Roman "Sieben Nächte" : Vulkan sein oder Aschenbecher

Eine Generation auf der Suche nach sich selbst: Simon Strauß begegnet in seinem ersten Buch „Sieben Nächte“ allen Todsünden.

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Risiko ja, aber nur mit Absicherung. Ein Sprung, wie ihn sich Simon Strauß’ Ich-Erzähler vorstellt.
Risiko ja, aber nur mit Absicherung. Ein Sprung, wie ihn sich Simon Strauß’ Ich-Erzähler vorstellt.Foto: Wulf Pfeiffer/picture-alliance/ dpa

Manche Lebensweisheiten flehen so sehr um Zustimmung, dass sie darüber schnell in die Knie gehen. Zum Beispiel: Radikalität ist das Privileg der Jugend. Leuchtet ein. Lässt sich empirisch untermauern. Und ist wenig belastbar. Denn Radikalität ist auch die Chance des Alters. Man muss nicht Margarete Mitscherlichs Buch zum Thema gelesen haben, um sich davon zu überzeugen, wie sehr die Aussicht, nur noch das eigene Leben verlieren zu können, mitunter Mut und Klarsicht steigert. Oder: Unbelehrbarkeit macht das Draufgängertum der jungen Jahre aus. Ist Starrsinn nicht ein Fluch der späten? Auch die Behauptung, dass man mit zunehmendem Alter gelassener wird, hält keiner allgemeinen Überprüfung stand. Die leisen und die lauten Verzweiflungen nisten sich mit ihren Botenstoffen in jeder Phase auf ihre Weise ein.

Es spricht von daher einiges dafür, Haltungsfragen und die damit verbundenen Affekte möglichst altersunabhängig zu betrachten und kühle Begriffsklärung zu betreiben: Was ist Radikalität? Was ist Mut? Was ist Verausgabung? Der Haken besteht darin, dass jeder Generation solche Fragen einerseits zum ersten Mal zustoßen, sie andererseits im Blick auf vorangegangene Generationen in einen Wiederholungstunnel gerät, der geradewegs in den Koller führen kann. In genau dieser Situation befindet sich Simon Strauß, ein junger Mann, der schon fürchtet, erloschen zu sein, bevor er einmal gebrannt hat. In seinem ersten Buch „Sieben Nächte“ geht er deshalb einen Pakt mit dem Teufel ein. Auf seinen Streifzügen durch die Stadt soll er den sieben Todsünden begegnen, auf dass er sich mit den Exzessen von wenigstens einer unter ihnen wohlfühle. Einzige Geschäftsbedingung: Am Ende der Nacht soll er einen Text abliefern, in dem er über seine Erlebnisse Rechenschaft ablegt.

Strauß, 1988 in Berlin geboren, Sohn von Botho Strauß, ist eine der größten feuilletonistischen Begabungen seiner Generation, und so bildstark und imaginativ er hier schreibt, hat er ein genuin literarisches Talent. Doch ist schon zweifelhaft, ob es sich bei seinem Ich-Erzähler um eine Kunstfigur handelt, oder ob Strauß selbst sich mit Haut und Haaren investiert? Von den beiden Horrorfantasien, die ihn plagen, hat er sich als Theaterredakteur der „FAZ“ zumindest eine schon erfüllt: die Festanstellung. Vor der anderen, dem Gefängnis der Ehe mit Kinderzimmertrakt, drückt er sich noch. Das Leben wird auch in dieser Hinsicht mit ihm unnachsichtig sein. Bewusst damit zu spielen, wo Fantasie und Wirklichkeit sich berühren, ist in diesem Fall aber Koketterie – und als solche das Gegenteil dessen, was der Text fordert.

Gesinnungsfronten in Fragen der Moral

„Ich sehne mich nach Streit“ war das Bekenntnis überschrieben, das der mittlerweile promovierte Althistoriker am 14. Dezember 2014 in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ablegte, und bis in einzelne Formulierungen hinein zur Keimzelle des Buches wurde. Streit „nach Gesinnungsfronten in Fragen der Moral, nach zornigen Gegensätzen in politischer Anschauung. Damit der Sprung in die Schützengräben des Geistes wieder lohnt, man sich mit scharfer Argumentation wappnen muss gegen den Angriff der anderen Überzeugung.“

Was Strauß dabei mehr als jede andere Todsünde quält, ist der Neid: „Wahrscheinlich sind wir zu wenig vom Teufel besessen. Wahrscheinlich fehlt uns, was früher das Mantra der Jugend war: die Wut“. Eine Begierde „nach Ernst“ und eine „Sehnsucht nach wilderem Denken“ verschlingen ihn. „Neid heißt bei mir also vor allem: die Jahre zählen. Rechnen, wie viel Abstand schon ist, welcher Spielraum noch bleibt. Heißt: Einmal Rimbaud sein wollen. Einmal leben ohne Einstweh.“ Aber als „Sympathiesüchtiger“ muss er auch gestehen: „Ich habe Sehnsucht nach Gemeinschaft, weil es zum Einzelgänger nicht reicht.“

Genau darin steckt das Dilemma des gerne im Wir für seine Generation sprechenden Autors, der von sich als Vulkan träumt, aber immer wieder von der Erkenntnis eingeholt wird, ein bloßer Aschenbecher zu sein. Das Überrolltwerden des Einzelnen von der täglich wachsenden Kunstlawine, die der Soziologe Georg Simmel die „Tragödie der Kultur“ genannt hat, trifft auf einen fatalen Mangel an persönlicher Risikobereitschaft. Was für ein lähmendes Warten, von einer großen Idee berührt zu werden. Was für eine Dringlichkeit, eine Dringlichkeit zu spüren, die nicht näher rücken will, wo es einen Kierkegaardschen Sprung bräuchte, um von einer Existenzweise in die andere zu gelangen, kein angeleintes Bungee-Abenteuer mit der Einsicht: "Der Hochmut kommt nach dem Fall.“

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