• Rassenunruhen in England: Im Rhythmus der Gewalt. Warum in den vergessenen Städten Englands Rassenkonflikte ausbrechen

Kultur : Rassenunruhen in England: Im Rhythmus der Gewalt. Warum in den vergessenen Städten Englands Rassenkonflikte ausbrechen

Roger Boyes

Vergessener Städte erinnert man sich erst in Wahlzeiten. Und Oldham ist, wie so viele Städte in Nordengland, eine vergessene Stadt. Dabei war die Stadt einmal reich - zur Zeit der industriellen Revolution in Großbritannien. Die Baumwollindustrie fertigte billige Kleidung und Tücher, ihre Arbeiter lebten in engen Häusern an langen, geraden Straßen. Als den britischen Arbeitern die Arbeit zu schmutzig und zu schlecht bezahlt wurde, zogen sie ins nahe Manchester oder weiter südlich nach London. Asiatische Zuwanderer - aus Pakistan, Bangladesch und Indien - nahmen ihren Platz ein.

Jetzt sind die Fabriken geschlossen. Einige Asiaten haben Läden oder Restaurants, andere fahren Taxi. Die meisten sind arbeitslos - wie die Weißen auch. Unter jungen Asiaten liegt die Arbeitslosigkeit bei 40 Prozent.

Es ist ein Mythos, dass Arbeitslosigkeit Solidarität schafft. Oldham - wie so viele der Städte im Norden - platzt fast vor Hass. Es gibt Reibereien zwischen den asiatischen Gruppen, besonders Indern und Pakistani, und zwischen den Generationen.

Lieber Drogen als schmutzige Jobs

Die älteren Asiaten, die England als Weg zum Wohlstand ansahen, sind sauer, weil die Jüngeren nicht bereit sind, schmutzige Arbeiten anzunehmen. Die Jungen nehmen - und verkaufen - Drogen. Als islamische Fundamentalisten kamen, begrüßten die Älteren das: endlich Ordnung! Die Jungen dagegen wurden trotzig, organisierten sich in Banden - wie sie sagen, um sich gegen die Weißen besser verteidigen zu können. Die meisten Spannungen gab es zwischen arbeitslosen Asiaten und arbeitslosen Weißen.

Die Gewalt hat ihren eigenen Rhythmus. Ein weißer, vielleicht betrunkener Fahrgast beschuldigt einen asiatischen Taxifahrer, ihn übers Ohr zu hauen. Ein Kampf bricht aus. Am nächsten Tag sind die Fenster mehrerer Läden der Bangladeschis zertrümmert. Am Abend werden weiße Teenager von einer asiatischen Bande verprügelt.

Zwei Gruppierungen der extremen Rechten sind in Oldham aktiv - die "National Front" und die "British National Party". Sie versuchen, aus dem rauen politischen Klima Profit zu schlagen. Einen Streit um Zuwanderung kann die Rechte nur gewinnen.

Ausländer raus aus dem Wahlkampf

Die Deutschen wissen das. In Hamburg verlor Henning Voscherau (SPD) nach einer Kampagne gegen Ausländerkriminalität Stimmen an die Rechtsextremisten. Auch Kanzler Schröder weiß das - und will die Ausländer-Themen aus dem Wahlkampf 2002 heraushalten.

Im Ganzen sind die Beziehungen zwischen den Rassen in England besser als in Deutschland. Asiatische und karibische Einwanderer haben britische Pässe und steigen in der Gesellschaft schneller auf als Türken in Deutschland. Farbige Ansager im Fernsehen sind genauso normal wie farbige Polizisten. Dennoch sind Spannungen nicht zu leugnen - besonders in den ärmsten Städten. Zuwanderung ist politisch ein heißes Eisen geworden, und zwar in ganz Europa. In einem Europa ohne Grenzen ist es wichtiger denn je, nationale Identität zu definieren. Ein Problem ist, dass rechte Gruppierungen diese Diskussion anführen.

Das ist gefährlich, wie Oldham gestern wieder sehen konnte. Die "National Front" traf sich in der Kneipe. "Sie reden unverschämt über unsere Frauen, werfen uns vor, dass wir ihnen die Jobs stehlen und dann, betrunken, suchen sie Gewalt", sagt Aschid Ali von der "Bangladesh Youth Association". Ergebnis: Asiatische Jugendliche attackieren Kneipen - das Symbol britischer Populärkultur schlechthin.

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