„Quand on a 17 ans“ auf der Berlinale : Deine Fäuste, mein Körper

André Téchinés „Quand on a 17 ans“ im Wettbewerb der Berlinale erzählt von der Zumutung des Erwachsenwerdens. Ein beglückender Film.

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"Quand on a 17 ans" erzählt von zwei rabiat verfeindeten Gymnasialschülern in einem französischen Pyrenäendorf.
"Quand on a 17 ans" erzählt von zwei rabiat verfeindeten Gymnasialschülern in einem französischen Pyrenäendorf.Foto: dpa

Eine Kamerafahrt, winterweiße und sommergrüne Straßen entlang, mit eindeutig überhöhter Geschwindigkeit, das ist der Vorspann, und schon ist die Atmosphäre dieses Films da, der so wenig aussprechen muss, um so viel zu sagen. Das Tempo ist das des Daseins selbst, wenn plötzlich alles auf einmal geschieht, wenn es Sommer und Winter zugleich wird wenn das Leben noch einmal neu beginnt, weil der, der durch seine Türen tritt, kein Kind mehr ist.

Schnitt. Turnhalle. Zwei Teams werden gewählt. Schnell sind alle aufgerufen, nur zwei Jungen bleiben sitzen. Der eine, etwas dunkler als die anderen, mit vollen Lippen, fast auf Mädchenart schön, und doch ist nichts Feminines an ihm. Und ein zweiter, ein blonder, etwas eckiger, etwas linkischer mit einem kleinen grünen Stein im linken Ohr. Nie ist man einsamer als mit 17 Jahren, übriggeblieben auf einer Turnbank, allein.

Wird das Spiel des Lebens ohne sie beginnen?

Allein? Sie sind doch zu zweit. Ein hastiger halber Blick streift den jeweils anderen. Nein, diese Notgemeinschaft auf der Bank macht nichts besser. Auch nicht, dass beider Namen doch noch genannt werden, in jenem herablassenden Ton, in dem man solche auffordert näherzutreten, die nicht dazu gehören. Wird auch das Spiel des Lebens ohne sie beginnen, ohne Thomas (Corentin Fila) und Damien (Kacey Mottet Klein)?

Immer wieder erzählt das Kino von der Not und dem Glück des Erwachsenwerdens erzählt; es ist eine uralte Geschichte, dieses Jungsein, und doch jedesmal neu, mit jedem Leben und jedem Film, wenn man sie so erzählt wie André Téchiné, dieser Veteran der Berlinale. Zuletzt zeigte er hier 2005 „Les temps qui changent“ und 2007 „Les témoins“.

Einander sehen, heißt sich prügeln

Thomas und Damien. Sollten die beiden sich nicht zusammentun? Immerhin sind zwei Außenseiter schon eine beginnende Mehrheit, aber im Gegenteil. Einander sehen, heißt sich prügeln.

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Der Mann ist ein missliches Produkt der Evolution. Warum muss diese beklagenswerte Spezies stets mit den Fäusten erwachsen werden? Warum stellt Thomas Damien ein Bein, als er durch den Mittelgang der Klasse geht?

Das Schöne an diesem Film ist, dass er gar nichts weiter zu erklären braucht, und noch die letzte mediatorisch gesinnte Sozialarbeiterin müsste einsehen: Die da müssen sich schlagen! Sie haben keinen Grund dazu, umso schlimmer, umso auswegloser!

Nichts liebt er so wie das Leben hier oben

Zwischen Kacey Mottet Klein als Damien und Corentin Fila als Thomas flirrt eine Spannung, selbst wenn sie nur hintereinander gehen.

Das Kino lässt uns sehen, was das Leben sonst vor uns verbirgt, weil Menschen einander gewöhnlich die Außenseiten ihrer Unbelangbarkeit zukehren. Da ist Thomas’ zärtliche Sorge um seine kranke Mutter, die nicht seine Mutter ist. Er ist ein Adoptivkind, jeder sieht ihm an, dass er nicht auf diesem rauen Bergbauernhof geboren ist, und doch liebt er nichts so wie das Leben hier oben.

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Téchiné macht die schroffe Bergwelt der Pyrenäen zur Verschworenen, zur Miterzählerin. Sie hat nichts Redseliges, „Quand on a 17 ans“ auch nicht. Der Film wird es nie aussprechen, dass Thomas das Kind, das seine Mutter trägt, feindlich empfindet. Denn hätte sie eigene Kinder bekommen können, wäre er kaum hier. Und dass es diesmal vielleicht doch klappt, hat sie nur dem Eingreifen einer resoluten Landärztin zu verdanken: Damiens Mutter, ausgerechnet.

Leben heißt Eingreifen! Diese Agentin der vita activa macht vor nichts halt, sie holt sogar den versetzungsgefährdeten Thomas zu sich nach Hause – schließlich kennt sie ihn jetzt –, holt ihn in eine, sagen wir, bildungsnähere Umgebung.

Sandrine Kiberlains Spiel zerstreut alle Zweifel

Thomas und Damien unter demselben Dach! Das wir diese, nunja, dramaturgische Gewagtheit, um nicht von Gewaltsamkeit zu sprechen, einfach hinnehmen, liegt nicht zuletzt an Sandrine Kiberlain. Das Temperament dieser Darstellerin, die auf fast hässliche Weise schön, auf eine anziehende Weise beinahe hässlich sein kann, zerstreut alle Zweifel. Und wie allmählich erst uns und Damien bewusst wird, dass er diesen unmöglichen, diesen ganz und gar untragbaren Hausgast liebt, mit aller Unsicherheit, aller Verwundbarkeit des Zumerstenmal. Und aller Vorläufigkeit auch. Ausgerechnet Thomas!

Das Beglückende an diesem Film: „Quand on a 17 ans“ macht uns zum Mitwisser des Lebens selbst, seiner heilenden, seiner zerstörenden Kraft, dort, wo kein sozialarbeiterischer Blick mehr hinreicht. Und es hieße wohl, diesen Film zu verkennen, nähme man ihn nur als Geschichte eines Coming Outs. Was zur tiefsten Erfahrung einer Jugend werden kann, sprengt mitunter alle Bekenntnisse und Eindeutigkeiten.

15.2., 15 Uhr (Friedrichstadt-Palast) u. 21 Uhr (Zoo-Palast 1), 19.2., 9.30 Uhr (Friedrichstadt-Palast) u. 21.2., 19.30 Uhr (Berlinale-Palast)

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