Roman "Alle Farben Rot" : Die Schweinedämonen sind unter uns

Warum die Liebe zur Heimat wehtun muss: Laksmi Pamuntjak gibt ihr Debüt mit dem patriotischer Schicksalsroman „Alle Farben Rot“ erzählt die Geschichte Indonesiens von 1965 bis 2006.

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Alte Zeichnungen auf Palmenblättern aus Java (um 1531) . Laksmi Pamuntjak bezieht sich auf einen alten indischen Heldenepos. Foto: Fredrik von Erichsen
Alte Zeichnungen auf Palmenblättern aus Java (um 1531) . Laksmi Pamuntjak bezieht sich auf einen alten indischen Heldenepos.Foto: Fredrik von Erichsen

Namen haben im asiatischen Raum eine kaum zu überschätzende Bedeutung. Laksmi Pamuntjaks Vorname zum Beispiel kommt von der Hindu-Göttin Lakshmi, die für Schönheit und Glück steht. „Mit dem Ausdruck keberatan nama beschreibt man einen Menschen, der durch einen großen oder bedeutungsschweren Namen über Maß belastet ist“, erklärt sie mit prophetischem Unterton im Prolog zu ihrem überbordenden Debütroman „Alle Farben Rot“ – man fühlt das Unglück förmlich heraufdräuen. Denn der Lehrer Surdarminto Kinanti und seine Frau Nuniek, die auf der indonesischen Hauptinsel Java leben, haben ihre älteste Tochter – zugleich die weibliche Hauptfigur – Amba getauft. Als später noch Zwillinge folgen, erhalten diese die Namen Ambika und Ambalika, genau wie die drei sagenhaften Königstöchter im „Mahabharata“.

Dieses ursprünglich indische Heldenepos über die zeitlosen Kriegs- und Liebeswirren zweier verfeindeter Geschlechter stammt schätzungsweise aus dem vierten Jahrhundert nach Christus und umfasst rund hunderttausend Doppelverse in 19 Büchern, „parvan“ genannt. Das Mahabharata hat den Rang einer südostasiatischen „Ilias“. Daher zählen es auch die auf 17 000 Inseln verstreuten 250 Millionen Indonesier, die seit der Unabhängigkeit 1945 allein die gemeinsame Landessprache nach dem Motto „Einheit in Vielfalt“ verbindet, zu ihrer literarischen Überlieferung. Es ist aber auch in der mündlichen Überlieferung und Schattenspielen präsent.

Laksmi Pamuntjak hat viele Talente: Eine ursprünglich angestrebte Laufbahn als Konzertpianistin gab sie auf, um stattdessen in ihrer Heimatstadt Jakarta die zweisprachige Buchhandlung „Aksara“ zu betreiben. Daneben arbeitet sie unter anderem für das progressive indonesische Magazin „Tempo“ und hat sich mit „Food Writing“ einen Namen gemacht; fünf Bände umfasst ihr Restaurantführer „The Jakarta Good Food Guide“ (JGFG).

Denk daran: Rot ist der Teufel

Und nun das Romandebüt: Selbstbewusst breitet Pamuntjak das Mahabharata als gewaltige Folie über ihre Nationalgeschichte der Jahre 1965 bis 2006, indem sie den Mythos von Amba und deren Männern Salwa und Bhisma in die Gegenwart transportiert. In der historischen Vorlage ist die junge Amba dem König Salwa versprochen. Eines Nachts entführt sie der „unvergleichliche Krieger“ Bhisma aus dem elterlichen Palast. Sie verlieben sich ineinander, Amba beschwört Bhisma jedoch, sie zu ihrem Verlobten zurückzubringen. Der aber verschmäht sie nun. Reumütig kehrt sie zu Bhisma zurück und wird erneut abgewiesen. Denn der edle Recke hat einen geheimen Eid abgelegt, wonach ihm nur Keuschheit garantiert, den Zeitpunkt seines Todes selbst zu wählen. Amba wird als Srikandi wiedergeboren, eine der vielen Frauen des Prinzen Arjuna. Als der gegen Bhisma zu Felde zieht, begleitet ihn Srikandi im Streitwagen. Von ihrer Weiblichkeit entwaffnet lässt Bhisma es zu, dass ihn Srikandis Pfeile durchlöchern.

Laksmi Pamuntjak Foto: Thomas Maier/dpa
Laksmi Pamuntjak ist mit ihrem Roman-Debüt "Alle Farben Rot" auf der Frankfurter Buchmesse.Foto: Thomas Maier/dpa

„Warum muss die Liebe zu unserem Land so schmerzen?“, lautet eine Leitfrage dieses patriotischen Liebes- und Schicksalsromans. Jedes seiner sechs Kapitel beginnt mit einem Zitat aus dem Mahabharata. Zwar hatte der Lehrer Sudarminto seiner Tochter Amba stets geraten, „sich vor ihrem Namen nicht zu fürchten“. Doch als er und seine Frau den Lehrer Salwa kennenlernen und zum idealen Ehemann für die 18-Jährige ausersehen, droht sich das mythische Schicksal zu wiederholen. Erst recht als Amba in Yogyakarta an Javas Südküste ein Anglistikstudium aufnimmt und in einem Krankenhaus als Übersetzerin arbeitet. Dort begegnet sie im September 1965 dem attraktiven Dr. Bhisma Rashad, einer faszinierenden, unsteten Lichtgestalt. Inspiriert durch Aufenthalte in Ost-Berlin und Leipzig sympathisiert der junge Arzt mit den Kommunisten. Nach China und der UdSSR gab es in Indonesien Anfang der 1960er Jahre die drittgrößte kommunistische Partei der Welt. Sie wehrte sich als einzige gegen die Zwangsumsiedlung der chinesischen Bevölkerungsgruppe und hatte unter den Studenten starken Zulauf. Deshalb wurden die „Roten“ argwöhnisch, fast hysterisch vom CIA und General Suharto beäugt, der sich am 30. September 1965 an die Macht putschte und erst 1998 gestürzt wurde. In seine Regierungszeit fällt das dunkelste Kapitel des Landes: Eine Million vermeintlicher Regimekritiker wurde umgebracht, Hunderttausende in Straflager wie das auf der berüchtigten Gefängnis Insel Buru deportiert, 2000 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Die Lager bestanden bis 1978. Wer sie lebend verließ, wurde mit einem entsprechenden Stempel im Pass gebrandmarkt. „Am besten nimmst du dich immer vor der Farbe Rot in Acht“, schärft ein Polizist Ambas Reisebekanntschaft Samuel ein, der sie in der 2006 spielenden Rahmenhandlung auf ihrer Spurensuche nach Buru begleitet: „Nur so wirst du leben. Denk daran: Rot ist der Teufel. Die Roten werden dich fressen, dich zerreißen wie eben die Babi Ngepet das tun, und auch dich in einen Teufel verwandeln. Kapiert?“ Babi Ngepet sind „Schweinedämone“, wie das Glossar verrät.

Tränenreiche Pointe

Die Farbe Rot, Symbol der Liebe, des Blutes und der Linken, zieht sich als Signal durch die 670 Seiten dieses von Zeitsprüngen, symbolischen Figur-Verbrämungen der Figuren und mythologischen Verflechtungen geprägten Großromans. Diese mäandernden Exotismen sind für westliche Leser ungewohnt, wenn auch nach einer gewissen Gewöhnungsphase durchaus reizvoll. Umso mehr verärgert die ungelenke, oft einfach schlechte Übersetzung der Südostasienwissenschaftlerin Martina Heinschke: Da werden Menschen „verbracht“ wie im NS-Jargon, Amba „sieht in Eile aus“, es geht in plumpen Girlanden um „das Außergewöhnliche ihrer beider Erscheinung, das sich gegen jede Einordnung sperrte“, „ankergleiche Partner“ oder ein „großartiges“ Polizeigebäude. Hier hätte der Verlag wesentlich mehr Sorgfalt walten lassen müssen.

Am 19. Oktober 1965 werden Amba und Bhisma, stets darum bemüht, „dass ihr Leben keine Neuinszenierung des Mythos“ werde, getrennt. Amba hat bewusst eine rote Bluse angezogen, als sie die Trauerfeier für einen im Bürgerkrieg ermordeten Freund besuchen. Als Soldaten die Versammlung in der Universität sprengen, verlieren sich die Liebenden aus den Augen. Für Amba scheint es sogar, als würde sich Bhisma bewusst von ihr entfernen und sich damit für sie das Schicksal ihrer verschmähten Namensvetterin im Mahabharata wiederholen. Jahrzehnte später erhält sie die nachgelassenen Briefe ihres auf Buru ermordeten Geliebten und Vater ihrer Tochter Srikandi. Das Missverständnis klärt sich auf, doch die tränenreiche Pointe soll nicht verraten werden.

Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot. Roman. Aus dem Indonesischen von Martina Heinschke. Ullstein Verlag, Berlin 2015. 672 Seiten, 24 €.

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