Publizist und Philologe : Zum Tod von Walter Jens

Er bespielte die Öffentlichkeit auf so vielen Bühnen, er verstummte tragisch: Zum Tod des großen Gelehrten Walter Jens - ein Nachruf.

Gert Ueding
Walter Jens spricht am 11.01.1986 in Heilbronn bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Pershing-II-Raketenunfalls im Jahr 1985. Jens engagierte sich ab Anfang der 1980er Jahre im Widerstand der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing-Raketen.Weitere Bilder anzeigen
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10.06.2013 12:37Walter Jens spricht am 11.01.1986 in Heilbronn bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Pershing-II-Raketenunfalls im Jahr 1985....

Er verkörperte die Einheit von Wissenschaftler und Dichter, Essayist und Dramatiker, Redner und Geschichtsschreiber wie einst Lessing, Nicolai oder Schlegel. Mit Walter Jens, der nun am Sonntag mit 90 Jahren in Tübingen gestorben ist, nimmt ein Schriftstellertypus seinen endgültigen Abschied, den die deutsche Literatur erst im 18. Jahrhundert hervorgebracht hat, in ihr aber immer ein Fremdling geblieben ist. Ziemlich weit muss man in der deutschen Kulturgeschichte zurückgehen, ehe man die Wurzeln dieser vielfältigen Profession wiederfindet.

Ein deutscher Professor und zugleich ein glanzvoller Redner? Ein Altphilologe, Mitglied der Gruppe 47 und Fernsehkritiker? Walter Jens ist zeit seines Lebens eine Provokation geblieben, Provokation der akademischen Pedanterie. Provokation für einen Kulturbetrieb, der mit hängender Zunge der Mode hinterherläuft. Für Jens, den Professor und Rhetor und Autor, gehörte alles zusammen: die Nacherzählung der „Ilias“ und der „Odyssee“ und der experimentelle Roman „Herr Meister“, die Neuübertragung der „Orestie“ und das Fernsehspiel über Rosa Luxemburg, die Vorlesung über antike Rhetorik und die Rede zum 75. Geburtstag des Deutschen Fußballbundes.

Walter Jens überzeugte mit „Beredsamkeit des Glaubens an der Grenze von Gewissheit und Zweifel“

Gegenwärtigkeit hat nichts mit Mode zu tun, die Heimkehr des siegreichen und doch verlorenen Agamemnon von der trojanischen Schlächterei ist ein ebenso ergreifendes Vexierbild unserer Existenz wie die Ermordung der roten Rosa. Diese Wirksamkeit gehört zum Werk von Walter Jens, ist nicht ablösbar von seinen literarischen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen, sondern deren Substanz. Und es gehört seine Tätigkeit als Lehrer dazu, der sich dabei nicht an Zunftgrenzen hielt, über Goethe oder Fontane ebenso hinreißende Vorlesungen hielt wie über Sophokles oder Euripides. Nicht zu vergessen der überzeugte Christ mit seiner „Beredsamkeit des Glaubens an der Grenze von Gewissheit und Zweifel“, der oft den Lehrstuhl mit der Kanzel vertauschte, Gast des deutschen Pfarrertages war und jahrzehntelang an einer neuen Bibelübersetzung arbeitete.

Der Philologe Walter Jens ist im Alter von 90 Jahren in Tübingen gestorben.
Walter Jens spricht am 11.01.1986 in Heilbronn bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Pershing-II-Raketenunfalls im Jahr 1985. Jens engagierte sich ab Anfang der 1980er Jahre im Widerstand der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing-Raketen.Weitere Bilder anzeigen
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10.06.2013 12:37Walter Jens spricht am 11.01.1986 in Heilbronn bei einer Gedenkfeier für die Opfer des Pershing-II-Raketenunfalls im Jahr 1985....

Auch darin radikal, an die Wurzeln des Glaubens gehend, Text und Schrift prüfend („Die Evangelisten als Schriftsteller“), durch alle Augendienerei, alle Verfälschungen und Masken hindurch zu einer neuen Wirklichkeit Gottes: „Ein Prediger, der von Gott sprechen will, muss von der Welt reden, von der Lebenswirklichkeit und dem Hier und Heute des Menschen: Hat Jesus von Nazareth anders geredet?“ Auch als Christ ist Jens Aufklärer geblieben.

Es gibt einen Roman, 1952 erschienen, eine melancholische Geschichte, die das Hauptmotiv von Jens’ Leben und Werk vielleicht am klarsten zum Ausdruck bringt: „Vergessene Gesichter“. Ein altes Schloss inmitten eines verwilderten Parks, ein Altersheim für ausgediente Bühnenkünstler. In dem zugigen Treppenhaus begegnen der Verwalter Auguste und der Hausdiener Pierre einem alten Mann mit weißem Haar. Auguste redet ihn freundlich an, Pierre sieht gelangweilt zur Seite und wird belehrt: „Du könntest gern etwas höflicher sein, Pierre … Wie oft soll ich dir noch sagen, dass dieser Mann der größte Hamlet war, der jemals auf einer Bühne gestanden hat? Auguste hatte die Stimme erhoben und sprach wie ein alter Studienrat bei der Erwähnung der Heldentaten des Kaisers Augustus. Aber er war sehr traurig und erbost.“ Eine beiläufige Episode, sie enthält aber schon das Modell des ganzen Buchs.

Wie ein Vexierbild erscheint darin das Porträt des Schriftstellers Jens. „Ich trage meine Maske immer“, erläutert der Richter in Jens’ erstem Roman „Nein – Die Welt der Angeklagten“: „Niemand im Richterkollegium, niemand im Rat der Fünf, nicht einmal der Präsident selbst kennt mein Gesicht.“

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