Relaunch des "Merkur" : Der Himmel über der Bleiwüste

Fast ein Vierteljahrhundert liegt die letzte optische Auffrischung zurück: Nun hat der "Merkur" sein Erscheinungsbild wieder überholt. Die traditionsreiche "Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" ist dadurch deutlich besser lesbar geworden.

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Das Cover des optisch aufgefrischten Januarhefts 2015.
Das Cover des optisch aufgefrischten Januarhefts 2015.Foto: Klett-Cotta

In Zeiten des Desktop-Publishings ist die Rede von der Bleiwüste nur noch eine hübsche Metapher. Artdirektoren, die von Berufs wegen zu der Behauptung neigen, dass jedes Bild mehr sagt als tausend Worte, beschwören sie ohne Ansehen von sprachlicher Farbe und Kontur als Vergrämung williger Leser. Und die Bewohner bunt blinkender Online-Paradiese verachten sie als Inbegriff einer überholten Printkultur. Wie aus tiefster Vergangenheit wirkt es, wenn der Berliner Komparatist Gert Mattenklott Bleiwüsten noch in den 80er Jahren als den Ort beschrieb, dem „die Poesie des Romans“ als „Fata Morgana unserer Einbildungskraft“ entsteige, oder der philosophierende Dichter Edmond Jabès Schrift und Wüste in seinen Denkbildern zusammenbuchstabierte.

Dabei kennt gerade der geduldige und erfahrene Leser die klaustrophobischen Weiten sich bis an die Seitenränder ausdehnender Satzspiegel und das Bedrückende mangelhaft spationierter und durchschossener Fließtexte. Es gibt, jenseits der Kunst des Verstehens, eine Psychologie des Lesens, die schon beim Layout beginnt. Ein Teil davon hat mit der kognitiven Ausstattung des Menschen zu tun, ein anderer mit den kulturellen Wandlungen, denen alles Lesen unterworfen ist: Typografie und Umbruch definieren die Erwartungen an das, was transportiert wird.

"Merkur" erwartet Proteste der Altabonnenten

Als der „Merkur“ 1992 sein Erscheinungsbild zum zweiten Mal nach seiner Gründung 1947 modernisierte, ging es um das „Versprechen intellektueller Redlichkeit, Souveränität und Genauigkeit“. So steht es, 23 Jahre später, im Vorspruch zum optisch überarbeiteten Januarheft der „Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken“. Wie erhält man es aufrecht und verabschiedet sich zugleich von der „tendenziell leblosen Strenge“, die Christian Demand und Ekkehard Knörer 2012 bei der Übernahme des Blattes von Karl Heinz Bohrer und Kurt Scheel anwehte? Der Satzspiegel ist deutlich luftiger geworden, das Format in der Höhe minimal geschrumpft, und die Abteilungen Kritik und Marginalien, die nach den großen Essays zweispaltig umbrochen folgen, werden einmal durch einen grauen Streifen am Seitenkopf und einmal in der Innenfalz markiert.

Dennoch ist der Relaunch eher eine Retusche. Man hat, schon weil die Serifenschrift Bodon beibehalten wurde, nicht den Eindruck, eine andere Zeitschrift in der Hand zu halten, wohl aber eine deutlich besser lesbare. Die in der Netzwelt fetischisierte Verweildauer beim einzelnen Text, die sich im Journalismus oft nur nach Sekunden bemisst, dürfte deutlich gestiegen sein: So soll es sein – auch wenn die Redaktion schon bang die Proteste von Altabonnenten erwartet.

Warum nur ein Twitter-Account?

Der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe gilt der „Gegenwart des Digitalen“ auf unterschiedlichsten Gebieten. Caspar Hirschi und Carlos Spoerhase beschreiben den Wahnsinn der geisteswissenschaftlichen „Publish or perish“-Maxime in der Epoche von Open Access. Dirk Baecker prophezeit die Abwertung der Währung Geld gegenüber der Währung Information, und Valentin Groebner denkt über die unterschiedlichen intellektuellen Halbwertszeiten von digitaler und analoger Publikation nach.

Das alles will akademischen Ansprüchen genügen und zugleich, wie es von nun an programmatisch in jedem Heft heißen wird, „gleichermaßen Distanz zum Feuilleton wie zu Fachzeitschriften“ halten. Wenn sich das auf die Abscheu vor den Hysterien des Journalismus wie vor den Schreibschwächen deutscher Professoren bezieht, ist es eine begrüßenswerte Sache. Ob es auch eine Rolle beschreibt, die sich durchhalten lässt und zurück in eine Debattenkultur führt, die unter den agents provovateurs Bohrer und Scheel auch der bundesrepublikanischen Medienökologie vor der Netzdämmerung geschuldet war, dürfte selbst die Redaktion bezweifeln: Einen Wunsch ist es wert.

Es wird ohnehin längst aus allen Rohren geschossen. Unter merkur-blog.de findet sich eine Chronik der laufenden Ereignisse rund um das Heft. Ob der „Merkur“ allerdings tatsächlich einen Twitter-Account braucht, der im Grunde nur die Facebook-Posts bewirbt – das könnte man sich bei so viel würdevoller Distanz nach allen Richtungen noch einmal überlegen.

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