Kultur : Rettet die Suchtzentren

Mein erster Plattenladen war nur ein halber. Vorne wurden Toaster, Lampen und Haartrockner verkauft, hinten links waren an einem Tresen Schallplatten aufgefächert, an denen Aufdrucke wie „Top Hit in England“ oder „Titelmelodie aus Derrick“ prangten. Schallplatten, das nur für die jüngeren Leser, sind schwarze, kreisrunde Scheiben aus Vinyl, auf denen mittels einer spiralförmigen Rille Tonsignale eingraviert wurden. Im Tresen waren herausziehbare Hörer eingelassen, die an durchgesägte Telefone erinnerten. Man musste sie ans Ohr pressen und Frau Behrendt, die Inhaberin des Elektrofachgeschäfts, freundlich fragen, um sich die aktuellen Top Hits aus England vorspielen zu lassen. „It’s it’s a ballroom blitz“, schnarrten The Sweet aus dem Apparat, Suzie Quatro fauchte: „Make a stand for your man / Honey try to can the can.“ Die Stars, die auch auf Postern an den Wänden hingen,trugen enge, nietenbesetzte Lederjoppen, ihre langen Rockerhaare waren in der Mitte gescheitelt. Frau Behrendt hatte schwarze Minipli-Locken.

Später bin ich in die Kreisstadt gefahren, um im Independent-Plattenladen – dem einzigen im Umkreis von 40 Kilometern – die LPs zu erwerben, die das Musikmagazin „Spex“ angepriesen hatte. Der mürrische Händler nickte mir beim Rausgehen verschwörerisch zu, aber zu Hause erwies sich etwa das Album „Don’t Stand Me Down“ von den Dexys Midnight Runners dann als komplett unerträglich. Damit waren 18 Mark 90, für die ich in den Schulferien knapp zwei Stunden in einer Rollladenfabrik schuften musste, verpulvert. „Hast du denn noch nicht genug Platten?“, fragte meine Mutter, wenn ich wieder mit einer Tüte voller Vinyl nach Hause kam. Nein, Mutter, Platten kann man nie genug haben, ich besitze zwar schon alle Studioalben von The Smiths, aber die japanische Pressung mit den raren B-Seiten, die fehlt noch. Plattenläden sind suchtmedizinische Ausgabestellen für den TonträgerAbhängigen, Therapiezentren, in denen Männer sich – wie Nick Hornby in seinem Bestseller „High Fidelity“ gezeigt hat – bis ins hohe Alter vor dem Erwachsenwerden drücken können.

Beziehungsweise: Sie waren es. Seit jeder Song im Internet nur noch einen Klick entfernt ist, hat das große PlattenladenSterben begonnen. Abhilfe soll die Plattenladenwoche schaffen, die von Montag an zum dritten Mal in Deutschland stattfindet. Musiker wie Samy Deluxe, Kristof Scherif oder MiMi Westernhagen treten zwischen Tresen und Regalen auf, Thees Uhlmann und Max Raabe veröffentlichen exklusive Kurz- oder Langrillen (mehr unter www.plattenladenwoche.de). In England und den USA campieren Fans beim „Record Store Day“ schon vor den Läden, um die Editionen von Blur oder Bob Dylan zu ergattern. Hörer, rettet euren Plattenladen! Esst mehr Vinyl!

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