Kultur : Rolle des Lebens

Ang Lee und sein preisgekrönter Historienfilm „Gefahr und Begierde“

Daniela Sannwald

Ang Lee ist einer der am meisten ausgezeichneten Regisseure – zumal mit den höchstkarätigen Preisen: Mit „Brokeback Mountain“ gewann der gebürtige Taiwanese den Goldenen Löwen in Venedig 2005 und den Oscar für die beste Regie 2006, dieses Jahr erhielt er seinen zweiten Löwen für „Gefahr und Begierde“. Und seit seinem „Hochzeitsbankett“ von 1993 geht es in seinen Filmen immer wieder um unmögliche, verbotene Lieben.

Schanghai in den 1940er Jahren: Die Stadt steht unter japanischer Okkupation. Eine Rückblende führt nach Hongkong, wo 1938 eine Studententruppe Agitprop-Stücke probt, die sich gegen die japanischen Besatzer richten. Star des Ensembles ist die junge Wang (Tang Wei). Politik ist ihr egal, sie will spielen, um jeden Preis. Und weil sie die Rolle ihres Lebens wittert, stimmt sie zu, als Kuang, der Chef der Truppe, sich nicht mehr mit Theateraufführungen zufriedengeben und lieber aktiv ins politische Geschehen eingreifen möchte. Sie wollen Herrn Yi ermorden, einen hohen Beamten und Kollaborateur der Besatzungsmacht.

Also verwandelt sich Wang in Frau Mak, die mit einem reichen Geschäftsmann verheiratet ist. Sie soll zunächst Frau Yi kennenlernen, um deren Mann ausspionieren zu können. Der Plan gelingt: Die Frauen freunden sich an, kommen zu regelmäßigen Mah-Jongg-Runden zusammen, trinken, essen, schwatzen, treffen sich zum Einkaufsbummel. Wenn Herr Mak auftreten muss, steht ein anderes Mitglied der Schauspieltruppe zur Verfügung; das elegante Haus, das ihnen als Versteck und Camouflage dient, haben sie mit dem Geld eines reichen Studenten gemietet.

Ein laszives Spiel um Verführung und Verrat beginnt, um Liebe, Sex, Gewalt. Ang Lee inszeniert das Doppelgesicht der Besatzer – die hinter der Fassade bourgeoiser Wohlanständigkeit foltern und morden – ebenso wie das Doppelspiel der jungen Rebellen als Choreografie von Blicken: ungeschützte und heimliche Blicke, gewagte Blicke, Seitenblicke. Wer sieht wen, wer durchschaut was? Maske und Misstrauen: Frau Mak trägt elegante Kleider und Frisuren, kein Wunder, dass der stille, strenge Herr Yi (Hongkong-Star Tony Leung) auf sie als jüngste, schönste Mah-Jongg-Spielerin aufmerksam wird.

Gespielte Gefühle, empfundenes Spiel: Wang verliert sich mit gefährlicher Intensität in ihrer Rolle, und in einer erotisch hoch aufgeladenen Szene, wie Ang Lee sie so wunderbar zu inszenieren versteht, verlieren sich die beiden in einem schier endlosen Blickwechsel. Der Dialog stockt, verebbt, feine Rauchschleier vieler Zigaretten schweben zur Decke. Alles scheint möglich, nichts wird ausgelebt. Als Herr Yi sie an der Tür ihrer Wohnung abliefert, hinter der Wangs Mitverschwörer bereits den Augenblick des Attentats wittern, zögert sie einen Moment. Als ob sie aus einem Traum erwacht. Und als ob Mord doch keine Option sei. „Gefahr und Begierde“ (nach einer Kurzgeschichte der Chinesin Eileen Chang) erzählt von einer Schauspielerin, die ihrer Leidenschaft zum Spielen erliegt. Als Verführerin ist sie dem Geliebten immer einen Schritt voraus, sie weiß um sein vermeintlich bevorstehendes Ende. Sie genießt die Macht, die sie mit ihrer Verstellung über ihn hat, ebenso wie die mit der Affäre verbundenen Heimlichkeiten. Und sie lässt den Politaktivisten Kuang, der seine Liebe für sie verbirgt, im Unklaren darüber, dass es längst nicht mehr nur politisches Pflichtbewusstsein ist, das sie in Yis Arme treibt. Ob sie dessen sexuelle Demütigungen nur erträgt oder sogar genießt – die Heftigkeit der zwischen Brutalität und Sanftheit changierenden Sexszenen lässt es offen.

Einmal mehr versteht es Ang Lee, eine allgemeingültige Geschichte historisch und geografisch fest zu verankern. Das galt schon für „The Ice Storm“ (1997), seine amerikanische 70er-Jahre-Familienstudie, für seine Jane-Austen-Adaption „Sense and Sensibility“ (1995), den Martial-Arts-Erfolgsfilm „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ (2000) aus dem China des 18. Jahrhunderts und ebenso für „Brokeback Mountain“, die schwule, in den sechziger Jahren angesiedelte Liebestragödie zwischen zwei Cowboys. Sorgfältig protokolliert Ang Lee soziale Gefüge und die sie definierenden Rituale. Und doch belässt er der Liebe auch diesmal jenes Moment von Geheimnis, das nicht einmal die Liebenden selbst durchschauen.

Ab Donnerstag im Delphi, FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei, Neues Off, Cinestar Sony- Center (Original mit engl. Untertiteln)

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