Roman von Elizabeth Harrower : Phantomschmerzen nach dem Untergang

Die australische Autorin Elizabeth Harrower schrieb ihren Roman „In gewissen Kreisen“ schon Ende der Sechziger. Jetzt ist er endlich veröffentlicht - eine Entdeckung.

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Späte Entdeckung. Elizabeth Harrowers Roman "In gewissen Kreisen".
Späte Entdeckung. Elizabeth Harrowers Roman "In gewissen Kreisen".Foto: aufbau Verlag

Liebe beginnt oft mit Äußerlichkeiten. Mit genauem Hinschauen. Zoe fühlt sich sofort angezogen von Stephen, „obwohl sein Blick auf ihre Nerven wie ein elektrischer Schlag wirkte“. Später muss sie ein inneres Zittern bekämpfen, „das sich immer dann bemerkbar machte, wenn sie Stephen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand“.

Dabei wechseln sie nur wenige Worte . Zoe fragt ihn, was er mache. Stephen ist Handelsvertreter, er verkauft Verpackungsmaterial. Paketband, Packpapier, Wellpappe. Das sei bestimmt interessant, vermutet sie, man lerne viele unterschiedliche Menschen kennen. „Total interessant“, lacht Stephen auf. „Ich laufe mit einer Tasche voller Muster durch die Stadt und die Vororte und warte in vermieften Dienstzimmern auf die Bürochefs“. Das Leben, weiß dieser Anti-Träumer, ist nicht schön, sondern schäbig. Fälschlicherweise wird er für einen Anarchisten gehalten. Was aufregend wäre. In Wirklichkeit interessiert sich Stephen einfach für nichts und niemand.

Australien kurz nach Kriegsende 1945

Elizabeths Harrowers Roman „In gewissen Kreisen“ erzählt von zwei Geschwisterpaaren, die sich über Kreuz miteinander verbinden. Zoe und Russell Howard gehören zur Jeunesse dorée von Sydney. Ihre Eltern sind berühmte Biologen, die Villa gleicht einem „Marshmallow-Schloss“, für die Kinder steht ein MG-Sportwagen bereit. Anna und Stephen Quayle vertreten die Spezies der Zukurzgekommenen. Aufgewachsen bei einer „verrückten Tante“, nachdem sie ihre Eltern bei einem Unfall verloren hatten, verhalten sie sich linkisch, da sie keine Ahnung haben, „wie sie sich in einer Gruppe benehmen sollen“. Zu den Partys der Howards werden sie trotzdem eingeladen. Weil sie für Abwechslung sorgen, wie exotische Tiere im Zoo.

Australien ist in dem kurz nach Kriegsende 1945 einsetzenden Buch vor allem eins: unendlich langweilig. Deprimierend eintönig. „Nichts in Sydney war bemerkenswert“, heißt es einmal. „Als sei alles von einer schwermütigen Sehnsucht nach Attraktionen durchdrungen, und es mangelte an imposanten Sehenswürdigkeiten. Irgendetwas fehlte.“ Erst in Europa, davon sind die Reichen und Mächtigen des Kontinents überzeugt, wird man zum Menschen. In der Peripherie des sich auflösenden Empire herrschen Phantomschmerzen. Man wünscht sich zurück in die Ordnung des alten Weltreichs. Russell hat im Krieg gekämpft, davon zeugen die Narben aus dem japanischen Gefangenenlager auf seinem Rücken. Doch geredet wird darüber nicht, es gilt die Durchhaltedevise: „Immerhin ist er noch am Leben.“

Liebe bekommt sie nicht, dafür eine Hochzeit

Zoe, Hauptstimme des Romans, hat Ambitionen. Dass sie „bemerkenswert“ sei, wurde ihr schon gesagt, als sie 17 war. Sie geht nach London, macht Karriere als Reportagefotografin, landet beim Film und heiratet einen Regisseur. Doch die Sehnsucht nach Stephen treibt sie zurück nach Sydney, für seine Liebe ist sie bereit, dort „auf der Rückseite des Mondes“ zu leben. Seine Liebe bekommt sie nicht, dafür eine Hochzeit. Als Zoe glaubt, ihre Ehe sei perfekt, beginnt das Glück bereits zu zerbröseln. Sie muss sich unterwerfen und stellt irgendwann fest, dass sie kein selbstbewusster Mensch mehr ist.

Statt Filme zu inszenieren, schreibt sie Lexikoneinträge. In den Zeitungen überall Krieg, Tote und Verwundete, überall Flüchtlinge. Die Handlung nähert sich dem Vietnamkrieg und dem Sommer der Liebe. Aber die Geschlechterverhältnisse bleiben, wie sie immer waren. Stephen hat sich zum Inhaber einer Druckerei hochgearbeitet. Und Zoe verwandelt sich in eine Hausfrau, die beim Abendessen fröhlich lächelt und besser Stimmungsaufheller schlucken würde. Über ihr bisheriges Arbeitsleben sagt der Ehemann kalt: „Du hast nur herumgespielt.“

Märchenhaftes Finale

„In gewissen Kreisen“ ist eine Entdeckung. Elizabeth Harrower schrieb ihren fünften Roman zwischen 1967 und 1971, brachte ihn aber nicht heraus. Nachdem ihre Mutter gestorben war, zog sich die bereits mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin aus dem Literaturbetrieb zurück. Erst ein Verleger, der ihre anderen Bücher nachzudrucken begonnen hatte, konnte sie überreden, den Roman doch noch zu veröffentlichen, als erste Publikation seit 48 Jahren. Harrower hatte in den fünfziger Jahren in London gelebt und kehrte dann zurück nach Sydney. Zoe ist wohl zumindest in Teilen ihre Alter-Ego-Figur.

Es gibt beinahe unablässig Dinnerpartys, Familientreffen, Einweihungs- oder Abschiedsfeste in diesem Roman. Immerfort wird geredet, doch man achtet besser auf das Schweigen dazwischen. „Die Auslassungen in ihrer Geschichte erzählten ihm ihr Leben“, bemerkt Russell einmal über Anna, seine spätere Geliebte. „In gewissen Kreisen“ entstammt der Gattung des Desillusionierungsromans, ähnlich wie die vor ein paar Jahren ausgegrabenen Bücher von John Cheever und Richard Yates. Allerdings fällt Elizabeth Harrowers Befund nicht ganz so eisig und ironisch aus. Das Finale wirkt märchenhaft. Glück ist möglich, es ist ein „makelloses Jetzt“.

Elizabeth Harrower: In gewissen Kreisen. Roman. Übersetzt von Alissa Walser. Aufbau Verlag, Berlin 2016. 279 S., 22,95 €.

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