Roman Polanski wird 80 : Zum Geburtstag ein Traum

Die Missbrauchsaffäre um Roman Polanski ist 36 Jahre her, aber sie überschattet weiter sein Leben. Was wäre, wenn der Filmregisseur sich überraschend in den USA den Gerichten stellen würde? Eine Hoffnungsfantasie.

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Roman Polanski Foto: Reuters
Roman PolanskiFoto: Reuters

Ob es statthaft ist, dem Jubilar – angesichts des würdigungsbedingten Wiedereintauchens in seine zerrissene Biografie – zum heutigen Achtzigsten einen Traum zu schenken? Der ginge so:

Roman Polanski reist aus freien Stücken in die USA. Weil gegen ihn seit 35 Jahren ein Haftbefehl wegen Sex mit einer Minderjährigen vorliegt – der Fall datiert vom März 1977 –, wird er zunächst festgenommen, gegen Kaution aber auf freien Fuß gesetzt. Man rollt das Verfahren, dem er sich 1978 durch Flucht nach Europa entzogen hatte, noch einmal auf – ohne Fernsehübertragung und ohne sensationsheischende Richterschaft. Das damals knapp 14-jährige Opfer, heute Mutter von drei Kindern, wiederholt vor Gericht ein letztes Mal seinen Wunsch, Polanski nicht weiter strafrechtlich zu verfolgen. Polanski selbst, der die Tat damals nicht bestritten hatte, legt seine inzwischen auch durch einen präzis recherchierten Dokumentarfilm („Wanted and Desired“) gestützte Version der Ereignisse dar: Der damalige Richter habe entgegen einer Verabredung mit den Anwälten, Polanski nach 42 Tagen Haft nicht erneut festzunehmen, plötzlich auf eine lange Gefängnisstrafe gedrängt. Das Gericht stellt nach kurzer Verhandlungsdauer das Verfahren gegen Zahlung einer Geldstrafe ein.

Polanski, nun überall auf der Welt ein freier Mann, dreht in Amerika – die besten Schauspieler reißen sich um die Rollen – den Hit seines Lebens: seinen ersten echten amerikanischen Film seit „Chinatown“ (1974). Der Thriller nach eigenem Drehbuch erzählt, wie meist bei Polanski, von Einsamen, Eingeschlossenen, Ausgeschlossenen, Verfolgten, Gejagten, psychisch Deformierten, von Allzumächtigen und von Ohnmächtigen und mündet eher in ein, zwei, drei (Selbst-)Morde als in ein Happy End. Und er ist, wie immer bei Polanski, dramaturgisch so vorzüglich gebaut wie technisch perfekt. Und, auch darauf darf man sich verlassen bei diesem Regisseur, kein bisschen langweilig.

Damals, 1980. Roman Polanski. Foto: AFP
Damals, 1980. Roman Polanski.Foto: AFP

Seiner Biografie, die unter den bekannt furchtbaren Umständen begann, eröffnet der radikale Entschluss, sich dieser einen Schuld zu stellen, den Weg in eine Art Happy End. Vom Makel seiner Flucht nach der letztlich ungesühnten Tat hat er sich befreit – und damit dem einzig verbliebenen Furor der US-Strafverfolgungsbehörden, der zuletzt zu seiner spektakulären Inhaftierung mit folgendem Hausarrest in der Schweiz führte, die Grundlage entzogen. Gegenüber einem Flüchtigen, der nicht zu bereuen scheint, kann man keine Milde walten lassen. Gegenüber einem Achtzigjährigen, der sich bei dem damaligen Opfer entschuldigt und dessen doppelte, weil auch mediale Opferrolle erkannt hat, schon eher.

Nun stehen auch, schöner Nebeneffekt, die dramatischen Ereignisse, die Polanskis Leben prägen, endlich erratisch nebeneinander. Niemand muss mehr das Krakauer Ghetto-Schicksal des jüdischen Jungen, der die Mutter an Auschwitz verlor und den Vater fast in den deutschen KZs, sein stets gefährdetes Versteck als falsches Christenkind bei polnischen Bauern und später die Ermordung seiner zweiten Ehefrau Sharon Tate durch die irre „Manson-Family“ heranziehen, um daneben Polanskis einzige gerichtsnotorische Schuld zu verkleinern. Und niemand kann nun mehr eifernd nur auf diese Schuld zeigen und darüber Polanskis Lebensschicksal kalt ignorieren.

Womit wir beim größten Gewinn wären: dem endlich freien Blick auf das unverwechselbare, zwar biografiegespeiste, aber souverän über jeder purer Lebensbewältigungskunst stehende Werk. Von der minimalistischen Dreiecksgeschichte „Messer im Wasser“, mit der er, noch in Polen, 29-jährig debütierte, über seine grandios klaustrophobischen Horrorvisionen „Ekel“, „Rosemary’s Baby“ und „Der Mieter“ bis zu seinen aktuellen Divertimenti, den Zimmerschlachten „Gott des Gemetzels“ und „Venus im Pelz“. Ganz oben thront, bleibend, sein Cannes- und Oscar-Triumph „Der Pianist“, in dem er sich die Kindheitstraumata, elegant larviert in der Musiker-Vita des Wladislaw Szpilman, am fühlbarsten von der Seele filmt. Aber das Pathos, den Sinn für die oft übergroße Gebärde, betrachtet man nun mit einer zarten ästhetischen Distanz. Andererseits gewinnen seine unterschätzten, auch geschmähten, dabei tadellos sarkastischen Erotica „Was?“ und „Bitter Moon“ endlich jene Anerkennung, die sie verdienen.

So ginge sie, diese späte Wendung im Leben eines der größten europäischen Regisseure der Gegenwart. Eine, die zudem seiner lebenslang jugendlichen Kreativität nicht schadet, die sich tief aus dem Mut einer Verzweiflung speist, aus Wut und aus Lust. Ja, man wird doch noch träumen dürfen, und sei es nur einen Geburtstag lang. Jan Schulz-Ojala

Das Babylon Mitte zeigt bis 25. August 13 Filme Polanskis, die Brotfabrik noch bis Mittwoch Marina Zenovichs Doku „Roman Polanski – Wanted and Desired“. – Neu erschienen ist Thomas Koebners Werkbiografie „Roman Polanski. Der Blick des Verfolgten“, Reclam, 280 S., 24,95 €.

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