Roadmovie-Doku "Titos Brille" : Reise zu den Dibbuks

Die Berliner Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Adriana Altaras erforscht in Regina Schillings Roadmovie-Doku "Titos Brille" ihre Familiengeschichte.

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Adriana Altaras vor einem Partisanen-Bild in Slowenien.
Adriana Altaras vor einem Partisanen-Bild in Slowenien.Foto: X-Verleih

Ein Junge steht in der Synagoge von Split und singt. Er übt für seine Bar Mizwa. Hinter ihm mit verschränkten Armen sein älterer Bruder, der ihn bei einigen Zeilen begleitet. Die beiden sind Aaron und Lenny Altaras, die Söhne der Berliner Schauspielerin, Regisseurin und Buchautorin Adriana Altaras. Sie sitzt an diesem sonnigen Sommertag in der Synagoge und lauscht ihren Söhnen. Es ist ein tief bewegender, symbolischer Moment und einer der schönsten in Regina Schillings Dokumentarfilm „Titos Brille“ nach dem gleichnamigen Buch von Adriana Altaras.

In der Synagoge von Split hatte vor über 80 Jahren schon ihr Vater Jakob seine Bar Mizwa. Auf seinen Spuren und denen ihrer Mutter Thea, die aus einer wohlhabenden Zagreber Familie stammte, macht sich Adriana Altaras auf eine Reise in die Vergangenheit. Ihre Eltern sind seit zehn Jahren tot, doch als Geister spuken sie weiter im Kopf ihrer Tochter umher. „Meine Dibbuks“ nennt sie sie und hofft, durch den Trip ein wenig Distanz zu ihnen zu bekommen. Sie setzt sich in den alten vom Vater geerbten Mercedes und fährt nach Gießen, wohin ihre Eltern in den sechziger Jahren gezogen waren. Es war ein selbst gewähltes Exil, denn in Jugoslawien sahen die beiden keine Zukunft mehr, nachdem der hochrangige Militärarzt Jakob Opfer eines Schauprozesses geworden war, obwohl er einst mit Titos Partisanen gekämpft hatte und ein überzeugter Kommunist war.

"Titos Brille": Von Gießen nach Slowenien, Kroatien und Italien

In Deutschland wendet er sich genau wie seine Frau Thea, die das Lager auf der italienischen Insel Rab überlebt hatte, komplett von Jugoslawien ab und konzentriert sich auf die Arbeit und den Glauben. Jakob wird ein erfolgreicher Radiologe am Uniklinikum Gießen, Thea arbeitet als Architektin. Gemeinsam bauen sie die jüdische Gemeinde der Stadt wieder auf. Ihre 1960 in Zagreb geborene Tochter stecken sie in ein Waldorf-Internat.

Gießen ist denn auch die erste Station von Altaras’ Filmreise, die außerdem nach Slowenien, Kroatien und Italien führt. In der hessischen Stadt besucht sie die Klinik, den Friedhof und die Synagoge, deren Bau ihre Mutter initiiert hatte. Auch eines der Familiengeheimnisse kommt hier zur Sprache: Der Vater hatte eine, vielleicht mehrere Geliebte. Adriana Altaras unterhält sich mit einem Freund der Familie darüber, während alte Schmalfilmaufnahmen von Jakob und einer Blondine zu sehen sind. Dass er vor der Ehe mit Thea schon einmal verheiratet war und noch eine weitere Tochter hat, erfährt man anders als im Buch allerdings nicht. Auch die Spekulationen über einen Bruder, der möglicherweise in Kroatien lebt, werden nicht aufgenommen oder gar verifiziert. Der Film unterscheidet sich schon durch die Roadmovieform stark von der Vorlage, die viel stärker auf Altaras’ Leben in Berlin Bezug nimmt.

Die Zukunft lebt in Berlin

Gemeinsam ist beiden Versionen von „Titos Brille“ der Humor. Er verhindert, dass man von der Schwere der Familiengeschichte völlig niedergedrückt wird. Als Adriana Altaras etwa das Grab ihres Großvaters in Zagreb besucht, stellt sie angesäuert fest, dass um ihn herum lauter „frische Christen“ ihre letzte Ruhe gefunden haben. Natürlich hat hier auch die Schauspielerin Altaras einen Auftritt, denn diese Tatsache ist ihr längst bekannt. Sie denkt über eine Umbettung nach, schließlich habe ihr Opa hier „keine Zukunft“. Das klingt zunächst absurd, doch wenn man am Ende Szenen von Lennys Bar Mizwa-Feier sieht, versteht man Altaras besser, die kürzlich mit „Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus“ eine Fortsetzung veröffentlicht hat. Die Zukunft lebt jetzt in Berlin.

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