Reisefreiheit : Was für ein Europa wollen wir?

Wir laufen Gefahr, dass uns in Europa eine lang erkämpfte Freiheit abhanden kommt. Der Fall Akhanli macht das deutlich. Eine Kolumne.

Deniz Utlu
Über ihnen der Himmel - und vor ihnen? Flüchtlinge in Ungarn, September 2015.
Über ihnen der Himmel - und vor ihnen? Flüchtlinge in Ungarn, September 2015.Foto: dpa

Wie sehr ist die EU noch die Europäische Union? Die ersten Reisen auf eigene Faust machte ich in Europa. Ohne Bedenken übernachtete ich in einer Bucht in Portbou oder in geparkten Zugwaggons in den Pyrenäen. Selten wurde ich auf Reisen nach meinem Pass gefragt – das passierte eher bei „Routinekontrollen“ in Deutschland. Meine ganze Jugend, mein halbes Leben ist geprägt von dem Privileg, mich durch Europa zu bewegen wie durch das Viertel, in dem ich aufgewachsen bin.

Auch der Schriftsteller und deutsche Staatsbürger Dogan Akhanli muss sich in Sicherheit gewogen haben in seinem Hotel in Madrid, wo es an einem Augustmorgen klopfte und spanische Beamte nach seinem Pass fragten: Die Türkei fahnde nach ihm.

Durch Europa zu reisen, scheint nicht mehr so bedenkenlos leichtfüßig möglich zu sein wie für einen Teenager vor zehn oder zwanzig Jahren. Natürlich spielt es eine Rolle, wer reist. Allerdings bezieht sich das „Wer“ nicht nur auf die Papiere, auf die Staatsbürgerschaft, sondern auch auf die ethnischen, familiären oder politischen Bezüge. Aber wo immer aufgrund von Herkunft oder Gesinnung das Ausgesetzt-Sein eines Menschen zunimmt, verlieren alle, auch diejenigen, die sich in Sicherheit wähnen, ein Stück von ihrem Zuhause. So wähnte ich mich in den letzten Jahren mehr als einmal zusammen mit Millionen Touristen an den Küsten Europas in Sicherheit, während vor diesen Küsten Tausende Menschen im Mittelmehr ertranken. Aber so sicher wir uns auch glaubten, wir saßen da beraubt um eine Freiheit: Denn wer den „Schutzbefohlenen“ die Hand nicht entgegenstreckt, der spürt nur das Nichts zwischen den Fingern.

Was, wenn das häusliche Europa sich als Illusion entlarvt?

In dem Jahr, in dem ich mich in der Bucht von Portbou unter einem Sternenhimmel sicher fühlte, hatte das Sterben im Mittelmeer noch nicht begonnen. Portbou war für mich ein Grenzstädtchen mit erstaunlich großem Bahnhof und felsigen Klippen. Jahre später begegnete ich dem Namen dieses Städtchens in einem Gedicht von José F. A. Oliver wieder: „zum rauhen menschen- / klima gebracht / Portbou, z. b. / - wie sie auch uns schikanierten jahre später –“. Das Gedicht führte mich zu Walter Benjamin, der am Morgen des 26. September 1940 in Portbou tot in seinem Hotelzimmer lag. Man hatte ihm den Grenzübertritt verwehrt.

Ich frage mich, was wir, die Bewohner dieses Kontinents, von Europa wollen. Zum Beispiel, dass Europa ein Ort ist, an dem sich alle bedenkenlos bewegen können? Im Kleinen und Konkreten hieße das, dass darüber nachgedacht werden sollte, wie Staaten ihren Schutzpflichten gegenüber den eigenen Bürgern und gegenüber allen Menschen besser nachkommen können, sodass jemand wie Akhanli erst gar nicht in eine solche Situation gerät – war in Deutschland nicht bekannt, was Spanien dazu veranlasste ihn festzunehmen? Im Großen und Allgemeineren ist es das Gefühl, dass in Europa eine Freiheit schon längst verloren gegangen ist, die aufgrund historischer Erfahrungen erkämpft worden war und nur kurz bestehen durfte. Der Verlust dieser Freiheit wird zuerst spürbar für die Gefährdetsten, nämlich Menschen, die auf der Flucht sind, während wir uns noch lange sicher fühlen. Bald erreicht der Verlust einige Minderheiten und irgendwann erfasst er uns alle, weil das häusliche Europa nicht mehr existiert oder sich als Illusion entlarvt. Aber nichts davon passiert einfach: Wir entscheiden über das Europa, in dem wir leben – auch wenn dieses Thema zwischen Elektroautos und „englischsprachigen Hipstern“ für den Wahlkampf untergegangen zu sein scheint.

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