Rapper aus Berlin-Moabit : Megaloh: Der Malocher

Drogen, Desaster, Depressionen: Der Moabiter Rapper Megaloh hat einiges durchgemacht. Jetzt startet er neu – mit Familie, dem Album "Endlich Unendlich" und einer Tournee. Am Sonntag spielt er im Berliner Bi Nuu.

Florian Zimmer-Amrhein
Uchenna van Capelleveen alias Megaloh, 32. Foto: Nesola
Uchenna van Capelleveen alias Megaloh, 32.Foto: Nesola

„2013 ist das Jahr der Maschine“, sagt der Berliner Rapper Megaloh und meint damit nicht die chinesische oder eine sonstige Kalenderrechnung. Er bezieht sich halb scherzhaft, halb im Ernst auf seinen momentanen Arbeitsalltag, der genau so beginnt, wie es im Song „Loser“ zu hören ist: „Vier Uhr, Wecker klingelt viel zu früh, nicht gut. / Völlig übermüdet, aber aufstehen, Pflicht ruft.“ Vormittags schuftet der 32-Jährige als Lagerarbeiter bei einem großen Logistikunternehmen.

Manchmal gehen auch komplette Arbeitstage für den Brotjob drauf: „Zwölf Stunden weg für ’ne Doppelschicht / Rucksack als Kissen, schlaf’ kurz zwischendurch auf ’nem Doppeltisch.“ Danach muss noch irgendwie Kraft und Inspiration da sein für die eigentlich wichtigen Dinge, zuerst die Familie und dann natürlich die Musik.

Überschlägt man die Abertausenden von Klicks, die Megalohs Lieder auf Youtube generieren, und betrachtet man das immense Renommee, das der Rapper bei Kollegen, Fans und Kritikern genießt, dann erscheint es einigermaßen merkwürdig, dass er bis heute nicht von seiner Musik leben kann. Uchenna van Capelleveen, so heißt Megaloh mit bürgerlichem Namen, kommt in Frankfurt als ältester Sohn einer Nigerianerin und eines Niederländers zur Welt. Aufgewachsen ist er aber in Berlin zwischen Beusselstraße und Alt Moabit. Dort lebt er bis heute. Auf seinen Heimatkiez ist der Rapper verdammt stolz und bringt das in seiner Musik genretypisch zum Ausdruck: „Komm mein Viertel fühlen, ich zeige dir beide Seiten. / Ich bin hier aufgewachsen, zähle zu den Eingefleischten / Moabiter hebt die Hand und zeigt das Zeichen“, rappt er etwa in seiner Kiezhymne „Moabit lebt“.

Als breitschultriger Kerl mit markiger Bassstimme verkörpert Megaloh rein äußerlich das Klischee des prolligen Straßenrappers. Sobald man ihm aber gegenüber sitzt, zeigt sich wie sehr der Eindruck trügt. Der Mann ist ein ungemein eloquenter offenherziger Akademikersohn, heiles Elternhaus, bilinguales Abitur auf dem Französischen Gymnasium, obendrein noch von der Mutter mit katholischer Strenge erzogen. „Taufe, Kommunion, Firmung: Hab ich alles mitgemacht. Ich war als kleiner Junge sogar Messdiener!“ Megaloh wächst englischsprachig auf und lernt Deutsch erst im Kindergarten. Dort hat er schnell mit dem Image eines Exoten zu kämpfen.

„Meine eigenen Eltern sehen nicht aus wie ich. Mein Vater ist hellhäutiger, meine Mutter dunkelhäutiger. Im Grundschulalter wollte ich weiß, mit 14 Jahren dann unbedingt schwarz sein“, erzählt Megaloh. Diese innere Zerrissenheit verstärkt die üblichen Leiden eines Pubertierenden. Dass er damals Hip-Hop entdeckt, hilft ihm. Es sei ein Feld gewesen, „in dem ich wirklich ich sein konnte,“ erinnert er sich.

Begeistert vom amerikanischen Gangsta Rap dichtet der junge Van Capelleveen erste eigene Reime auf Englisch. Seinen Künstlernamen leitet er von „megalomania“ – Größenwahn – ab. Seine Solokarriere beginnt 2001, er eröffnet ein eigenes Plattenlabel und textet von da an auf Deutsch. Die erste selbstproduzierte EP „Game Set Match“ wird vom Szenemagazin „Juice“ zum „Demo des Monats“ gekürt. Ein erster Achtungserfolg, doch es dauert drei weitere Jahre, bis 2005 mit „Im Game“ ein erstes Soloalbum von Megaloh erscheint. Die Insiderpresse nimmt es positiv auf, nennenswerte Verkaufszahlen erzielt es nicht. Das Label muss Megaloh Anfang 2007 wieder dichtmachen; es rentiert sich einfach nicht.

Trotz zahlreicher Kollaborationen mit deutscher Musikerprominenz wie Samy Deluxe, Xavier Naidoo oder Patrice ergeben sich für Megaloh in den Folgejahren kaum Möglichkeiten, eigene Soloprojekte gewinnbringend zu veröffentlichen. Ihn plagen Depressionen, dazu kommt exzessiver Gras- und Alkoholkonsum. Mit dem 2010 veröffentlichten Minialbum „Monster“ stirbt Megaloh den endgültigen „Egotod“, wie er es nennt. Er ist drauf und dran, die Rapmusik an den Nagel zu hängen.

Seit er Kinder hat, macht er sich mehr Gedanken über seine Texte

Eine Trendwende gelingt Megaloh erst, als er seine jetzige Lebensgefährtin kennenlernt, die bereits kleine Zwillingssöhne aus einer vorigen Beziehung hat. „Das ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt der Rapper über sein unverhofftes Familienglück. In die Vaterrolle muss sich Megaloh allerdings erst noch einfinden, was ihn auch ganz neu über seine Musik nachdenken lässt. „Wenn die eigenen Kinder die Musik hören, die man macht, dann denkt man zweimal über den Inhalt nach – wie ignorant oder plump der vielleicht ist.“

Pornografische oder beleidigende Zeilen sind von Megaloh seitdem kaum mehr zu hören. Das aktuelle Album „Endlich Unendlich“ kommt sogar völlig ohne Schimpfwörter aus. Mit Liedern wie „Glaub dran“ oder „Vaterfigur“ sind ihm dafür einfühlsame Stücke gelungen, mit denen er ein Gefühl von Hoffnung vermittelt: „Heute hab ich eine Lady, die schon Kinder hat. / Seh’ mein altes Leben, doch seh’ nicht mehr was für’n Sinn das macht / Erwach jetzt in der Nacht, um zu jobben. Finde Kraft / Tu was nötig ist, damit es uns einen Gewinn verschafft. Ich mache, was ich kann, ich forme Worte zu Reimen / Und ab heute ist es mir wichtig, auch ein Vorbild zu sein.“

Es ist sowohl die persönliche Reife, die aus diesen Zeilen spricht, als auch eine schicksalhafte Begegnung, die der musikalischen Karriere des Rappers seit 2011 zu einem späten Frühling verholfen haben. Auf einem Schul-Elternabend trifft Megaloh das Musikerpaar Max Herre und Joy Denalane, deren ältester Sohn zufällig in dieselbe Klasse geht wie die Zwillinge seiner Freundin. Dem Treffen im Klassenzimmer folgt eine musikalische Zusammenarbeit und kurz darauf eine Vertragsunterzeichnung bei Denalanes und Herres Musiklabel Nesola. Letztes Jahr spielt er als Support Act auf Herres „Hallo Welt!“-Tournee und feilt an „Endlich Unendlich“, das in diesem Frühjahr erschienen ist. Seit Ende September ist Megaloh nun auf seiner ersten Solo-Tournee unterwegs, die ihn am Sonntag auch auf die Bühne des Berliner Bi Nuu führt.

„2013 war schon jetzt ein Jahr voller Highlights“, schwärmt der Moabiter. „Ich bin seit März jedes Wochenende auf Festivals unterwegs. Und jetzt noch die erste eigene Tour.“ Der straffe Reiseplan ist mit einem Zweitjob kaum noch zu vereinbaren. Um seiner Familie die nötige finanzielle Sicherheit zu geben, nimmt Megaloh aber die Tortur einer siebentägigen Arbeitswoche vorerst in Kauf. Die gesamten Urlaubstage vom Lagerjob opfert er nun für die Tour. Über die Nachfrage, ob er bei seinen aktuellen Erfolgen so etwas wie späte Genugtuung empfinde, kann der Rapper nur lachen. Von seinem eigentlichen Traum sei er noch meilenweit entfernt. Er will in den nächsten Jahren beweisen, dass er einer der ganz Großen im Deutschen Rap ist und für dieses Ziel wird er bereitwillig noch eine Weile Pakete schleppen.

„Endlich Unendlich“ ist bei Nesola erscheinen. Konzert: Bi Nuu, 13.10., 20 Uhr

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