Retrospektive für Jenny Wiegmann-Mucchi : Auf Messers Schneide

Im Faschismus war sie Partisanin. Als Bildhauerin setzte sie dem Widerstand Denkmäler. Die Zitadelle Spandau würdigt mit einer Ausstellung die Berliner Künstlerin Jenny Wiegmann-Mucchi.

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Schöpferin und Kreatur. Jenny Wiegmann-Mucchi behandelt Frauenkörper liebevoll. Foto: Kunstamt Spandau/S. Mucchi
Schöpferin und Kreatur. Jenny Wiegmann-Mucchi behandelt Frauenkörper liebevoll.Foto: Kunstamt Spandau/S. Mucchi

Wind kommt auf, ein Gegenwind. Er fährt der sitzenden Frauenfigur ins kurzgeschnittene Haar. Sie lässt es zu, hebt selbstbewusst das Gesicht. Dass sie nackt ist, wirkt selbstverständlich, nicht weiter der Rede wert. Ihre Augen sind offen, die Arme stabil nach hinten abgestützt. Die kräftigen Beine hat die Sitzende locker angewinkelt. Sprungbereit, dabei innerlich ruhig, wach und aufmerksam wirkt diese Frau.

„Das Jahr 1965“ hat die Bildhauerin Jenny Wiegmann-Mucchi ihre Plastik genannt. Nimmt der Titel auf den Vietnamkrieg Bezug? Der zweite Ehemann der Künstlerin, der italienische Maler Gabriele Mucchi, glaubte das. Die Figur selbst transportiert keine eindeutige Botschaft. Sie zeigt sich frei von Attributen und konkreten politischen Positionsbestimmungen. Aber sie verkörpert eine Haltung: Geht man um die lebensgroße Plastik herum, so fällt auf, wie kerzengerade sie dasitzt. Die Frau hat Rückgrat.

Pathos ist ihr fremd

Die Bildhauerin Jenny Wiegmann-Mucchi modellierte die Plastik in ihrem 70. Lebensjahr. Vielleicht ist sie auch ein Stück Selbstreflexion. Ein ganz anderes Sitzen verkörpert der gefangene, gefesselte „Lumumba“. Pathos ist auch dieser stillen Denkmalsetzung fremd. Wiegmann-Mucchi schuf das Porträt des Freiheitskämpfers und ersten frei gewählten Premierministers des unabhängigen Kongo im Jahr seiner Ermordung 1961. In einem posthumen Guss harrt die Bronzeplastik seit 2013 auf dem Berliner Garnisonkirchplatz in Wind und Regen aus.

Wer die spröde, zurückhaltende Kunst von Wiegmann-Mucchi, die in Italien den Künstlernamen Genni annahm, genauer kennenlernen will, findet jetzt über 80 Skulpturen und 15 Handzeichnungen in der Zitadelle Spandau versammelt. Hier in Spandau wuchs die 1895 geborene Konditorstocher auf, das Altstadthaus Breite Straße 20 steht noch. Kunst studierte sie, bevor Frauen überhaupt an der Akademie zugelassen waren, zuerst in Lovis Corinths Malschule und dann in München.

Auf der Pariser Weltaustellung gewinnt sie eine Goldmedaille

Mit ihrem ersten Ehemann Berthold Müller-Oerlinghausen schuf sie religiöse Kirchenkunst in einem strengen, neoromanischen Stil. Mit ihrem zweiten Ehemann Mucchi ging sie erst nach Paris und dann 1933 nach Italien, in seine Heimat. Da war die Rückkehr nach Deutschland schon versperrt. Exil oder freiwilliger Aufenthalt? Die Jahre in Mailand brachten ihr Aufmerksamkeit, Erfolg, vielfältige Künstlerkontakte in der italienischen Szene. 1937 zeigte sie eine liegende Mädchenfigur im italienischen Pavillon der Pariser Weltausstellung. Der feingliedrige Bronzeakt streckt sich so schwerelos, dass er kaum die Bodenplatte berührt. Über die lebendig modellierte Oberfläche spielt das Licht wie über sanft bewegtes Wasser. Halsgrübchen, Bauchnabel, Hüftknochen: Den weiblichen Körper behandelt die Bildhauerin liebevoll, voller Vertrautheit mit der weiblichen Anatomie. „Le Ciel est triste e beau“ (Der Himmel ist traurig und schön) gewann eine Goldmedaille.

Aber Traurigsein reicht nicht: Wiegmann-Mucchi politisiert sich, schließt sich den antifaschistischen Partisanen an und arbeitet dort als „Staffetta“, also Nachrichtenbotin. Als ihr Mann ab 1956 eine Gastprofessur an der Kunsthochschule Weißensee annimmt, pendelt sie zwischen Ost-Berlin und ihrem Wohnort Mailand. Sie porträtiert die frühe DDR-Kulturelite als Charakterköpfe, schroff und schrundig: den Komponisten Paul Dessau, den Schriftsteller Arnold Zweig, den Maler Heinrich Ehmsen. Ihre herb-schönen Frauenbildnisse wirken glatter, weniger individuell durchfurcht. Die DDR zollte Jenny Wiegmann-Mucchi Anerkennung. Als die antimoderne Formalismusdebatte aufflammte, gerieten ihre Arbeiten nicht ins Visier. Denn, wie der befreundete Bildhauer Waldemar Grzimek meinte: „Niemals machte sie Formexperimente“.

Eine Kunst zwischen Abgrund und Apotheose

Große Gesten vermeiden ihre Arbeiten. Heftige Bewegung zuckt selten auf, Emotion kehrt sich meist nach innen. Aber die aus Kupferblech geformten Figurenentwürfe für ihr monumentales Partisanendenkmal in Bologna balancieren, schwanken und wanken oben auf dem Rand eines hohen zylinderförmigen Runds. Sie bewegen sich quasi auf Messers Schneide, zwischen Abgrund und Apotheose. Jenny Wiegmann-Mucchi starb 1969.

Zitadelle Spandau, Galerie Alte Kaserne, Am Juliusturm 64, bis 3. September, Mo-So 10-17 Uhr

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