Roman „Der Vergewaltiger“ : Manifest aus der Todeszelle

In seinem neuesten Pulp Roman entführt Les Edgerton den Leser in die Gedankenwelt eines Mörders. Der wartet im Gefängnis auf seine Hinrichtung - seelenruhig und beglückt.

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Bekannt für seine harte Prosa. Der mehrfach preisgekrönte amerikanische Schriftsteller Les Edgerton.
Bekannt für seine harte Prosa. Der mehrfach preisgekrönte amerikanische Schriftsteller Les Edgerton.Foto: privat

Der Zeit trotzen, sie außer Kraft setzen. Geht das? Truman Ferris Pinter lebt gegen die Zeit. Sie läuft ab für ihn, Stunde um Stunde. Pinter sitzt im Todestrakt, verurteilt wegen Vergewaltigung und Mord, und wartet auf seine Hinrichtung. Eine Wahl bleibt ihm: erschossen oder gehängt zu werden.

Pinter kann nichts mehr tun, und das genießt er. „Ich bevorzuge Einsamkeit und dieses Leben ist wie für mich gemacht“, räsoniert er in seiner Zelle. „Man wird nur minimal abgelenkt. Die Mahlzeiten werden uns gebracht und wir der Notwendigkeit enthoben, die Gefängniskantine aufzusuchen.“ Pinter war Frühruheständler, Sonderling, Menschenfeind und wurde in seinem Dorf „Kackfresse“ genannt. Und Fliegenfischer war er. Er gibt zu, die junge Frau vergewaltigt zu haben, er nennt es „Sex auf Verlangen“. Aber umgebracht hat er sie nicht. Sagt er. Nur weitergeangelt hat er nach dem Sex und zugeschaut, wie sie ertrank.

Das Glück, verwaltet zu werden

„Der Vergewaltiger“ ist eine Mischung aus Lamento und Manifest, erzählt aus der Todeszelle, voller biografischer und kulturtheoretischer Abschweifungen, durchsetzt mit „Wo war ich stehen geblieben?“-Floskeln. Der Leser schaut direkt ins Hirn des Mörders. Was er sieht, ist erschreckend. Pinter hält sich für den Übermenschen, er arbeitet daran, die Schwerkraft zu überwinden. Schweben kann er schon, am Tag X will er davonfliegen.

Romane aus der Perspektive eines Täters verstören. Das war schon bei Jim Thompsons Klassiker „Der Mörder in mir“ so, zuletzt berichtete in Ottessa Moshfeghs Historienroman „McGlue“ ein Seemann davon, wie er einem Freund den Schädel spaltete. Beim „Vergewaltiger“ irritiert vor allem die Seelenruhe des Geständnisses. „Im Gefängnis hat der Mensch keine Persönlichkeit mehr, er stellt nur ein geringfügiges Verwaltungsproblem da“, wusste Raymond Chandler. Verwaltet zu werden ist für Truman Ferris Pinter das Glück.

Les Edgerton: Der Vergewaltiger. Aus dem Amerikanischen von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2017. 158 Seiten, 12,80 €.

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