Roland Schimmelpfennigs Romandebüt : Die Wölfe sind unter uns

Prenzlauer Berg durchstreifen: Mit „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ schreibt der Theaterautor Roland Schimmelpfennig erstmals einen Roman.

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Kennen Sie den? Theatergängern ist Roland Schimmelpfennig als meistgespielter Stückeschreiber des Landes bekannt. Nun wendet er sich auch an Leser.
Kennen Sie den? Theatergängern ist Roland Schimmelpfennig als meistgespielter Stückeschreiber des Landes bekannt. Nun wendet er...Foto: dpa

Die junge polnische Gelegenheitsputzfrau Agnieszka hat ein Problem. Sie ist schwanger, aber nicht von ihrem Freund, dem Bauarbeiter Tomasz. Sondern von einer Hellersdorfer Diskobekanntschaft mit, nun ja, „kurzgeschorenen blonden Haaren“. Die Teenager Elisabeth und Micha befinden sich ebenfalls in Schwierigkeiten: Sie sind von zu Hause weggelaufen. Und weil sie sich dafür ausgerechnet einen „klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ ausgesucht haben, drohen sie auf ihrem Weg aus dem Umland nach Berlin in einem offenen Güterzugwaggon zu erfrieren. Die Eltern der beiden Jugendlichen schließlich – ein erfolgreicher Hauptstadt-Bildhauer, seine erfolglos in der Provinz hockende Künstlerinnen-Ex-Frau, ein arbeitsloser Alkoholiker und seine daheim auf ihn wartende Gattin – haben eh Probleme, und zwar ausdrücklich im Plural.
Jede Wette, dass uns dieses Personal aus Roland Schimmelpfennigs Prosawerk „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ schon bald auf einer renommierten Theaterbühne begegnen wird. Denn dass es sich hier um den „ersten Roman von Deutschlands meistgespieltem Dramatiker“ handelt, wie der Klappentext wirbt, ist schon deshalb nicht zu übersehen, weil Schimmelpfennigs Prosa tatsächlich ganz ähnlichen Bauprinzipien folgt wie seine Theatertexte. Statt auf klassische Dialoge verlegt sich der Autor ja auch auf der Bühne häufig auf epische Zustandsbeschreibungen, die dann – gelegentlich unter seiner eigenen Regie – im entsprechenden Zeigegestus aufgeführt werden.
In der Regel geht es bei Schimmelpfennig um Zeitgenossen mit ziemlich durchschnittlichen, bisweilen bis an die Klischeegrenze ausgereizten Biografien, die in mal mehr, mal weniger offensichtlichen Beziehungsgeflechten miteinander verbunden sind – und dann vom Autor nach dem Short-Cuts-Prinzip, von einem Schauplatz zum anderen schwenkend, perspektivenreich durchstreift werden.
Gern schwebt dabei ein schwergewichtiges Symbol über der Milieu-Archetypen-Personnage; eine Art Unheils-Überbau zum Zwecke tieferer metaphysischer Verunsicherung. In Schimmelpfennigs Theaterstück „Das fliegende Kind“ ist die Bedrohungsikone zum Beispiel ein schwarzes Auto, das während des Sankt-Martins-Laternenumzugs leitmotivisch auf die unschuldigen Prenzlauer-Berg-Kinder nicht ganz so unschuldiger, weil routiniert fremdgehender Eltern zurollt. Und in einem der jüngsten Schimmelpfennig-Stücke, „Am schwarzen Wasser“, lässt die düster gähnende Oberfläche eines nächtlichen Freibades von Anbeginn ahnen, dass die Jugendlichen verschiedener Milieus, die sich hier eines Nachts treffen, von den gesellschaftlichen Fliehkräften schon bald hoffnungslos auseinandergetrieben werden.

Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse

Im aktuellen Fall – dem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Romanerstling – ist der metaphysische Unruhestifter nun ein Wolf. Während das Tier am titelgebenden „eiskalten Januarmorgen“ von Polen aus Kurs auf Brandenburg und Berlin nimmt, brechen dort im Sekundentakt Scheinstabilitäten auseinander: Von der bereits erwähnten fremdgehenden Agnieszka und den ihr Zuhause verlassenden Teenagern abgesehen begegnen uns ferner ein Süchtiger, der beim Entzug kapituliert, oder eine erwachsene Tochter, die auf einem pittoresken Balkon symbolschwanger die Tagebücher ihrer Mutter verbrennt. Ob die betreffenden Paare und Passanten des Wolfes dabei überhaupt je ansichtig werden (oder lediglich seiner Spuren im Schnee beziehungsweise seines Konterfeis auf einem Zeitungstitel), ist dabei natürlich herzlich zweitrangig. Das Tier führt sein Eigenleben; wichtig ist der behauptete Einfluss auf die Innenwelt der Menschen.
Am härtesten trifft es diesbezüglich wohl den Spätkauf-Betreiber Charly, der sich von der Wolfsexistenz derart provoziert und getrieben fühlt, dass er sich sogar in halbseidene Waffenbeschaffungsgeschäfte verstrickt. Und zwar mitten im gutbürgerlichen Prenzlauer Berg, wo ein großer Teil der Handlungsfäden, parallel zur wölfischen Marschrichtung, hinführt – und der hier so gar nicht nach yuppieskem Latte-Macchiato-Bezirk, nach parodietauglichem „Schwabylon“ aussieht. Vielmehr wütet an diesem „klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ der Gentrifizierungswolf auf eine Weise, die den Ort in eine Mischung aus teilromantischer Neunziger-Retro-Atmosphäre und gleichzeitiger tagesaktueller Globalisierungskälte taucht. Bauarbeiter Tomasz ist nicht der Einzige, der sich hier – wie einst die Wohnungsbesetzer, aber doch etwas anders – schwarz und bei Kerzenlicht in den zugigen Dachgeschoss-Rohlingen einnistet, die er gerade mit seinen Kollegen für zahlungskräftige Investoren ausbaut. Während unter ihm die so gerade noch unverdrängte Ureinwohnerschaft – ein zahnloses, gebücktes Rentnerpaar wie aus einem apokalyptischen Märchen – mit Ofenheizungsfeuer gegen die Räumungsklage ankämpft, die die heraufziehende Januarkälte des 21. Jahrhunderts so mit sich bringt.
Immerhin sind bei Schimmelpfennig, wie in den Aufbruchs-Neunzigern, die wärmenden Kneipen bis in die Morgenstunden geöffnet, wo – bewährtes Spannungssteigerungsmittel – die sich suchenden Eltern und Kinder, Freunde und Freundinnen, Ex-Gattinnen und Ex-Gatten einander gern knapp verpassen, um dann auf ihrer je eigenen unspektakulären Umlaufbahn weiter vor sich hin zu kreiseln. Ob sie dabei vom symbolgehaltvollen Wolf tatsächlich in einen (temporären) Ausnahmezustand katapultiert werden oder selbiger doch nur papierene Behauptung bleibt, daran werden sich jetzt – wie seit Jahren die Theatergänger – auch die Lesergeister trefflich scheiden.
Roland Schimmelpfennig: „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“, S. Fischer Verlag, 256 Seiten, 19,99 €.

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