Proteste in Istanbul : Fatih Akin appelliert an Abdullah Gül

Nach der gewaltsamen Räumung des Istanbuler Taskim Platzes hat der Hamburger Regisseur Fatih Akin einen offenen Brief an den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül geschrieben: "Ich appelliere an Ihr Gewissen: Stoppen Sie diesen Irrsinn!"

Fatih Akin
Regisseur Fatih Akin.
Regisseur Fatih Akin.Foto: picture alliance / dpa

Der Hamburger Filmregisseur Fatih Akin („Gegen die Wand“, „Soul Kitchen“) hat den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül in einem offenen Brief auf Deutsch und Türkisch aufgefordert, die Gewalt in seinem Land zu beenden. „Ich appelliere an Ihr Gewissen: Stoppen Sie diesen Irrsinn!“, schreibt Akin. Zuvor hatte er mit anderen Schauspielern, Filmemachern und Schriftstellern an Kanzlerin Angela Merkel appelliert, für eine Ende der Gewalt in der Türkei einzutreten. In einem offenen Brief an Merkel heißt es: „Bitte schauen Sie nicht zu.“
Merkel solle gemeinsam mit den europäischen Regierungschefs die türkische Regierung dazu bewegen, die Gewalt gegen die Bevölkerung
zu beenden. Den Appell haben neben Akin Film- und Theaterregisseure wie Dani Levy, René Pollesch, Sebastian Nübling und Lukas Langhoff
unterzeichnet. Die Schauspieler Sibel Kekilli, Jan Josef Liefers, Anna Loos und zahlreiche Autoren gehören auch zu den Unterzeichnern
des Briefes.

In Hamburg demonstrierten am Sonntagabend nach Angaben der Polizei zudem mehrere hundert Menschen friedlich gegen die Gewalt in
der Türkei. In Berlin zogen Hunderte Menschen aus Solidarität mit der Protestbewegung vor die türkische Botschaft.

Fatih Akins Brief an Abdullah Gül im Wortlaut:

An den Staatspräsidenten der Republik Türkei.
Sehr geehrter Herr Gül,
ich schreibe Ihnen, um Sie über die Ereignisse vom Samstagabend zu informieren, da die türkischen Medien kaum bis gar nicht darüber berichtet haben.
Samstagabend wurden in Istanbul erneut hunderte von Zivilisten durch Polizeigewalt verletzt. Ein 14-jähriger Jugendlicher wurde von einer Tränengaspatrone am Kopf getroffen und hat Gehirnblutungen erlitten. Er ist nach einer Operation in ein künstliches Koma versetzt worden und schwebt in Lebensgefahr. Freiwillige Ärzte, die verletzten Demonstranten helfen wollten, wurden wegen Terrorverdacht festgenommen. Provisorische Lazarette wurden mit Tränengas beschossen.
Anwälte, die gerufen wurden, festgenommene Demonstranten zu verteidigen, wurden ebenfalls festgenommen.
Die Polizei feuerte Tränengaspatronen in geschlossene Räume, in denen sich Kinder aufgehalten haben.
Die bedrohten und eingeschüchterten türkischen Nachrichtensender zeigten währenddessen belanglose Dokumentarfilme. Diejenigen, die versuchen über die Ereignisse zu berichten, werden mit hohen Geldstrafen und anderen Mitteln versucht, zum Schweigen zu bringen.
Eine Trauerfeier für Ethem Sarisülük, der bei den Demonstrationen ums Leben gekommen ist, wurde verboten!
Stattdessen darf ein Staatssekretär hervortreten und alle Demonstranten, die am Taksim Platz erschienen sind, als Terroristen bezeichnen.
Und Sie, verehrter Staatspräsident, Sie schweigen!
Vor zehn Jahren sind Sie und Ihre Partei mit dem Versprechen angetreten, sich für die Grund- und Bürgerrechte eines jeden in der Türkei einzusetzen.
Ich möchte nicht glauben, dass Sie sich um der Macht wegen von Ihrem Gewissen verabschiedet haben. Ich appelliere an Ihr Gewissen: Stoppen Sie diesen Irrsinn!

Fatih Akin

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben