Psychologie : Abwehr mit System

Was Stasi-Leute und Börsenhändler gemeinsam haben: Der Psychoanalytiker Tomas Plänkers erklärt, wie das Ausblenden und die Abspaltung unzumutbarer Informationen funktioniert.

Infantiler Glaube. Die Ehrentribüne auf der Ostberliner Karl-Marx-Allee während der Militärparade am 7. Oktober 1989 mit Michail Gorbatschow und Erich Honecker.
Infantiler Glaube. Die Ehrentribüne auf der Ostberliner Karl-Marx-Allee während der Militärparade am 7. Oktober 1989 mit Michail...Foto: picture-alliance / dpa

Herr Plänkers, in Ihrem Vortrag „Schöne Krankheit gestern“ vor der Psychoanalytischen Vereinigung haben Sie erstaunliche Parallelen gezogen: Was hat das Weltbild eines Stasi-Spions zu tun mit dem Funktionieren der Marktwirtschaft?

Es geht um Spaltungen, einen Begriff aus der Psychoanalyse. Der überzeugte Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit rechtfertigt sein destruktives Handwerk mit der festen Annahme, einem bösen Feind gegenüberzustehen. Durch ein infantiles Gut-Böse-Schema spaltet er Relativierungen und Zweifel erfolgreich ab. Ebenso basieren viele Vorgänge unseres Wirtschaftslebens auf Abspaltungen, auf der radikalen Ausblendung von Grundlagen und Konsequenzen unseres Wohlstandes etwa. Kein Börsenhändler könnte erfolgreich mit Lebensmittelpreisen spekulieren, wenn er das, was er da tut, ernsthaft reflektieren würde.

Wie kamen Sie auf den Stasi-Mann?

Vor ein paar Jahren haben wir am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut eine Studie gemacht, die auf Interviews mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern beruhte. Anhand eines von ihnen konnte ich die Spaltung zwischen Ideal und Wirklichkeit gut darstellen. Anders als die meisten anderen war er bis zuletzt im Reinen mit sich. Er wollte mich Westdeutschen von seiner Sicht auf die DDR überzeugen. Im Lauf des Gesprächs zeigte sich deutlich, wie sich bei ihm aus einer infantilen Traumatisierung heraus bestimmte Spaltungsmechanismen entwickelt hatten.

Wie kann man sich das vorstellen?

Er hat von seinen Eltern kaum Aufmerksamkeit erhalten und litt schon als Kind an Asthma. Nach Freuds Grundmodell der Spaltung reagiert die Psyche auf frühkindliche schwere Belastungen mit dem Wunsch, diese Gefühle und Erinnerungen loszuwerden. Wir sprechen von „projektiver Externalisierung“. Auf der einen Seite also die Mutter, die in seiner Wahrnehmung so unerträglich schlecht ist, dass ihm die Luft wegbleibt, dass er asthmatisch wird, und auf der anderen Seite der Wunsch, sich eine Mutter zu erschaffen, die absolut ideal und gut ist. Den hat er in die Begeisterung für die sozialistischen Ideale transformiert.

Und was diese Ideale infrage stellt, wird abgespalten?

So ist es. Der Mann konnte zwar durchaus Kritisches über die DDR sagen. Das berührte aber seine Überzeugung, dass „die DDR das Kostbarste ist, was die deutsche Geschichte hervorgebracht hat“, in keiner Weise.

Da ging es ihm ähnlich wie vielen anderen.

Ja, das ist nicht so selten, dass Menschen an der Idealisierung bestimmter Strukturen entgegen besserem Wissen festhalten. Das finden sie bei Sekten, Fundamentalisten, Parteien, die irreale Ziele verfolgen. Da gibt es immer diesen infantilen Glauben, dass sich die Welt in ein Land, wo Milch und Honig fließen, verwandeln ließe.

Und nur Menschen mit einer traumatischen Erfahrung in der frühen Kindheit sind dafür anfällig?

Vor allem solche. Ich denke, dass ein Mensch, der sich einigermaßen gesund hat entwickeln können, gegenüber derartigen Heilsversprechen skeptisch ist.

Betrachten Sie „Spaltung“ als eine Krankheit?

Es ist ein Abwehrmechanismus, ein sehr archaischer, unbewusster, den wir bei schweren psychischen Störungen stets feststellen können. Spaltung kann aber auch hilfreich sein. Das Ich schützt sich damit vor den Zumutungen einer komplizierten, konflikthaften Umwelt. Die durch Spaltungen erreichte seelische Balance bewahrt den Menschen dann vor einem psychischen Zusammenbruch.

Eine Krankheit also, die dem, der Böses tut, hilft, gesund zu bleiben?

In gewisser Weise ja. Gesund auf einem psychisch unreifen Niveau. Denn dem damit erreichten narzisstischen Gewinn steht der Verlust eines wesentlichen Teils der eigenen Persönlichkeit gegenüber.

Angewandt auf die gesamte deutsche Gesellschaft der Nachkriegszeit sprechen Sie auch von Spaltungsmechanismen. Inwiefern?

Die vielfältigen Traumatisierungen der Nazi-Zeit waren Erfahrungen, die es nach dem Krieg abzuspalten galt. Das ist in Ost und West geschehen, auf unterschiedliche Weise. Beiden half die Blockkonfrontation, die Aufteilung der Welt in Gut und Böse und die Sicherheit, auf der jeweils guten Seite zu stehen. In der DDR konnte man sagen: Die Nazis sind allesamt im Westen. Im Westen hieß es: In der DDR herrscht eine Ein-Parteien-Diktatur wie im Dritten Reich; projektive Externalisierungen also auf beiden Seiten. Die jeweils eigene Verstrickung war ausgeblendet.

Worin bestanden die Unterschiede?

In der DDR hat diese Form der Spaltung sehr viel stärker und länger gewirkt. Allein schon wegen der Überhöhung des sozialistischen Heilsversprechens. Hier saßen „die Sieger der Geschichte“. Im Westen kam es nach einer gewissen Zeit zu einer kritischen Auseinandersetzung. Da gab es die Schriften von Mitscherlich, Bloch und Arendt. Von großer Bedeutung ist auch eine freie Presse, welche die Gesellschaft mit der Wirklichkeit konfrontiert. Diese Zumutung kann aber nur ertragen, wer anerkennt, dass er in einer komplizierten, belastenden Welt lebt.

Dennoch sprechen Sie auch bei der Betrachtung des westlichen Modells der freien Marktwirtschaft von Spaltungen.

Vor allem in Bezug auf unser Wirtschaftsmodell: Jeder Einzelne folgt seinen individuellen Zielen, vom Staat möglichst wenig reguliert. Er reduziert den anderen auf die Rolle des Konkurrenten. Das gilt ebenso für Gruppen. So entstehen Produkte, bei denen die sozialen und ökologischen Umstände ihrer Herstellung ebenso ausgeblendet werden wie die Folgen ihres Gebrauchs. Auf den Finanzmärkten ist das extrem: hier die logischen, zwangsläufigen Marktmechanismen und dort, abgespalten, von den Akteuren überhaupt nicht wahrgenommen, die katastrophalen Folgen.

Da profitiert der Broker vom selben Defekt wie der Stasi-Mann.

Man kann es so sagen. Es ist ja kein Zufall, in welchem Beruf wir landen. Psychoanalytiker sagen deshalb: Berufswahl ist Symptomwahl.

So abgespalten und unbekannt sind die Folgen des Kapitalismus aber nicht.

Das ist immer weniger der Fall. Globalisierung und moderne Kommunikation führen dazu, dass früher Ausgeblendetes sich nicht mehr ignorieren lässt. Das bislang Abgespaltene meldet sich vehement, und damit ist das bisherige Gleichgewicht infrage gestellt. Die Frankfurter Innenstadt war wegen der Occupy-Proteste im Belagerungszustand. Selbst der Chef des Weltwirtschafsforums von Davos sagt, dass der alte Kapitalismus nicht mehr in unsere Zeit passt. Die Idee, dass Regulierung nottut, konnte man früher in den Osten abspalten. Sie gehörte ins gegnerische System des Sozialismus. Inzwischen ist sie wieder aktuell.

Die Ergebnisse der Studie sind erschienen in dem Buch „Verräter oder Verführte. Eine psychoanalytische Untersuchung Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi“ von Ingrid Kerz-Rühling und Tomas Plänkers, Ch. Links Verlag 2004.

Das Gespräch führte David Ensikat.

Thomas Plänkers, 61, ist Psycho-

analytiker und

Psychotherapeut.

Er ist Mitarbeiter

am Frankfurter

Sigmund-Freud-

Institut und

unterrichtet in Peking.

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