Kultur : Reichtum und Klugheit

Die Tefaf in Maastricht überzeugt erneut mit Spitzenwerken aller Epochen

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Trauernde. Anton Graff malte seine Frau um 1732 nach dem Tod der Tochter. Foto: v. Baeyer
Trauernde. Anton Graff malte seine Frau um 1732 nach dem Tod der Tochter. Foto: v. Baeyer

Gibt es einen oder nicht? Die Tefaf Maastricht als weltweit wichtigste Messe für Kunst und Antiquitäten versammelt, so schätzen Experten, rund 70 Prozent aller gerade international verfügbaren Altmeistergemälde. Zum Spiel medialer Aufmerksamkeit gehört Jahr für Jahr die Frage, ob ein gesichertes Bild von Rembrandt unter den millionenschweren Verkaufsangeboten ist. Diesmal gibt es eines. Und was für eines! 1658, zwei Jahre nach dem Privatbankrott, malte der bis dahin vom Erfolg verwöhnte Rembrandt einen unbekannten Mann. Es war eine für den Künstler dramatische Zeit, weil er sein Haus verkaufen musste und kaum noch Aufträge erhielt. Nur ein weiteres Bild aus diesen Jahren ist bekannt. Das in Maastricht vom New Yorker Spezialisten Otto Naumann für 47 Millionen Dollar angebotene Porträt gehört zu den letzten Gemälden Rembrandts aus seiner Spätzeit in privater Hand.

Der Rembrandt oder auch ein Bilderbuch-Renoir (Dickinson, London, 15 Mio. Dollar) sind exzeptionell und teuer, doch die Herzensbilder hängen diesmal woanders. Zum Beispiel bei Emanuel von Baeyer, dem deutschen Spezialisten für Altmeisterzeichnungen in London, der vor vier Jahren in der Talentbörse Tefaf-Showcase sein Maastrichtdebüt gab. Baeyer, der in der Sektion Tefaf on paper ausstellt, hat diesmal nicht nur Zeichnungen und Grafiken im Gepäck. 1772 oder 1773 malte Anton Graff, der Meisterporträtist der deutschen Aufklärung, seine sich kämmende junge Frau vorm Spiegel. Die Szene könnte ein Rokokoidyll sein – wenn nicht diese ungeheure Traurigkeit über allem läge. Das Bild, aus dem Portland Museum of Art in Maine auf den Kunstmarkt zurückgespült, ist künstlerische Trauerarbeit: Graff malte seine Frau kurz nach dem Tod der ersten Tochter.

Um Trauer geht es auch in Lucian Freuds Porträt seiner Mutter (1972). Zwei Jahre zuvor war Freuds Vater, der Architekt und Sohn des Psychoanalytikers, gestorben. Freud malte seine Mutter, um sie aus ihrer Depression zu holen. Das sehr private Werk kommt direkt vom Künstler. Daniel Blau (München), der im Mai Freuds erste Einzelausstellung in Deutschland präsentieren wird, bietet das kapitale Kleinformat für 2,8 Millionen britische Pfund an. Die Arbeit weist in ihrer Intimität und Kleinheit weit über das hinaus, was Sammler moderner und zeitgenössischer Kunst in Maastricht sonst erwartet: repräsentative Werke. Von Anish Kapoor, vertreten mit einer magentaroten Hohlspiegelarbeit von 2008 (Kukje Gallery, Seoul, 600 000 Pfund), bis Pierre Soulages (bei Karsten Greve) wird Großes und Werthaltiges aufgerufen. Selbst Walton Ford, der mit seinen altmeisterlichen Bestiarien bestens ins Retroambiente passt, hat die Millionengrenze überschritten. 1,2 Mio. Dollar kostet „La Fontaine“ von 2006 bei Richard Nagy (London). Monsterlöwe frisst Monsteralligator – das ist dekorativ und illustriert ganz gut den Auftritt der Messesponsoren, der in diesem Jahr die Penetranzgrenze überschreitet.

Dann lieber richtige Altmeister, ohnehin das Herz der Messe und der Grund, warum Museumsleute von Dresden bis Los Angeles anreisen. Konrad Bernheimer (München & London) zeigt neben einem vibrierenden Architekturcapriccio von Giovanni Paolo Panini (880 000 Euro) das einzig bekannte Porträt Paninis von Louis-Gabriel Blanchet (1736). Fantastische Architektur auch bei Otto Naumann: Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, malte Mitte der 1760er Jahre in Dresden seine Vision einer höfischen Kulisse (12 Mio. Dollar). Dass man in Maastricht auch die Freiheit hat, Spitzenwerke deutlich unter der Millionengrenze zu erwerben, beweist das meisterhafte Bildnis des Sir William Guise von Allan Ramsey, einem großen Künstler der englischen Aufklärung. 175 000 Euro wird bei Agnew’s (London) für den smarten Mittvierziger mit dem diskreten Ennui des Rokoko aufgerufen. Dazu würde die französische Wandvertäfelung passen, die Albrecht Neuhaus (Würzburg) gemeinsam mit dem Pariser Boiserie-Spezialisten Féau für 800 000 Euro anbietet – Einbau inklusive.

Zu den herausragenden Möbeln gehören Stücke des deutschen Klassizismus und Biedermeier. Peter Mühlbauer (Pocking) entdeckte auf einer englischen Provinzauktion einen Mahagoni-Schreibtisch, den er dem württembergischen Hoftischler Johannes Klinckerfuß zuweisen konnte. Das Stück von 1825 gehörte einst Königin Charlotte Mathilde (245 000 Euro). Frank C. Möller (Hamburg) bietet für 140 000 Euro einen Sekretär des Berliner Meisters Karl Wanschaff, dessen Pendant im Schreibkabinett von Preußens Königin Luise im Kronprinzenpalais stand.

„Prudenza“ und „Ricchezza“, Besonnenheit und Reichtum, so das Thema zweier monumentaler barocker Marmorskulpturen von Giovanni Baratta. Bis 1902 schmückten sie die Galerie des Palazzo Giugni in Florenz, dann erwarb sie der amerikanische Milliardär James Duke für sein Gewächshaus, nun sind sie wieder in Europa: für 3,8 Millionen Euro bei Amells (London und Stockholm). Georg Laue (München) hat ein gotisches Vera icon, ein „wahres“ Christusantlitz, im Gepäck. Das äußerst rare Bernsteinrelief, nordostdeutsch um 1400, misst im Durchmesser gut acht Zentimeter und kostet 580 000 Euro.

Eine Steilvorlage für chinesische Sammler dürften die beiden je einen Meter langen Leoparden aus massivem Porzellan sein, die Cohen & Cohen (London) mit 5,5 Millionen Euro bewertet und die am Pekinger Hof um 1720 entstanden sind. Zu den ungewöhnlichsten Offerten bei den Antiken gehört das nur elf Zentimeter hohe und rund 7000 Jahre alte griechische Idol aus der späten Steinzeit, das Rupert Wace (London) für 1,2 Millionen Euro anbietet. Selbstbewusst verschränkt die dralle Dame ihre Arme vorm Bauch. So viel Gelassenheit steckt an.

The European Fine Art Fair, bis 27. 3.

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