Regisseurin Valeska Grisebach im Porträt : Tanz in der Nacht

Valeska Grisebach hat einen „Western“ gedreht, im fernen Osten Europas. Über Männer, Fremdenfeindlichkeit und den Mythos des Genres. Eine Begegnung mit der Berliner Filmemacherin.

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Cowboy ohne Hut. Meinhard (Meinhard Neumann), ein deutscher Bauarbeiter auf Montage auf der bulgarisch-griechischen Grenze. "Western" feierte Weltpremiere in Cannes und kommt am Donnerstag in die Kinos.
Cowboy ohne Hut. Meinhard (Meinhard Neumann), ein deutscher Bauarbeiter auf Montage auf der bulgarisch-griechischen Grenze....Foto: Komplizen Film
Valeska Grisebach

Valeska Grisebach, 1968 in Bremen geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Filme werden von der Firma Komplizen Film produziert, die von „Toni Erdmann“-Regisseurin Maren Ade mitbetrieben wird. Grisebach studierte Philosophie und Germanistik, bevor sie 1993 an die Wiener Filmakademie ging und unter anderem bei Michael Haneke lernte. Ihr Abschlussfilm Mein Stern gewann 2002 zahlreiche Preise. Ihr ebenfalls vielfach ausgezeichnetes Brandenburg-Melodram Sehnsucht lief 2006 im Wettbewerb der Berlinale. Grisebach arbeitet auch als Dozentin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Western ist ihr dritter Film.

Da sitzt einer auf der Veranda, hagere Gestalt, undurchdringlicher Blick, typisches Western-Gesicht. Er ist auf einem Schimmel hergeritten, ohne Sattel, ziemlich ungelenk. Das Pferd hatte auf der Wiese gestanden, es gehört Onkel Adrian, sagen die Jungs aus der Gegend. Der Reiter heißt Meinhard (Meinhard Neumann), ein Deutscher auf Montage an der bulgarisch-griechischen Grenze, er will mal gucken, was so los ist im Dorf. Mit den Kollegen baut er ein Wasserkraftwerk am Fluss, sie sind mit schweren Baumaschinen angerückt, mit Geld und Knowhow, sie leben im Camp am Fluss, verstehen die Sprache nicht, sind fremd hier. Die Frau in der Kneipe will Meinhard keine Zigaretten verkaufen, und seine Kumpel wollen erst mal gar nicht ins Dorf.

Die Berliner Filmemacherin Valeska Grisebach hat einen Western gedreht, im fernen Osten Europas. Bei der Premiere in Cannes wurde sie gefeiert, ein bisschen wie Maren Ade mit „Toni Erdmann“ im Vorjahr, nur in der Reihe „Un certain regard“. Ades Berliner Firma Komplizen Film hat „Western“ produziert, viele sagen, er hätte in den Wettbewerb gehört. Am Donnerstag startet er in den deutschen Kinos.

Grisebachs letzter Film, das Melodram „Sehnsucht“ von 2006, spielte in einem Dorf in Brandenburg. Und jetzt das Dorf Petrelik im hintersten Bulgarien. Lässt sich die Wahrheit über uns Menschen eher in der Provinz finden, an der Peripherie? Wir sitzen in der Sonne, vor einem Café in der Auguststraße, Valeska Grisebach dreht langsame Filme und redet schnell, sie sagt, dass sie ihre Filme gern auf einer zeitgenössischen Bühne ansiedelt, dabei aber das Zeitlose sucht, einen überhöhten, leicht märchenhaften Raum. Dass sie nicht auf Milieustudien aus ist, ihr aber am Naturalismus liegt, einem, der künstlich hergestellt ist. Und dass sie die Einheit von Zeit und Ort mag, die sich in der Großstadt nur schwer realisieren lässt.

Am Anfang ihrer Filme steht immer eine Frage. Bei „Mein Stern“ 2001 fragte sie Jugendliche nach ihren Träumen, bei „Sehnsucht“ wollte sie wissen, was aus den Träumen geworden ist, wenn man 40 ist. Diesmal ist es die Frage nach dem Western, nach dem Fremden. „Ich bin zwar 1968 geboren, aber bei meinen Großeltern gab es noch dieses 50er-Jahre-Fernsehzimmer, in dem wir Hans-Rosenthal-Shows mit Schnittchen vor dem Kasten geguckt haben“. Sie hat viel gesehen damals, die Melodramen mit Ingrid Bergman, „Doktor Schiwago“, Filme mit Shirley Temple, mit dem Hosenrollen-Star Lilian Harvey. Besonders beeindruckend fand sie die Western.

Ein genauer Blick hinter die Insignien und Spielregeln der Männerwelt

Später dachte sie viel darüber nach, wieso eigentlich. „Es war eine doppelte Faszination. Einerseits identifizierte ich mich mit diesen Helden, die in den Sonnenuntergang reiten, gleichzeitig war ich in sie verschossen.“ Die Frauen, die ihnen auf der Türschwelle hinterherwinken, interessierten sie weniger. Nicht dass sie den Western neu erfinden will, Grisebach nennt es einen Tanz mit dem Genre. Vor allem will sie den Helden näherkommen, ohne sie zu sezieren.

Die Insignien der Männlichkeit, die Werkzeuge, die am Gürtel baumeln. Die Accessoires der Einsamkeit, die gleichzeitige An- und Abwesenheit der Frauen. Die Spielregeln der geschlossenen Männerwelt auf Montage, die Duelle, die sie austragen, die Intimität und Zärtlichkeit unter ihnen – all dem kommt man in „Western“ tatsächlich sehr nahe. Und dieser Bürde, die ihnen eigen ist, sagt Grisebach, „weil sie ihre Gefühle nicht zeigen, gleichzeitig aber viel Gefühl dahinter ist, auch Angst wie die vor Gesichtsverlust“.

Meinhard und seine Kollegen sprechen ihre je eigenen Dialekte in der fast mythischen, wilden Westernlandschaft dieser abgelegenen bulgarischen Gegend. Sie sagen „Spacko“ und „geile Scheiße“ und „Halt die Backen“, man versteht sie nicht immer. Sie werden von Laien dargestellt; die Prosa auf dem Bau hätte sie sich niemals ausdenken können, so Grisebach. Die Arbeiter pflanzen die deutsche Fahne auf, sie betätigen die Baumaschinen mit souveränen Handgriffen, dafür haben Grisebach und ihr Kameramann Bernhard Keller einen genauen Blick. Für die Hände, die Körper, das Ikonische.

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