Rechte Verlage und ihr Programm : Rechts draußen

Das wird man doch noch drucken dürfen: Wie Buchverlage wie Manuscriptum, Antaios oder Kopp mit Büchern von Akif Pirinçci oder Udo Ulfkotte in die Nähe von Pegida driften.

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Anhänger des Bündnisses Pegida (Patriotische Europäer die Islamisierung des Abendlandes)  am Abend am 02.11.2015 auf dem Neumarkt in Dresden während einer Kundgebung.
Anhänger des Bündnisses Pegida (Patriotische Europäer die Islamisierung des Abendlandes) am Abend am 02.11.2015 auf dem Neumarkt...Foto: dpa

Bestsellerautor, mittelalt, sehr wütend, sucht neuen Verlag. Seit seinem Auftritt bei einer Pegida-Demonstration in Dresden ist Akif Pirinçci der Paria des Literaturbetriebs. Niemand will mehr etwas mit ihm zu tun haben. Fast niemand. Pirinçci hatte gesagt, dass Politiker und Mehrheitsdeutsche Leute wie ihn wohl am liebsten aus dem Land werfen oder ins KZ sperren würden. Seine Rede war eine gezielte Provokation, durchsetzt mit Beschimpfungen und Fäkalausdrücken.

Innerhalb von einem Tag nach der Rede kündigte die Random House Verlagsgruppe, die seit 1989 Hunderttausende seiner Katzenkrimis verkauft hatte, die Verträge mit dem Autor. Die Buchhandelsgrossisten boykottieren ihn, auch Amazon nahm seine Werke aus dem Angebot. Nur gebrauchte Bücher von Pirinçci gibt es dort noch, „Felidae“ als Taschenbuch ab einem Cent. Selbst der Manuscriptum-Verlag, beheimatet im westfälischen Waltrop, ging auf Distanz zu seinem Mitarbeiter. Auf seiner Website nennt er ihn einen „sprachmächtigen, aber alles andere als geschmackssicheren Autor“, attackiert jedoch gleichzeitig die „theatralische Scheinempörung“ der Medien.

Manuscriptum möchte keineswegs in die rechte Ecke gerückt werden - aggressive Kulturkritik, das ist die Stoßrichtung des Verlagsprogramms

Der Umgang von Manuscriptum mit Pirinçci wirkt paradox. Zwar hat der Verlag sich nach eigenen Angaben bereits vor der Pegida-Rede von ihm getrennt, über die Gründe dafür schweigt er. Doch das neue Buch „Die große Verschwulung“, in dem der Autor in gewohnt unflätiger, verwahrloster Sprache über das „Elend der Gleichmacherei“ und „die grausame Gender-Propaganda“ herzieht, hat er noch schnell herausgebracht. Pirinçci behauptet in seinem Blog, dass die Erstauflage von 30 000 Exemplaren bereits vergriffen sei und täglich 8000 Bücher bestellt würden. Beides dürfte stark übertrieben sein. Denn Manuscriptum hat Vertriebsprobleme, derzeit ist die „große Verschwulung“ wegen des Pirinçci-Embargos nur im Netz zu haben.

Der Verlag möchte, wie ein Sprecher betont, keineswegs in die rechte Ecke gerückt werden. Vielmehr gehe es ihm um Kritik. Manuscriptum wurde 1988 von Thomas Hoof gegründet, einem ehemaligen Landesgeschäftsführer der nordrhein-westfälischen Grünen, der mit seinem Handelsunternehmen Manufactum und dessen Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ zum Erfolgsunternehmer aufstieg. Von Manuscriptum hat er sich inzwischen getrennt und betreibt mit seiner Firmengruppe unter anderem einen Bio-Bauernhof und Forstwirtschaften. Parallel driftete der einstige Grüne immer weiter nach rechts und begann für das neorechte Magazin „eigentümlich frei“, wo er sich etwa über „ herbeihalluzinierte Heerscharen von Quer-, Transgender- und Pansexuellen“ mokiert.

Mit seinem Pamphlet „Deutschland von Sinnen“, das aus Blogeinträgen erwuchs und im Frühjahr 2014 herauskam, wurde Pirinçci zum Hassprediger. Und der Kleinverlag Manuscriptum, bei dem in diesem Jahr acht Titel erscheinen, schaffte es erstmals auf die „Spiegel“-Bestsellerliste. Aggressive Kulturkritik, das ist die Stoßrichtung des Programms. Menetekelnd wird die „kulturelle und demografische Umformung Europas und seines deutschen Herzlandes“ konstatiert. Schuld daran sind die immer gleichen Gegner: die Emanzipation der Frauen, politische Korrektheit, die Moderne, der Westen. Unter den Autoren des Hauses sind auffallend viele ehemals linke Renegaten, wie der einstige SDS-Funktionär Frank Böckelmann, Romancier und Liedermacher Bernhard Lassahn oder der vormalige „konkret“-Redakteur Jürgen Elsässer, heute Chefredakteur des als rechtspopulistisch geltenden Magazins „Compact“.

„Das Rechtsintellektuelle ist das Kommende“, lautet das Credo von Götz Kubitschek, dem Leiter des Antaios Verlags in Schnellroda

Rechte und rechtsextreme Verlage haben in der Bundesrepublik Tradition. Die Geschichte des Medienimperiums des verstorbenen ehemaligen DVU-Vorsitzenden Gerhard Frey oder der in Tübingen ansässigen Verlage Grabert und Hohenrain reichen bis in die Nachkriegszeit zurück. Sie veröffentlichen bis heute hauptsächlich revisionistische Literatur zum Zweiten Weltkrieg. Mit Titeln wie „Tatsachen zur Kriegsschuldfrage“, „Deutschlands Aufgabe im Osten“ oder „Die Weltherrschaft der Angelsachsen“ werden verlorene Schlachten noch einmal geschlagen und Ideologien wieder aufgewärmt, die seit dem Untergang des Nationalsozialismus im Tiefkühlfach liegen.

Von den Publikationen dieser Unternehmen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, geht Verwesungsgeruch aus. Wirkungsmächtiger sind die Verlage, bei denen unklar bleibt, was sie sind: konservativ, reaktionär, rechts, neorechts, rechts außen oder rechts draußen. Vielleicht auch nichts von alledem. Wenigstens antisemitisch sind sie nicht. „Das Rechtsintellektuelle ist das Kommende“, lautet das Credo von Götz Kubitschek. Der Publizist hat im Jahr 2000 den Antaios Verlag gegründet, der eng mit dem Institut für Staatspolitik sowie der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ verbunden ist und auf dem Rittergut Schnellroda in Sachsen-Anhalt residiert. Der Name Antaios huldigt dem Kriegsschriftsteller und Käfersammler Ernst Jünger, der eine Zeitschrift mit diesem Titel herausgab.

Überhaupt berufen sich Kubitschek und seine Mitstreiter gerne auf tote rechte Denker, am liebsten auf jene der „Konservativen Revolution“, die in den zwanziger Jahren die Demokratie bekämpften. Es ist ein elitärer, betont dünkelhafter Rechtsradikalismus, der sich etwa im Motto der vom Institut für Staatspolitik herausgegebenen Zeitschrift „Sezession“ ausdrückt: „Etiam si omnes, ego non.“ Frei übersetzt: Auch wenn alle mitmachen, ich nicht. Zu den Antaios-Veröffentlichungen zählen ein Anti-Charlie-Hebdo-Essay, ein dystopischer Roman über den Untergang des Abendlandes nach einer Flüchtlingsflut („Das Heerlager der Heiligen“) und eine Heidegger-Exegese durch zwei Vertreter der völkisch orientierten Identitären Bewegung („Gelassen in den Widerstand“).

Im Kopp Verlag erscheinen die Bücher von Udo Ulfkotte

Kubitschek hat vor ein paar Jahren Methoden der Studentenbewegung aufgegriffen und als „konservativ-subversive Aktion“ etwa eine Lesung von Günter Grass in Hamburg oder eine Diskussion mit Daniel Cohn-Bendit in Frankfurt am Main gestört. Zuletzt ist er mehrmals als Redner bei den Pegida-Demonstrationen aufgetreten, wo er zu zivilem Ungehorsam aufrief und dazu, „lebende Grenzen“ zu formieren, um „die illegale Masseneinwanderung zu verhindern“.

Pegida verschafft Kubitschek und seinem Antaios Verlag Auftrieb. Doch auf die Frage, ob er seine Visionen jetzt erfüllt sieht, antwortet der Publizist sarkastisch: „Ja, meine Vision ist es von Kind auf gewesen, Montag für Montag in Dresden im Kreis zu gehen.“ Götz Kubitschek soll mit dem Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Hocke befreundet sein.

Die Welt ist ein Marionettentheater. Vorne an der Rampe hampeln Holzfiguren herum, hinter der Bühne agieren Strippenzieher. Wer die Welt so sehen will, muss zu den Büchern des Kopp Verlags mit Sitz im schwäbischen Rottenburg am Neckar greifen. Dort erscheinen Titel wie „Amerikas Krieg gegen die Welt“, „Die große Enteignung“ über ein „Kartell aus Banken, Politikern und Konzernen“ gegen die kleinen Sparer oder, ein aktueller „Spiegel“-Bestseller, „Die Asyl-Industrie“. Dessen Autor, der ehemalige „FAZ“-Redakteur Udo Ulfkotte, ist der Auflagenkönig des Hauses. Seine apokalyptischen Bücher, die vor Islamismus, Parallelwelten oder dem „Albtraum Zuwanderung“ warnen, verkaufen sich nach Verlagsangaben „im sechsstelligen Bereich“.

Die Frontstellung dieser „Enthüllungen“ ist klar, in den Veröffentlichungen des Verlags geht es gegen Multikulti, grüne „Zwangsbeglücker“, gegen die USA und für Russland, und die Neuerscheinung „Lügenpresse“ greift eine Vokabel der Pegida-Bewegung auf. Verleger Jochen Kopp, ein ehemaliger Polizist, wehrt sich gegen die Bezeichnung „verschwörungstheoretisch“. Es sei ein „Totschlagargument“, benutzt, „um Andersdenkende zu diffamieren“. Seine Definition lautet: „Wir beschäftigen uns mit Themen und Meinungen, die im Mainstream nicht oder nur wenig stattfinden und im Extremfall sogar unterdrückt werden.“ Sein Unternehmen, zu dem ein großer Versand gehört, floriert. Es hat rund 60 Mitarbeiter, das Wachstum bewegt sich „im zweistelligen Prozentbereich“.

Und Akif Pirinçci? Für ihn besteht Hoffnung. Kopp sagt: „Ich gestehe, dass ich schon darüber nachgedacht habe, den Katzenkrimis verlegerisches Asyl zu gewähren.“ Sie sind Longseller, eine verlässliche Einnahmequelle.

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