Kultur : Rechts fahren, links blinken

Vor den Wahlen: Die Promis haben die Geistesgrößen ersetzt – und die Intellektuellen halten Grabreden auf die eigene Spezies

Martina Meister

Vor kurzem widmete das People-Magazin „Paris Match“ der Frage eine Doppelseite: Wer steht eigentlich wo? Emmanuelle Béart und Jeanne Moreau zeigten sich auf den Wahlveranstaltungen von Ségolène Royal. Der Schauspieler und Komiker Jamel Debbouze rief die sozialistische Kandidatin auf die Bühne seiner Show und feierte sie als „Mary Poppins“. Derweil kann sich der Konservative Kandidat Nicolas Sarkozy der Unterstützung der üblichen Verdächtigen sicher sein, allen voran der von Alain Delon, aber auch von Altrocker Johnny Hallyday und dem Rapper Doc Gyneco, der ein Buch über ihn geschrieben hat, mit dem vielsagenden Titel „Große Geister treffen sich“.

Es ist ein ungewöhnliches Spektakel: Die VIPs des Showbusiness haben die alte Rolle des französischen Intellektuellen übernommen. Das kurze Blitzlichtgewitter scheint das Gewicht der Worte endgültig ersetzt zu haben. „Wo sind die Intellektuellen geblieben?“, fragte beunruhigt ein Leitartikler der katholischen Tageszeitung „La Croix“, der ihren Part als Wahlkampfpromis auf eine billige Statistenrolle zusammenschrumpfen sah.

Nein, sie sind nicht verschwunden. Nur sind sie nicht mehr dort, wo man sie bisher gemeinhin vermutete. Links nämlich. Aber das allein ist es nicht, was in diesem Wahlkampf irritiert. Es ist die Abwesenheit einer im weitesten Sinn kulturellen und intellektuellen Dimension der Auseinandersetzung. Denn lange bevor sich die alte Garde ehemaliger Maoisten und Linksintellektueller auf die Seite Sarkozys stellte, was nur diejenigen überraschte, die aus purer Nostalgie in André Glucksmann, Alain Finkielkraut, Pascal Bruckner oder Max Gallo immer noch linke Denker sahen, schien die intellektuelle Profession von diesem schwachen und verwaschenen Wahlkampf eher irritiert als provoziert zu sein. Der Demograf Emmanuel Todd etwa, der 1995 mit seiner messerscharfen Analyse eines sozial zerrissenen Frankreichs dem Kandidaten Jacques Chirac einst unwillentlich die Vorlage für seine Wahlkampfparole der „rupture sociale“ lieferte, urteilte unmissverständlich: „Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy sind beide Kandidaten der Leere.“

Der Soziologe Eric Debarbieux beschrieb derweil einigermaßen konsterniert in einem Gastbeitrag für „Le Monde“ den neuen Ton dieser Kampagne, den er rechts wie links als intellektuellenfeindlich bezeichnet. Das Wort der Experten, der Intellektuellen, der Sozial- und Geisteswissenschaftler zähle nicht mehr. Beim Kampf um die Zustimmung des „Frankreich von Unten“, auf das auch die Sozialistin Royal setzt, wird die Meinung des „Frankreich von Oben“ übergangen: „Die einzige Humanwissenschaft, die noch zu gelten scheint, ist die der Meinungsumfragen und Politikbarometer“, urteilt Debarbieux.

Dieser Trend lässt sich selbst im Fernsehen ablesen, wo die Konfrontation der Präsidentschaftskandidaten mit Expertenwissen vollständig durch die Gegenüberstellung mit dem einfachen Bürger ersetzt worden ist. Fast ausnahmslos sind es Menschen aus dem Volk, die die Kandidaten mit ihren im Voraus formulierten Fragen und partikularen Problemen behelligen dürfen – und nicht mehr Journalisten oder Intellektuelle, deren Rolle es bisher war, das gesamtgesellschaftliche Interesse und die Kohärenz politischer Argumente im Auge zu behalten.

Angesichts dieser Lage kann es nicht verwundern, dass die Kultur die große Abwesende des Wahlkampfs ist. Kulturschaffende hatten sich bereits Anfang Dezember besorgt darüber geäußert, dass die Kandidaten kein kulturpolitisches Profil hätten. Mittlerweile, da ihre Programme detailliert vorliegen, häufen sich Aufrufe, Petitionen, öffentliche Stellungnahmen. Eigene Webseiten wurden erstellt, die das kulturpolitische Programm der Kandidaten analysieren, was so viel Arbeit allerdings nicht war: Royal widmet in ihrem 100-Punkte-Programm gerade mal zwei der Kultur. Es geht vor allem um die Einführung von Kunstunterricht.

„Die aktuelle Debatte ist kein intellektuelles Fest“, urteilt der Politikwissenschaftler Philippe Teillet. Die ehemals linken Intellektuellen wählen rechts. Die immer noch linken lancieren lauwarme Aufrufe, die Sozialistin Royal zu wählen, aber es klingt wie ein müdes „Trotz alledem“: „Am 22. April wird es zu spät sein, unsere Auflösung zu betrauern, zu spät, um unsere Handlungsunfähigkeit zu bereuen“, heißt es in einem Aufruf, den 150 Linksintellektuelle Anfang März im „Nouvel Observateur“ veröffentlicht haben. Die Petition liest sich wie eine Grabrede auf die eigene Spezies.

Es ist, als ginge eine alte Geschichte zu Ende. Sie hatte begonnen, als Jean-Paul Sartre 1965 dazu aufrief, François Mitterrand zu wählen. Als der fast zwei Jahrzehnte später an der Macht war, verstand er es wie keiner vor ihm, sich im Glanz der Dichter und Denker zu sonnen, die er bei Hofe versammelte. Und doch war es Mitterrand selbst, der die Figur des Linksintellektuellen beerdigte. Als Sartre starb, er war noch nicht Präsident, verabschiedete er den letzten „intellectuel engagé“: „Schreiben, um die Welt zu verändern.“

Als allerletzten Vertreter dieser emblematischen Spezies des Intellektuellen machte unlängst ein Kulturjournalist den bald 100-jährigen Anthropologen Claude Lévi-Strauss aus und bemerkte nicht ohne Zynismus: „Es ist wie mit den Rockgruppen: Der Mythos gehört zur Kategorie der bedrohten Tierarten.“

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