Kultur : Reise in die Finsternis

Michael Glawoggers Film „Whores’ Glory“

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Ruhm, Pracht und Herrlichkeit sehen anders aus. Aber wie hätte Michael Glawoggers Suche nach „Whores’ Glory“ gnädiger enden können? Seine Dokumentation über das Wesen der Prostitution schließt eine Trilogie über die globalisierte Arbeitswelt ab, die der Österreicher 1999 mit „Megacities“ begann und 2005 mit „Workingman’s Death“ fortsetzte. Mit seinem kinematographischen Blick versucht er, ein geschlossenes Universum zu durchdringen, das als Inbegriff ausbeuterischer Verhältnisse gilt.

Glawogger war nie ein Moralist, er war eher ein politischer Existenzialist – und als Dokumentarist ein suggestiver Erzähler, der die Menschen, denen er begegnete, seiner persönlichen Vision unterwarf. Es gibt kaum Figuren jenseits der ihnen zugedachten Rolle, nur Schicksale, die einen Moment lang aus der Anonymität hervortreten. Darin waren seine Filme immer ambivalent. Auch „Whores’ Glory“ konstruiert einen universalen Verblendungszusammenhang, der das jeweils Besondere, hier die Diagnose, dass sich Prostitution je nach kulturellen und religiösen Voraussetzungen unterscheidet, gleich wieder aus dem Blick verliert.

„Whores’ Glory“ ist eine in satten Farben bildmächtig orchestrierte, mit einem imposanten Popsoundtrack unterlegte Reise in die Finsternis, bei der man Höllenkreis um Höllenkreis durchschreitet, ohne in läuternde oder erlösende Bereiche vorzustoßen. Vom Mahayana-Buddhismus in Bangkok über den Islam in Bangladesch gelangt man bis zu einem in Gestalt des Sensenskeletts der Santa Muerte mexikanisch verzerrten Katholizismus. Hier wird nichts erklärt, nichts mit Fakten und Hintergrund angefüttert. Das Atmosphärische steht wie immer über dem Analytischen, und doch kann man Glawogger keine Ästhetisierung durch Beschönigung vorwerfen. Die Ästhetisierung findet viel eher durchs Ausmalen des Schreckens statt.

Glawogger nennt „Whores’ Glory“ ein Triptychon. Demnach gibt es ein erzählerisches Zentrum und zwei Ausfaltungen. In der Mitte steht Faridpur, ein Dorf der Freuden in Bangladesch. Organisiert von Frauen, die früher oft selber Prostituierte waren, rekrutieren sie ihre eigenen Kinder oder nehmen Waisen von der Straße auf, mit dem durchaus ernst gemeinten Versprechen, ihnen eine Zukunft zu ermöglichen. Doch was immer hier an mütterlicher Zuneigung im Spiel sein mag, wird vom Geschäft sofort aufgezehrt. Glawogger zeigt eine Gesellschaft der unentrinnbaren Abhängigkeiten. Jeder hält seine Hand auf, und so manche alternde Hure kann die laufenden Kosten kaum mehr aufbringen.

Das ganze Elend der Frauen wird hier in einem klaustrophobischen Ghetto sichtbar – und von den Frauen resigniert ausgesprochen als das ihrem Geschlecht zugedachte Schicksal. Ohne eine durch den Islam öffentlich verleugnete Sexualität lässt es sich nicht denken: für die Männer darin, dass sie ohne Faridpur, wie einer sagt, ihre Ehepartnerinnen vor Geilheit zerfetzen und es mit Kühen und Ziegen treiben würden. Für die Frauen darin, dass ihnen Oralverkehr verboten ist, weil der Mund die heiligen Suren des Korans spricht.

Finsterer wird es nur noch in La Zona, einer Hüttenstadt vor den Toren von Reynosa im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas, wo eine alternde Hure mit entblößten Brüsten erzählt, wie sie 25 Jahre lang die Nummer eins hier war, zu einer Zeit, als Kondome noch ungebräuchlich waren und Männer mit Käsefüßen sich hierhertrauten. Sie trinkt nur Schnaps, ihre Nachfolgerinnen rauchen schon Crack. Nur den Thaimädchen in ihrem glitzernden Aquarium, aus dem die Männer sie wählen, traut man zu, ihren Job noch einmal loszuwerden. Nur sie haben das Recht, sich einzureden, dass die Freier auch ihre Ware seien. Wie sie ihre Freiheit in Diskotheken mit bezahlten Animateuren suchen, das dreht die Rollen auf einmal um – und erzählt etwas von der doppelten Einsamkeit dieser Art von Liebe.

Das ist teils beobachtet, teils nachgespielt: eine an sich legitime Doppelstrategie, deren Problematik gerade hier aber darin liegt, dass sie die Reflexion darüber, auf welche Illusion sich die Freier einlassen, nicht mehr zulässt. Und hat nicht auch Glawogger bei allem Vertrauen, das die Frauen ihm geschenkt haben, für ihre Mitwirkung bezahlt? Wie sonst hätte er mit der Kamera in Reynosa Zeuge der einzigen offenen Sexszene werden können. Es ist Glawoggers Leistung, überhaupt in diese Räume vorgedrungen zu sein. Die Hergestelltheit der Blicke und Äußerungen, die er aus ihnen mitgebracht hat, nicht einordnen zu können, ist ein entscheidendes Manko. Gregor Dotzauer

Ab Donnerstag im Eiszeit und den Hackeschen Höfen

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