Roman "Hirngespinste" : Vor der Stille

Neu aufgelegt: J. Bernlefs Roman „Hirngespinste“ beschäftigt sich mit dem Thema Alzheimer. Dabei hat die Geschichte um den ehemaligen Manager Maarten Klein auch manchmal komische Seiten.

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Mann hält die Hand seiner Frau.
Der ehemalige Manager Maarten Klein versucht den Alzheimer vor seiner Frau zu verstecken.Foto: Patrick Pleul dpa/lbn

„Dass einem so plötzlich die alltäglichsten Verrichtungen so fremd werden können, beunruhigt mich“, sagt der 71-jährige niederländische Pensionär und einstige Manager Maarten Klein. Vor seiner Frau Vera, mit der er in Gloucester, Massachusetts lebt, versucht er, diese Gedächtnislücken zu verbergen. Nicht einfach, denn das Paar lebt zunehmend in Erinnerungen, an die Kinder, an den Krieg, an die Zeit in Holland. Und wenn es die „Erinnerungen nicht mehr gibt, ist nichts mehr da. Ich befürchte, dass er nach und nach sein ganzes Leben vergisst“, hört Maarten seine Frau sagen.

In seinem in der niederländischen Heimat bereits 1984 erschienenen, ergreifenden Roman „Hirngespinste“ erzählt J. Bernlef (1937-2012) den zunächst langsamen, bald schneller fortschreitenden Verfall des Maarten Klein konsequent aus dessen Perspektive. Der Leser weiß nur, was Klein weiß, kann sich aber aufgrund des eigenen intakten Gedächtnisses in Kleins Gedankenlabyrinth zurechtfinden – solange dieser noch die Reaktionen seiner Umwelt kommuniziert.

Alzheimer ist heute mitten in der Gesellschaft angekommen

Als das Buch 1986 bei Nagel & Kimche erstmals in deutscher Übersetzung erschien, hieß es, es verkaufe sich schlecht – dabei sei es eines der besten Bücher des Verlags. Alzheimer war in den 1980er Jahren noch kein großes Thema; da wirkte eine derart klare und ehrliche Schilderung vom Verdämmern eines Menschen noch unmittelbar erschütternd. Und beängstigend dramatisch, weil Maarten seine geliebte Frau nicht beunruhigen will, er verbirgt die Krankheit vor ihr, solange es nur geht.

Heute ist Alzheimer im Bewusstsein der ohnehin stark alternden Gesellschaft angekommen, da kommt die Neuauflage zum passenden Zeitpunkt. Wobei Bernlef diese Geschichte einer alten Liebe nicht ohne Humor erzählt, denn manche Kapriolen des alten Mannes lesen sich durchaus komisch, ohne jemals verletzend zu sein. Im Zentrum aber steht das Fortschreiten der Krankheit – konsequent werden auch die Absätze kürzer, wird die Syntax einfacher. Bis Maarten die Sprache selber mehr und mehr abhanden kommt.

J. Bernlef. Hirngespinste. Aus dem Niederländischen von Maria Csollány. Reclam, Stuttgart 2016. 164 Seiten. 12,95 €

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