Project Space Festival : Prinzip Wundertüte

Ein Fahrkastenhäuschen am Ostbahnhof, ein Floß auf dem Landwehrkanal: Das Project Space Festival will in öffentlichen Berliner Räumen eine Plattform für Kunst schaffen, die nicht in klassische Galerien passt.

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Auch das Tieranatomische Theater der Humboldt-Universität wurde während des Project Space Festivals genutzt - hier als Bühne für eine Box-Performance.
Auch das Tieranatomische Theater der Humboldt-Universität wurde während des Project Space Festivals genutzt - hier als Bühne für...Foto: Philippe Rives / Project Space F

Unerwartet düster ist es vor dem Schaufenster in der Oranienstraße 175. Gleich soll hier eigentlich ein Programmpunkt des Project Space Festivals beginnen, erwartet wird Kunst von Björn Braun. Der gebürtige Berliner fertigt vor allem Collagen an und erschafft Objekte, die die Grenzen zwischen Natur und Kultur verwischen – Vogelnester in Eierkartons etwa oder Pfauenfußspuren in Beton. Doch der Projektraum Sox – eigentlich nur ein Guckkasten von etwa zwei mal drei Metern Größe – ist dunkel und leer. Die Besucher schauen sich ratlos um. Dann erscheint Benedikt Terwiel, derzeitiger Leiter des Sox, und schließt die Tür zum Hinterhof auf. „Der Schaukasten? Nee, der wird heute nicht bespielt“, sagt er entschuldigend. Aus privaten Gründen musste Björn Braun kurzfristig absagen. Also findet nur das ohnehin geplante Freiluftkino statt. Den Organisatoren des Festivals habe man die Änderung zwar mitgeteilt, aber die haben weder auf der Homepage noch auf der Facebookseite einen Hinweis gepostet.

So schade das für die Sox-Besucher auch sein mag, so gut trifft diese Episode doch das Wesen von Projekträumen, denen das 2014 ins Leben gerufene Festival eine Bühne bieten will: Sie sind eben keine hochprofessionellen, marktorientierten Kulturinstitutionen mit Rang und großen Namen. Sie wollen keine klassischen Museen oder Galerien, auch keine reinen Ateliers sein. Chaos, Unvorhersehbarkeit und Spontaneität gehören zu Projekträumen offenbar dazu. Davon kann man sich den ganzen August über jeden Tag an einem anderen Nischenort überzeugen – und überlegen, was das nun eigentlich sein soll: ein Projektraum.

"Freiheit und Experimentierfreude"

Über diese Frage grübelt auch Marie Graftieaux. „Wir werden wohl nie zu einem Ergebnis kommen.“ Gemeinsam mit Nora Mayr und Lauren Reid hat sie das Project Space Festival im vergangenen Jahr gegründet. In diesem Jahr sind 70 Bewerbungen eingegangen, eine Jury hat 30 Projekträume ausgewählt. Doch zuvor gab es eine große Diskussion über die Kriterien. „Freiheit und Experimentierfreude sind Schlagworte, die dann immer wieder gefallen sind“, erzählt Graftieaux. War es das schon mit den gemeinsamen Nennern?

Ein Blick in das diesjährige Programm zeigt, dass „Projektraum“ oftmals das Gegenteil von konkreten Räumen meint. Etwa die Kleine Humboldt Galerie: Sonst ansässig im Hauptgebäude der Humboldt-Universität Unter den Linden, nutzte die studentische Initiative das Tieranatomische Theater nahe der Charité, um sechs Künstlern die Chance zu geben, Kunst zu zeigen, die bislang nicht verwirklicht werden konnte. Kreuzberg Pavillon, eine andere Initiative, lenkte die Aufmerksamkeit vom eigenen Raum in der Naunynstraße auf das nur vier Quadratmeter große alte Fahrkartenhäuschen am Ostbahnhof, den Projektraum Station. Eine weiße Linie markierte den rund eineinhalb Kilometer langen Fußweg zwischen beiden Orten. Kinderhook & Caracas verließen ihren Raum in der Kreuzbergstraße und schipperten mit einem Floß über den Landwehrkanal – eine perfekte Bühne für Lorenzo Sandovals Storytelling-Projekt „A Soft Tragedy“, das Homers Odyssee aufgreift. Am kommenden Samstag lässt der Künstler Ivan Liovik Ebel den Projektraum Lage Egal im Trockeneisnebel verschwinden.

Performance zum Klimawandel überzeugt

Ziel des Festivals, das betonen die Macher immer wieder, sei die Öffnung der Projekträume für eine breitere Masse, das Heraustreten aus dem Underground. „Bis das wirklich gelingt, wird es aber noch eine Weile dauern“, gibt Marie Graftieaux zu. Ein Beispiel dafür war auch die Veranstaltung in der Kreuzberger Galerie Erratum am Mittwochabend. Der Raum: ein Keller in einem Hinterhof. Hier fand sicher niemand zufällig her. Die Besucher: junges Mitte-Kreuzkölln-Kunstpublikum, das unter sich blieb. Der Rahmen, den das Project Space Festival bot, hätte sicher besser genutzt werden können. Was dann zum Thema Klimawandel gezeigt wurde, überzeugte aber, vor allem die Soundperformance von Laurent Bruttin. Eine Trompete und ein Horn erzeugten inmitten der dicht im Keller gedrängten Besucher monotone, lang gezogene Klagetöne, eine Klarinette hackte dazwischen herum. In der Summe ergab sich ein quälendes Alarmgetöse, das in der stickigen Bunkeratmosphäre eine Ahnung davon wach werden ließ, wie es einmal kommen könnte, wenn das Klima außer Kontrolle gerät – ein Festivalbeitrag, der ganz sicher nicht nur Szeneleute interessiert hätte.

Project Space Festival, noch bis zum 31. August, wechselnde Orte, www.projectspacefestival-berlin.de

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