Regisseurin Maike Höhne : Die Cinematographic Clusterlady

Maike Mia Höhne wählt die Berlinale-Kurzfilme aus. Jetzt hat sie ihren ersten Langfilm gedreht.

Carolin Haentjes
Maike Mia Höhne: Regisseurin und Leiterin der Berlinale-Kurzfilm-Sektion "Shorts".
Maike Mia Höhne: Regisseurin und Leiterin der Berlinale-Kurzfilm-Sektion "Shorts".Foto: Sarah Bernhard

Sie nennt sich „Cinematographic Clusterlady“: Maike Mia Höhne leitet die Kurzfilm-Sektion der Berlinale namens „Shorts“, produziert Fernsehbeiträge, gibt Seminare an Filmhochschulen, arbeitet als freie Fotografin und Autorin und dreht nebenbei auch noch eigene Filme. Irgendwie ist sie immer mittendrin in der freien Szene, und ihre Filme sind es auch – auf andere Weise: mittendrin im Alltäglichen, im ganz normalen Drama.

In ihrem Langfilmdebüt „3/4“ streitet sich ein Paar um die 40: Sabine will unbedingt ein Kind. Mischa ist sich nicht mehr so sicher. Vielleicht später, er hat schon eins. Sie nicht – und für sie gibt es kein „Später“. Es ist die alte Geschichte: die biologische Uhr der Frau gegen die Midlife-Krise des Mannes. Sie ereignet sich immer wieder, auf immer neue Weise.

Sabine (Helene Grass) und Micha (Stephan Szász) sind eigentlich ein gutes Paar. Sabine ist Kellnerin und immer noch voller Tanzfreude, Mischa ist Architekt, der Pflanzen liebt, besonders wenn man sie rauchen kann. Anfangs ist auch alles noch in bester Ordnung, da ist Sabine noch schwanger. Aber sie verliert das Kind. Optimistisch will sie gleich ein neues machen, während Mischa sich plötzlich sträubt. Irgendetwas stimmt nicht mehr.

Höhne verzichtet auf formale Spielereien

Auch wenn sie nicht ganz über das hölzerne Schauspiel hinwegkommen, das man so oft in deutschen Filmen sieht: Dank der Unverkrampftheit von Grass und Szász und eines überraschend charmanten Bela B. Felsenheimer als Nebenbuhler gleitet der Film ganz selbstverständlich vom misslungenen Sofa-Sex zum morgendlichen Zank am Spülbecken, hält sich nicht an einem konkreten Vorfall fest, sondern protokolliert die fortschreitende Zermürbung. Bis der Konflikt alle Bereiche des Zusammenseins durchzieht und allein noch an der Frage hängt: „Kind, ja oder nein?“.

Die 1971 in Hannover geborene Maike Mia Höhne hat ihre Produktionen einmal treffend als „konzentriert“ bezeichnet. Offenbar lässt sie sich nicht ablenken von den Unmengen an Filmen, die sie zu sehen bekommt – für die Berlinale sind es jährlich zwischen 3000 und 4000. Höhne verzichtet auf formale Spielereien; „3/4“ zeigt eine Beziehungskiste: ehrlich, einfühlsam, realistisch.

Aber was heißt realistisch? Man erinnere sich an den berühmten Bechdel-Test: Drei Kriterien nannte die US-Amerikanerin Alison Bechdel 1985 in einem ihrer Cartoons, um Filme herauszufiltern, die Frauen als Charaktere ernst nehmen: Spielen mehr als zwei Frauen mit (und haben sie einen Namen)? Reden sie miteinander? Über etwas anderes als Männer? Erstaunlich viele Filme fallen durch. Erstaunlicher noch, wie wenig das einem auffällt.

Feminismus bedeutet im Alltag Verschiedenes

Im Gespräch berichtet Maike Mia Höhne, dass Nebenrollen wie „der Taxifahrer“ oder „die Krankenschwester“ fast automatisch männlich beziehungsweise weiblich besetzt werden. Als gäbe es keine Taxifahrerinnen und Krankenpfleger. Solche mechanischen Zuweisungen will Höhne durchbrechen, etwa wenn in „3/4“ die beste Freundin von Sabine als Barkeeperin arbeitet. Oder wenn es die Frau ist, die mehr Sex will, während sich der Mann entzieht, wie in ihrem Kurzfilm „Eine einfache Liebe“ (2005), der für den deutschen Kurzfilmpreis nominiert war.

Allein schon zu versuchen, die wirkliche Welt aufscheinen zu lassen, würde mehr Rollen für Frauen entstehen lassen. Rollen, in denen sie sich beweisen und mit denen sie Oscars gewinnen könnten. Auch beim Verteilungskampf um Fördergelder würden sie womöglich ein größeres Stück vom Kuchen abbekommen. Feminismus, erklärt Höhne, bedeute in ihrer täglichen Arbeit jedoch Verschiedenes: Am Set etwa habe sie sich bemüht, Arbeitstage von acht Stunden nicht zu überschreiten. Auch wenn das Budget klein war: Eltern müssen sich um ihre Kinder kümmern können.

Für die Filme heißt das, der männlichen wie der weiblichen Perspektive Raum zu geben. Deshalb versteht man Sabines verzweifelten Kinderwunsch, versteht genauso, dass Mischa sich zum „Deckhengst“ degradiert fühlt, und kann zudem nachvollziehen, wie das Paar an dem Satz zerbricht, dass es „da draußen genügend Frauen Ende 30 gibt, die keinen Mann haben, aber ein Kind wollen“.

Der Film bleibt beim persönlichen Drama stehen

Die politische Dimension aber, die Höhne im Gespräch so deutlich macht, bleibt in ihrem Film außen vor. Er fragt nicht, wie die biologischen Dispositionen der Geschlechter von der gesellschaftlichen Realität geformt werden. Warum viele Frauen heute spät Kinder bekommen oder was es mit der Lebensmittepanik der Männer auf sich hat.

So wie die Protagonisten nur Dreiviertel des Weges gehen, bleibt der Film nach Dreiviertel des Weges unentschlossen beim persönlichen Drama stehen. Aber mit seinen 80 Minuten hat er ja auch nur zu drei Vierteln Spielfilm-Format. Und der „Cinematographic Clusterlady“ bleiben ohnehin viele weitere Möglichkeiten, politisch in die Filmszene hineinzuwirken.

„3/4“ läuft an diesem Donnerstag im Arsenal-Kino, 20 Uhr. Anschließend Filmgespräch  mit Maike Mia Höhne.

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