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Rempeln, Rüpeln, Rücksichtslosigkeit : Die verwahrloste Gesellschaft

17.12.2012 11:44 Uhrvon
Türen werden vor der Nase zugeschlagen, an der Kasse wird gedrängelt, in der U-Bahn ins Handy gebrüllt. Rücksichtslosigkeit und Aggression an allen Orten und in allen Bereichen.Bild vergrößern
Türen werden vor der Nase zugeschlagen, an der Kasse wird gedrängelt, in der U-Bahn ins Handy gebrüllt. Rücksichtslosigkeit und Aggression an allen Orten und in allen Bereichen. - Foto: dpa

Rüpel und Asoziale überall - zwei Neuerscheinungen konstatieren die Verwahrlosung unserer Gesellschaft. Doch sie geben auch Anregungen, wie ein anderes Leben praktiziert werden kann.

Wer kennt es nicht, zumal in einer Großstadt wie Berlin: Es wird gehupt, geschnitten, abgedrängt. Türen werden vor der Nase zugeschlagen, an der Kasse wird gedrängelt, in der U-Bahn ins Handy gebrüllt. Rücksichtslosigkeit und Aggression an allen Orten und in allen Bereichen.

„Die Rüpel-Republik“ nennt Jörg Schindler seinen Aufschrei gegen die Verrohung der Sitten. In leichter, pointierter Sprache und in kurzen, überschaubaren Kapiteln beschreibt Schindler den „alltäglichen Bürgerkrieg“ im Straßenverkehr: „Jeder rüstet daher auf, alles wächst – der Hubraum, die Geschwindigkeit, der Aggressionspegel.

“ Der Regelbruch, schreibt Schindler, ist zum Regelfall geworden und ein Innehalten ist nicht in Sicht, im Gegenteil, die Sitten scheinen immer rauer zu werden. Eine „um sich greifende gesellschaftliche Verwahrlosung“ stellt Schindler fest, mit Politik und Wirtschaft als Vorreitern.

Der Bruch vollzieht sich für den „Spiegel“-Journalisten Anfang der 80er Jahre, als in der Folge von Thatcher und Reagan Deregulierung zur Leitlinie erklärt wurde: „Alles wurde nun liberalisiert, also befreit: der Handel von seinen Schranken, der Markt von seinen Restriktionen, die Arbeit von ihrem Schutz, die Banken von ihrer Aufsicht, die Welt von ihren Grenzen, der Mensch von seiner Privatsphäre.“ Jeder gegen jeden ist zur Ideologie erklärt worden.

Ist es die zunehmende Arbeitsbelastung, die Hektik, die Ablenkung durch Werbung und Medien? Sind es die Grundregeln des Kapitalismus, der Konkurrenzgesellschaft, den anderen zu überrumpeln, zu übervorteilen, zu bluffen, um voranzukommen? Macht uns die Werbung wirr, die uns marktschreierisch alle möglichen Statussymbole einbimst? Bläut uns das Fernsehen verblendendes und unsoziales Verhalten ein? Wir sind zu einem Volk passiver Konsumenten geworden, überfordert und geplagt von der Angst um die Existenz und der Wut auf „die da oben“. Das Resultat: Entsolidarisierung.

Der Pädagogikprofessor Wilhelm Heitmeyer bilanzierte als Ergebnis seiner zehnjährigen Studie über „Deutsche Zustände“, dass 90 Prozent der Deutschen sozialen Abstieg und Armut fürchteten. 90 Prozent! „Das heißt“, schreibt Schindler, „dass die Gesellschaft zumindest vereint ist in ihrem Unbehagen über die Zustände.“ Und „unsere Art, gegeneinander zu leben, hat den Hass auf Schwache mehrheitsfähig gemacht“. Doch das Tempo nimmt zu, der „Missmut aller gegen alle“ wächst. „Werden Konkurrenz, Wettbewerbslust und Rücksichtslosigkeit im Umgang mit Menschen untereinander zu Tugenden deklariert“, zitiert Schindler den Sozialphilosophen Oskar Negt, „dann verändert sich unversehens das vorherrschende Menschenbild einer Gesellschaft.“

Vom „Sprengsatz“ veränderter „Werte- und Moralvorstellungen“ spricht auch der Journalist Walter Wüllenweber in seinem Buch „Die Asozialen“. Der „Stern“- Autor meint damit sowohl das eine Prozent Reicher als auch jene, die von staatlicher Unterstützung existieren. Oben und Unten entfernten sich gleichermaßen von der Sozialgemeinschaft, behauptet Wüllenweber. Das eine Prozent Reicher mehre allein sein Eigentum; dort werde nur noch mit Geld Geld verdient, von den Anstrengungen und Verpflichtungen eines Konzernchefs beispielsweise wollten neue Reiche und Erben nichts mehr wissen. Viel zu nervenaufreibend und schlecht bezahlt – im Vergleich zu Zockerrenditen, die mit Privatbanken oder einem Mausklick am eigenen Computer erzielt werden.

Und die Hilfsempfänger am unteren Rand der Gesellschaft? Nicht Armut sei dort das Problem, schreibt Wüllenweber, sondern fehlende Bildung. Das Bemühen um bezahlte Arbeit aber viel zu anstrengend, disziplinierend, nervenaufreibend und schlecht bezahlt – im Vergleich zu den Regelsätzen vom Amt.

Oben wie unten werde „Tricksen als Lebensform“ betrieben. Die Reichen tricksen beim Finanzamt, die Armen beim Sozialamt. Die Mittelschicht habe den Preis zu zahlen. Oben wie Unten lebten weitgehend unbehelligt in ihren „jeweiligen Parallelgesellschaften“, oben die Elite- und Privatschulen, unten Haupt- und Förderschule.

Wüllenweber bekennt sich zur Leistung als „Leitkultur der Deutschen“ und sieht deshalb „die große Bedrohung für diese Gesellschaft“ durch jene Oben und Unten, die keine Leistung mehr bringen. „Die Bezahlung der Leistung wird fast doppelt so hoch besteuert wie der leistungslose Profit der Zockerei“, empört sich Wüllenweber. Der Spitzensteuersatz liegt bei 45 Prozent, Kapitalerträge werden pauschal mit 25 Prozent belastet. Die sogenannten Sekundärtugenden, „Leistung, Disziplin, Fleiß und Fairness, die sogenannten bürgerlichen Werte, sind heute vor allem in der deutschen Mittelschicht beheimatet“, schreibt er.

Die Bücher der beiden Journalisten berühren gesellschaftliche Missstände in Deutschland. Wüllenweber aber gibt offen zu, dass er keine Lösungen hat. Die Finanzindustrie mache die Oberschicht reich und werde von der Politik gestützt. Die Hilfsindustrie umhege die Hilfsbedürftigen und habe sich zu einem gigantischen Wirtschaftszweig gemausert, der sich immer neue Aufgaben schafft. Vor diesen beiden Mächten – Finanzindustrie und Hilfsindustrie – habe der Staat längst kapituliert, behauptet Wüllenweber.

Jörg Schindler appelliert an den Verstand des Menschen, um die „Rüpel-Republik“ wieder geschmeidiger werden zu lassen. Doch warum sollte die Vernunft auf einmal bestimmend werden, da der Autor zuvor doch wunderschön plastisch und genau das Paradox zwischen Erkenntnis und Weitermachen wie bisher herausgearbeitet hat? Kriege lassen die Menschen zusammenrücken, bemerkt Schindler, Katastrophen lassen sie wieder hilfsbereit sein, ohne nach dem Preis zu fragen. Wohlstand hingegen bringe Unzufriedenheit, noch mehr Wohlstand bringe noch mehr Unzufriedenheit. Sollen wir also auf Kriege oder Katastrophen warten, um einen Umschwung zu erleben?

Immerhin gibt Jörg Schindler im Anhang, auf zweieinhalb Seiten seiner Zustandsbeschreibung, ein paar Anregungen unter dem Titel „Einfach mal anfangen“: Darin finden sich Adressen von Stadtteilgruppen, Landkommunen, Genossenschaften, Mehrgenerationenhäusern, Netzwerken – „soziale Experimente mit offenem Ausgang“, in denen ein anderes Leben praktiziert wird als das derzeit übliche. Solche Hinweise sind womöglich hilfreicher als so manche stimmige Analyse, die am Ende bloß ratlos macht.

Jörg Schindler: Die Rüpel-Republik. Warum sind wir so unsozial? Scherz Verlag, Frankfurt/Main 2012. 253 Seiten, 14,99 €.

Walter Wüllenweber: Die Asozialen. Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren – und wer davon profitiert. DVA, München 2012. 256 Seiten, 19,99 €.

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