• Roger Norrington in der Philharmonie: Deutsche Strenge trifft auf britische Lebensfreude

Roger Norrington in der Philharmonie : Deutsche Strenge trifft auf britische Lebensfreude

Der britische Dirigent Roger Norrington spielt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin in der Philharomnie: Ein Konzert, das zum intimen, launigen Hausbesuch wird.

Tomasz Kurianowicz
Very British. Sir Roger Norrington.
Very British. Sir Roger Norrington.Foto: Manfred Esser/Promo

Sir Roger Norrington ist vielleicht der coolste Dirigent, mit dem das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin je zusammengearbeitet hat. Als er am Dienstagabend in der Philharmonie Joseph Haydns Sinfonie Nr. 87 A-Dur anstimmt, zeigt schon sein anfängliches Grinsen, dass sich der Engländer eher auf britische Lebensfreude als auf deutsche Strenge besinnt. Das Vivace klingt lebendig, aber nicht zu forsch; das Adagio betörend klar, aber nicht zu dominant. Auch die Holzbläser-Soli, hier übrigens im Stehen dargeboten, geraten sanftmütig und ausgewogen. Und dazwischen immer wieder Norringtons Koketterien: Er gibt dem Orchester Raum, sich zu entfalten. Manchmal lässt er die Hände fallen, als würde er den Musikern beim Improvisieren zuhören wollen. Dann lächelt er wieder, zuckt kurz zusammen und wirkt in der nächsten Sekunde voll konzentriert. Am Ende der Sätze flirtet er mit dem Publikum: Er verteilt Seitenblicke, als wären es Handküsse; grinst verschmitzt, so dass sich die Zuhörer zum Applaudieren aufgefordert fühlen. Ein öffentliches Konzert mutiert zu einem intimen, launigen Hausbesuch.

Im Anschluss dann Mozarts Violinkonzert Nr. 4 D-Dur mit Isabelle Faust als Solistin. Jeder, der Geige spielt, weiß: Dieses Konzert tut nur so, als wäre es einfach. In Wahrheit ist es schon wegen des Tempos irre schwer und in den Lagenwechseln höchst anspruchsvoll. Doch die 44-jährige Geigerin weiß sich fabelhaft zu helfen: Ihre Stradivari-Geige fabriziert diesen bestechend klaren und vollmundigen Ton, der selbst Kratzbürstigkeit in Engelsgezwitscher verwandelt. Manchmal wirkt ihr Spiel etwas hastig, aber das ist Geschmackssache. Ihr Mozart hat auf jeden Fall Humor: Isabell Faust nutzt Synkopen und schnelle Lagenwechsel wie Pointen einer Anekdote. So verblüfft sie das Publikum, das stellenweise sogar in Gelächter ausbricht. Solistin und Dirigent passen hier ganz fabelhaft zusammen.

Erst nach der Pause wird es ernst, bei Ralph Vaughan Williams’ neunter Sinfonie. Hier stellen Roger Norrington und das DSO die ganze Kraft und Präzision ihres Spiels unter Beweis und beschleunigen im Finale dieser großen, 1957 komponierten und an Filmmusik erinnernden Sinfonie von Piano auf Fortissimo in weniger als einer Sekunde. Da staunt man und denkt sich: Wow!

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