Romandebüt von Gerhard Stadelmaier : Der Wörtergottesdienst

In seinem biografisch angehauchten Romandebüt „Umbruch“ erzählt der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier von den Glanztagen des Feuilletons - und den Anfängen seines Untergangs.

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Er muss es wissen. Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier war langjähriger Theaterkritiker der FAZ.
Er muss es wissen. Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier war langjähriger Theaterkritiker der FAZ.Foto: Leonhard Hilzensauer/Paul Zsolnay Verlag

Chefredakteur möchte man nicht sein. Jedenfalls nicht in „Umbruch“, dem Romandebüt des 2015 in Ruhestand gegangenen „FAZ“-Theaterkritikers Gerhard Stadelmaier. Den ersten dieser Spezies, von der kleinen „Stadtpost“, lässt der Erzähler gleich zu Beginn gegen einen Baum fahren. Und den zweiten, von der „Landeszeitung“, nach einem alarmierenden Gespräch mit der neuen Geschäftsführung, vor eine Straßenbahn laufen.

Der dritte, von der großen „Staatszeitung“, darf im letzten Romanteil zwar leben bleiben. Doch nur, um sich in den Ruhestand zu verabschieden, kaum hat Stadelmaiers Protagonist, ein nur als „junger Mann“ bezeichneter Theaterkritiker, endlich den ersehnten Zeitungsolymp erklommen. Als Pensionär kann der „Gentleman-Führer“, wie dieser letzte Chefredakteur geschmacklos tituliert wird, nur noch zuschauen, wie sein Nachfolger die „Staatszeitung“ „finanziell, personell und intellektuell an alle Zeitgeistwände“ fährt.

Auch sonst lässt der Roman an diesem Nachfolger kein gutes Haar. Unter fragwürdigen Umständen promoviert, habe er wegen seiner ständigen „Zündeleien“ am und im Kulturressort redaktionsintern den Spitznamen „Dr. h. c. Baby-Nero“ getragen. Und bei Konferenzen habe für ihn stets ein Stuhl freigehalten werden müssen, also auch bei Abwesenheit, „analog zum Bischofsthron in einer Kathedrale“ – als „übe schon der leere Stuhl allein die Aufsicht übers leibeigene Redakteursvolk aus, das war beim Gentleman-Führer unvorstellbar.“

Schlüsselroman und literarische Autobiografie

Allerdings fallen diese vernichtenden Urteile nur en passant. Sie sind damit gewissermaßen das Äquivalent zu Stadelmaiers berühmt-berüchtigten Kürzestkritiken in der „FAZ“, mit denen er einen Theaterabend in weniger als dreißig Zeilen gleichsam mit „einem einzigen Prankenschlag“ erledigte. Zugleich sind sie ein Vorausblick: Denn Stadelmaiers Roman, der in der Adenauerzeit beginnt, endet 1993, als der damalige fürs Feuilleton zuständige „FAZ“-Mitherausgeber Joachim Fest von Frank Schirrmacher beerbt wurde. Womit die realen Vorbilder dieser Figuren beim Namen genannt wären.

Mit Fests Abgang 1993, so muss man folgern, endeten die glücklichen Jahre von Stadelmaiers Berufsleben, und nur von ihnen erzählt „Umbruch“. Zunächst scheint es sich dabei um eine Mischung aus Schlüsselroman und literarischer Autobiografie zu handeln. Das Werk vermeidet die Nennung von Namen durchgehend (was im Verlauf immer angestrengter wirkt, zumal der „junge Mann“ eben das nicht ewig bleibt), doch lassen sich die meisten Figuren und Presseorgane rasch dechiffrieren. Die „Landeszeitung“ etwa ist die „Stuttgarter Zeitung“, und der liebevoll porträtierte Vorgänger des „jungen Mannes“ bei der „Staatszeitung“, „Saint Schorsch“, ist natürlich der legendäre Theaterkritiker Georg Hensel.

Zur Literatur ist „Umbruch“ allein wegen seiner Erzähllust und stellenweise grandiosen Sprache zu zählen. Und dann noch Stadelmaiers Wortschöpfungen! „Korrumpelhaft“, „Ausgeding-Büro“. Nur gibt es keine Romanhandlung, und für eine Autobiografie fokussiert sich „Umbruch“ zu sehr auf Stadelmeiers Berufsleben. Dieses dient ihm sogar nur als Beispiel, um von etwas ganz anderem zu erzählen: vom Fabelmedium Zeitung – und den Anfängen seines Untergangs. Schon der doppelsinnige Titel legt nahe, dass es um den „Umbruch“ der Zeitungsseiten geht und um jenen, der mit der Digitalisierung eine ganze Branche erfasst hat.

Das Hochamt der Kritik

Gerade der Mittelteil, die Jahre bei der „Landeszeitung“ (in den siebziger und achtziger Jahren), berichten von den letzten Glanztagen des Feuilletons und seiner „Hauptsache“, der Rezension. Von heute aus gesehen hat es ja etwas Märchenhaftes, gar Rührendes: Dass es eine Zeit gab, als die „Myriaden von Lettern, Buchstaben, Sätzen“ einer Zeitungsausgabe eine ganze Stadt beschäftigten. Als die Kritik keine lästige Pflicht, sondern das „Hochamt“, ein „geheiligter Wörtergottesdienst“ war. Als kauzige Redakteure es sich leisten konnten, ihre Leser für „dumm und frech zu halten“ oder auf so neumodische Gadgets wie Telefone auf ihren Schreibtischen zu verzichten.

Der „junge Mann“ wiederum ist kein Freund der „Zeitvergegenwärtigungstäuschungsmaschine“ vulgo Internet. Seine Heimat ist die Zeitung in ihrer gedruckten Form, deren Entstehung gerade revolutioniert wird: Schon im Stuttgarter Zeitungsturm erlebt der „junge Mann“ die Umstellung vom Blei- auf Computersatz und wird Zeuge, wie in der Redaktion ganze Berufe verschwinden. Erst ersetzen die „Tippsen“ die Setzer, dann die Redakteure Schreibkräfte und Korrektoren.

Die Entgrenzung des Kulturteils

Schon da werden erste Rufe nach „mehr Service“ und „weniger Kritik“ laut, gleichermaßen Zumutung wie Kränkung für diesen Zeitungsmenschen par excellence. Jahre später bei der „Staatszeitung“, Stichwort „Dr. h. c. Baby-Nero“, wird der Kulturteil entgrenzt, hält das Konzept eines „politischen Feuilletons“ Einzug. Dass seine Kritik einer Bernhard-Uraufführung wegen etwas so Läppischem wie dem Mauerfall einen Tag später erscheint, findet der „junge Mann“ offenbar bis heute empörend.

Man muss nicht jede der Wertungen Stadelmaiers teilen, zumal sich heute, zwei Jahre nach Schirrmachers Tod, so mancher mit Wehmut an das „FAZ“-Feuilleton seiner Ära erinnert. Dennoch ist „Umbruch“ lesenswert. Stadelmaiers Roman gehört mit Michael Angeles „Der letzte Zeitungsleser“, Lothar Müllers „Weiße Magie“ oder Stefan Schulz’ „Redaktionsschluss“ zu jenen Büchern, die nachdrücklich daran erinnern, dass es eine Zeit gab, als noch Journalisten für den Umbruch der Gesellschaft sorgten – und nicht von „Social Bots“ produzierte „Fake News“.

Gerhard Stadelmaier: Umbruch. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2016. 223 Seiten, 22 €.

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