu entdecken.







Tilman P. Fichter, Siegward Lönnendonker: Dutschkes Deutschland. Klartext-Verlagsgesellschaft, Essen 2011. 318 Seiten, 19,95 Euro.

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