Retrospektive von Douglas Sirk : Als die Bilder glühen lernten

Enges Deutschland, weiter Westen: Das Zeughaus-Kino zeigt eine große Retrospektive der Filme von Douglas Sirk.

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Lana Turner als Schauspielerin Lora Meredith in Douglas Sirks letztem Film "Imitation of Life".
Lana Turner als Schauspielerin Lora Meredith in Douglas Sirks letztem Film "Imitation of Life".Foto: Universal

Ein Planwagen, nostalgisches Relikt aus Pioniertagen, zieht durch fröhlich bunte amerikanische Ideallandschaften. Auf dem Bock ein Beau mit Cowboyhut, eher geschniegelter Show-Künstler als erdiger Nomade (Dan Dailey), daneben sein schwarzer Partner in Crime (B. Scat Man Crothers). Zusammen sind sie ein lebenskluges Gaunerpaar, das den Rassismus in Hollywood zitiert und zugleich augenzwinkernd über Bord wirft.

Auf Jahrmärkten verkaufen sie als Wunderdoktor und Assistent ein selbst gebrautes Wasser gegen alle Wehwehchen und nehmen unterwegs einen aus dem Waisenhaus entlaufenen Jungen auf. In perfektem Timing tragen sie dazu bei, dass die strenge junge Frau von der Sozialbehörde einen Korruptionsskandal um die Wohlfahrt aufdeckt – ein romantisches Happy End inbegriffen.

Ausgerechnet „Meet Me At the Fair“ (1953), diese Kleinstadtkomödie mit Vaudeville-Drive und sozialkritischem Touch aus einer Zeit, in der sich die USA nicht nur in B-Pictures als Nation gutherziger Helden feierten, eröffnet die große Retrospektive der Filme von Douglas Sirk im Zeughauskino. Zwei Monate lang zeigt das mehrere Schaffensperioden umfassende Programm seine Filme: von den Anfängen im Ufa-Kino unter Goebbels’ Regime (damals unter seinem ursprünglichen Namen Detlef Sierck), dazu wenig bekannte Arbeiten aus dem Exil in Europa und der Frühzeit seiner Hollywood-Karriere – und schließlich die unvergesslichen Melodramen der späten 1950er Jahre, deren Nachhall unter Autorenfilmern wie Rainer Werner Fassbinder, François Ozon, Pedro Almodóvar und Todd Haynes einen Kult begründete.

Nach dem Jurastudium wurde er Dramaturg und Regisseur

Die Retrospektive macht nun in restaurierten, intensiv leuchtenden 35mm-Kopien die Wiederbegegnung, vielleicht auch Neubewertung möglich. „Meet Me At the Fair“ etwa, diese liebevoll rekonstruierte Kostümshow und Hommage an die Wurzeln des Jahrmarkts-Entertainments, hat als frühes Genre-Stück der leichteren Sorte viel Douglas Sirks Liebe zu den vom Theater herrührenden Stilmitteln zu verdanken. So überraschend unterschiedlich sich seine Filme präsentieren, so intensiv erzählen sie allesamt von einem goldenen Zeitalter des Kinos, das in elegant gewählte Bilder und Worte, glühende Farben und sprechende Räume, perfekte Show und existenziellen Schmerz entführt. Nicht zuletzt rühren sie an Konventionen, wenn weibliche Hauptfiguren das Herz und den Rhythmus seiner Geschichten über zwingende Familienbande und um Selbstentfaltung kämpfende Außenseiter bestimmen – entrückt artifizielle und zugleich von gesellschaftlichen Zwängen gebeutelte Schmerzensfrauen.

Detlef Sierck, 1897 in Hamburg als Sohn eines Dänen und einer Deutschen geboren, war im ersten Weltkrieg Marinesoldat, studierte danach zunächst Jura und arbeitete journalistisch, bis er Anfang der 1920er Jahre in Hamburg, Bremen und Leipzig Dramaturg und Regisseur wurde. 1934 engagierte ihn die Ufa, für die er nach anfänglichen Drehbuch- und Regiearbeiten (darunter die Ibsen-Verfilmung „Stützen der Gesellschaft“) die ersten monumentalen Zarah-Leander-Melodramen inszenierte. Das schwedische Stimmwunder in eskapistischen Tränenspektakeln wie „Zu neuen Ufern“ und „La Habanera“ (beide 1937) übte Siercks Blick für inszenatorische Raffinesse. Im ersten Film, Leanders Durchbruch in Deutschland, gerät sie aus Liebe in eine australische Strafkolonie, im zweiten muss sie sich in südamerikanischer Szenerie von falschen Liebesgefühlen befreien, und jedes Mal wiegt das unter Devisenrestriktionen nur knapp budgetierte Ambiente der Filme, die üppig sinnliche Ausstrahlung der filmischen Räume das schmale schauspielerische Vermögen des neuen Stars auf.

Sirk hielt der US-Nachkriegsgesellschaft und ihren Lebenslügen den Spiegel vor

Angesichts der Verfolgung seiner jüdischen Ehefrau Hilde Jary floh das Paar noch 1937 aus Deutschland. Raritäten aus der ersten schwierigen Phase des Exils, darunter die in der Schweiz entstandene Musikkomödie „Accord Final“ und „Boefje“, die in Holland gedrehte Fluchtgeschichte eines Jugendlichen, sind Teil der Retrospektive.

21 Filme drehte Sirk nach seiner Ankunft in den USA bis zum Rückzug Ende der 1950er Jahre für das Universal Studio. Erst 1943, nach drei Jahren beruflicher Zwangspause und drohender Armut war es ihm gelungen, mit „Hitler’s Madman“ in Hollywood Fuß zu fassen – einem fiktiven, an das antifaschistische Attentat auf den NS-Statthalter Reinhard Heydrich in Prag angelehnte Drama.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hielt Douglas Sirk der US-Nachkriegsgesellschaft und ihren Lebenslügen den Spiegel vor. In „All I Desire“ und „There’s Always Tomorrow“ porträtiert Barbara Stanwyck Frauen, die aus kleinstädtischen Enge ausbrechen und bei ihrer Rückkehr mit dem heftigen Gefühl unwiederbringlicher Vergangenheit konfrontiert werden. „Magnificent Obsession“, eines der wirkmächtigsten Melodramen Sirks, erzählt von einer Liebe, die buchstäblich blind macht. Ähnlich ergreifend ist Sirks letzter Film „ Imitation of Life“ (1959): Eine weiße alleinerziehende Mittelstandsfrau findet zu solidarischer Nähe zu einer schwarzen Haushälterin, deren Tochter den Anschein weißer Haut wahren will und die Mutter verleugnet.

Zeughaus-Kino, Deutsches Historisches Museum, 8. Juli bis 16. September. Informationen: www.dhm.de/zeughauskino

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