Renaissance Theater: „Fast normal“ : Immer wenn sie Pillen nahm

Das amerikanische Musical „Next to Normal“ von Brian Yorkey und Tom Kitt wurde mehrfach ausgezeichnet: 2009 gewann es drei Tony Awards, 2010 wurde ihm der Pulitzer-Preis für Drama verliehen. Seitdem hat das Musical seinen Siegeszug durch die Welt angetreten.

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Katharine Mehrling in einer Szene des Musicals "Kiss me, Kate".
Katharine Mehrling, hier in einer Szene des Musicals "Kiss me, Kate" auf den Bad Hersfelder Festspielen 2014, spielt in "Fast...Foto: imago/Eibner

Frau Mehrling, Sie spielen die Rolle der Diana Goodman in „Fast normal“. Was ist so ungewöhnlich an diesem Musical?
Es erzählt die Geschichte einer Mutter, die an einer bipolaren Störung leidet. Das ist schon mal ein ungewöhnliches Thema für ein Musical. Diana Goodman hat ihren Sohn verloren. Ausgelöst durch dieses traumatische Ereignis bricht die Krankheit aus, seit 16 Jahren wird sie mit harten Medikamenten behandelt. Das Stück zeigt, wie die Familie damit umgeht. Alles dreht sich im Grunde nur um die Krankheit. Das ist schonungslos beschrieben und zugleich sehr ergreifend, weil es auch die Themen Tod und Trauer behandelt.

Bipolare Störung meint, die Frau ist manisch-depressiv. Das ist eine weit verbreitete Krankheit. Merkt man denn rasch, dass mit den Goodmans etwas nicht stimmt?
Relativ schnell bekommt man mit, dass die Mutter ein Problem hat. Letztlich geht es um die Frage: Ist es krank, wenn jemand so intensiv trauert?

Diana Goodman nimmt nicht nur die stimmungsaufhellenden Pillen, die als „mother's little helper“ bekannt sind.
Sie nimmt mehrere Medikamente gleichzeitig, die heftige Nebenwirkungen haben. Und die werden in dem Stück auch beschrieben. Allerdings besteht „Fast normal“ nicht nur aus dramatischen Szenen, es gibt auch viel Humor in dem Stück. Auch meine Figur hat einen gewissen Witz und Ironie. Das ist es, was sie letztlich rettet.

Geschildert werden auch Dianas Besuche bei zwei Psychiatern. Sind die Irrenärzte womöglich verrückter als ihre Patientin?
Das wissen wir noch nicht. Wir sind ja noch auf dem Weg. Wer ist hier eigentlich verrückt? Wer spinnt hier? Diese Frage soll der Zuschauer sich selber beantworten.

Haben Sie schon einmal so eine herausfordende Rolle gespielt?
Ich habe vor einigen Jahren Judy Garland gespielt, die auch manisch-depressiv war. Kurt Cobain, Amy Winehouse, Marilyn Monroe – es gibt so viele Künstler, die an dieser Krankheit litten oder leiden. Das kriegt man nicht so mit, weil nicht darüber gesprochen wird, warum die so genial sind – und so tragisch. Und das hat oft mit diesen Extremen zu tun. Und das ist eine sehr extreme Krankheit – und sehr unlogisch.

Ist es schwierig für Sie, sich in diese Figur einzufühlen?
Sie ist ein trauernder Mensch – das ist für mich der Kern. Außerdem sind bipolare Menschen extremer in ihrem Verhalten: Euphorie und Depression wechseln sich bei ihnen ab. Aber es ist nachvollziehbar bei dieser Figur, warum sie so ist. Und ihr Mann Dan stellt sich auch die Frage: Wer spinnt hier eigentlich? Bin vielleicht ich derjenige, der durchgedreht ist? Man kann die Grenzen gar nicht mehr genau erkennen, denn es gibt ja eine gewisse Koabhängigkeit.

Auch musikalisch fällt das Musical aus dem Rahmen. Wie würden Sie das stilistische Spektrum beschreiben?
Es gibt keine typischen Musical-Songs. Wenn es zur Sache geht, dann ist es sehr rockig, wenn es weicher wird, hat es mehr eine Pop- und Country-Qualität. Die Geschichte geht aber immer weiter, auch wenn gesungen wird.

Es geht also nicht darum, dem Zuschauer durch die Musiknummern eine Verschnaufpause oder gar eine Erleichterung zu verschaffen?
Nein, gar nicht! Da gibt es keine Erleichterung. Die Emotionen werden sogar noch intensiviert durch die Musik.

Fordert das Musical dazu auf, noch einmal darüber nachzudenken, was als „krank“ und als „normal“ gilt?
Ich finde es erst mal wunderbar, dass gerade ein Musical sich dieses Themas annimmt – und dieses hat sogar den Pulitzer-Preis gewonnen. Je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto besser kann ich verstehen, was einen Menschen bewegt. Ich habe eine sehr enge Freundin, die unter einer bipolaren Störung leidet. Mit ihr rede ich fast jeden Tag – sie hat all diese Behandlungen mit sich machen lassen, die auch meine Figur durchleidet. Es ist spannend, dass ich sie durch die Arbeit an der Rolle nun besser kennenlerne. Ich hoffe, dass es mir immer besser gelingen wird: einen Mensch nicht zu beurteilen, sondern zu verstehen.

Premiere 13.6., 20 Uhr.

Weitere Vorstellungen: 14. u. 21.6., 18 Uhr, 17.-20. und 23.-27.6., 20 Uhr

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