Roman von Jochen Schimmang : Die innere Westbindung

Nichts für Gegenwartsfetischisten: Jochen Schimmangs gehaltvoller Roman „Altes Zollhaus, Staatsgrenze West“.

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Der Hörspielautor, Übersetzer und Schriftsteller Jochen Schimmang.
Der Hörspielautor, Übersetzer und Schriftsteller Jochen Schimmang.Foto: Eric Wolfe

Für den Hannoveraner Friedrich Schlegel fing „bey dem freundlichen Bonn die eigentlich schöne Rheingegend an“. Dieses Zitat wählte Jochen Schimmang 2009 als Motto für seinen Roman „Das Beste, was wir hatten“. Dessen Protagonisten Korff, einen nomadischen Lebenskünstler, zog es nun noch weiter in den Nordwesten des Flusslaufs. Der frühere Berater eines CDU-Bundesministers hatte sich in der beschaulichen Hauptstadt Bonn in eine gewisse Sonja verliebt, die sich nach 1989 als Agentin des DDR-Staatssicherheitsdienstes entpuppte. Doch anstatt resigniert seine Wunden zu lecken, verarbeitete der düpierte Korff das Geschehen mit der maßgeblichen Hilfe eines Ghostwriters zu einem mehrteiligen Fernseh-Melodram namens „Das Sonja-Komplott“. Die üppigen Tantiemen erlaubten Korff den Kauf eines ehemaligen Zollhauses an der deutsch-niederländischen Grenze.

Doch apolitische Idyllen sind dem leidenschaftlichen Gegenwartschronisten Jochen Schimmang fremd. Und so evoziert sein neuer, vom Verlag farblich geschmackvoll gestalteter Roman „Altes Zollhaus, Staatsgrenze West“ Erinnerungen an die sogenannte Staatsgrenze West der DDR, verbunden mit einem Hauch von Spionage-Thriller.

Ein „Halbzuhause“ nennt Gregor Korff sein Zollhaus im fiktiven 1141-Seelen-Ort Granderath. Ein paar Häuser weiter, auf der niederländischen Seite, hat sich der ehemalige BND-Mitarbeiter Fritz Munte alias Groeneveld eingerichtet, ein enttarnter Landesverräter: „Das Empörungspotenzial dieser ganzen Geschichte ist nicht besonders groß, handelt es sich doch letztlich um jahrzehntealte Nachrichten aus zwei längst versunkenen Staaten. Nichts für Gegenwartssüchtige und Jetztzeitjunkies.“

Ein versöhnlicher, gelegentlich sentimentaler Ton

Dem Ex-Agenten erteilt Korff amüsante selbstreflexive Schreiblektionen. Denn beide reifere Herren lässt ihre westdeutsche Vergangenheit nicht los, die sie teils in vertrackt komischen Traumprotokollen, teils in Mikroromanen fixieren wollen. Programmatisch ist von Korffs „innerer Westbindung“ die Rede, die jedoch nicht mit altlinker BRD-Nostalgie zu verwechseln ist. Bereits in „Das Beste, was wir hatten“ lobte Korff das Rheinland der achtziger Jahre als Inkarnation der BRD, „weil es so vernünftig war, so wenig extrem, so gemäßigt“.

Der 69-jährige Schriftsteller ist seinen Romanhelden wie Gregor Korff oder dem von Schlaflosigkeit geplagten Ostfriesen Murnau ausgesprochen treu – Murnau bereits seit seinem Romandebüt „Der schöne Vogel Phoenix“ von 1979. In „Das Beste, was wir hatten“ beobachtete Schimmang Gregor Korff von außen, nun erkundet er dessen Seelenleben aus der Ich-Perspektive. Das verleiht dem neuen Buch einen wärmeren, versöhnlichen und gelegentlich sentimentalen Ton – etwa wenn plötzlich eine Schafherde hinter dem Zollhaus grast. Dieser wollige Anblick treibt Korffs Finanzberater, der einen „etwas älteren Maybach von schmerzhafter Bescheidenheit“ fährt, unerwartete Tränen der Rührung in die Augen.

Das Leben klopft immer wieder an die Tür

„Grenzen, Ränder, Niemandsländer“ heißt Jochen Schimmangs Sammlung von Geländegängen, die er vor drei Jahren veröffentlichte, eine persönliche Kulturgeschichte des Versteckens und Verschwindens. Auch Gregor Korff wollte sich eigentlich in sein Zollhaus zurückziehen, wenn er nicht gerade im winterlichen Ostende die Einsamkeit noch stärker auskostet. Doch das Leben klopft immer wieder an seine Tür. So tauchen zwei Flüchtlingskinder aus Serbien bei ihm auf, ein Doktorand samt Freundin oder ein alter Freund aus Berliner Studententagen. Ulrich hat nicht mehr lange zu leben, was aber nicht ausgesprochen wird. So erweist sich der „Spinner vom Zollhaus“, als der Gregor Korff zunächst unter den Dorfbewohnern gilt, als vollendeter Gastgeber und Verfechter einer leicht elegischen Höflichkeit, die vom Aussterben bedroht ist: „Ich hasse das vorschnelle Duzen, und hier war noch gar nichts entschieden.“

Literarische Zitate wie Thomas Braschs Gedicht vom „schönen 27. September“, Filmnotate und Traumprotokolle ergänzen sich in diesem so schmalen wie gehaltvollen Buch zu einem unpathetischen Brevier der Herzensbildung, in dem zugleich die Ironie von Arno Schmidts Dorfromanen aufscheint.

Und wie nebenbei hat Jochen Schimmang, gleichfalls durch seine Übersetzungen aus dem Englischen als glänzender Stilist ausgewiesen, ein höchst aktuelles Plädoyer für ein vereintes Europa verfasst.

Jochen Schimmang: Altes Zollhaus, Staatsgrenze West. Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2017. 189 Seiten, 19,90 €.

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