Romandebüt von Juliana Kálnay : Der Balkon hat Ohren

Ein Mietshaus als Organismus: Juliana Kálnay Romandebüt „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist ein überraschendes Stück purer Literatur.

Carolin Haentjes
Die vielversprechende Autorin Juliana Kálnay, Jahrgang 1988. Foto: Mathias Prinz
Die vielversprechende Autorin Juliana Kálnay, Jahrgang 1988.Foto: Mathias Prinz

Das Haus Nummer 29, seine Geräusche, Winkel und Verstecke. Die Gerüche im Flur. Die Gesprächsfetzen der Bewohner. Wie die Tapete vergilbt und Risse in den Wänden entstehen. Wie es lebt, dieses Haus, welche skurrilen Geschichten sich darin abspielen, davon erzählt Juliana Kálnay in ihrem ersten Roman „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“. Bewohner sind plötzlich weg, graben sich Löcher, fressen sich durch Wände. Ein Mann bewohnt den Aufzug.

Ein Haus als Organismus, seine Bewohner als Organe oder Elemente oder ... Vergleiche hinken, das Spiel der Autorin ist zu gewitzt. Sie führt die Leserinnen und Leser in eine surreale Zwischenwelt: Oberflächlich erinnert alles an ein durchschnittliches Mietshaus, aber die Regeln, die dort gelten, folgen einer eigenen Logik. Da springen Fische hintereinander weg aus dem Aquarium in Bett und Unterhose der Besitzerin, als betrieben sie kollektiven Suizid. Da werden Sterbende mit klebrigen Kuchen vollgestopft, als sei das ein ganz normales Ritual.

Orientierung bietet noch am ehesten die Figur der alten Rita. Sie ist die gute Seele des Hauses, auch wenn sich darüber nicht alle einig sind. Sie interessiert sich ungeniert für alles und jeden in dem Haus, spitzt tagtäglich auf dem Balkon hockend ihre Ohren. Es sei nun mal ihr Metier, dieses Haus, sagt sie. Denn sie sei damit verwachsen. „Nicht viele tragen das Haus, in dem sie leben, wie eine Schnecke mit sich herum. Haben ihre Organe dahin verlagert, Herz, Magen, Nieren. (...) Ich spüre, wie sich die Räume zusammenziehen mit der Kälte und wie die Wände bei großer Hitze anschwellen wie meine Beine. Ich spüre, wie das Haus atmet. Wie es Bewohner abstößt und verschlingt.“

Verschwinden oder versteckte Verwandlung?

Rita weiß genau, dass Don, dritter Stock links, nicht einfach verschwunden ist, sondern dass er sich in einen Baum verwandelt hat. Sie wundert sich nicht, dass Dons Frau Lina den Pfirsichbaum hegt und pflegt und ihre Decken im Winter mit seinem Laub stopft. Sie weiß, dass E. in Lina verliebt ist und welche süße Geschichte sich auf dem Dachboden abgespielt hat. Vermutlich sogar, was es mit dem toten Jungen im Vorgarten auf sich hat. Deswegen gibt sie auch noch jedem Bewohner einen Ratschlag mit auf den Weg, bevor sie den Löffel abgibt und das Haus damit dem Untergang weiht.

Juliana Kálnay, Jahrgang 1988, hat an der Universität Hildesheim Literarisches Schreiben studiert. Sie debütiert mit einem überraschenden Stück purer Literatur: mit großer Raffinesse, in vergnüglichem Ton und in genau abgepasster Gemächlichkeit führt der Text auf den Gedankenspielplatz der Autorin. Ein aus kurzen Passagen und einem Ensemble von Stimmen gewobenes Universum, das um ein schwarzes Loch kreist. Das Verschwinden steht im Mittelpunkt. Oder ist auch das eine Täuschung, handelt es sich doch um eine versteckte Verwandlung? Sterblichkeit als lebendiges Anheimfallen an die Elemente? Nichts ist ganz sicher in diesem Vexierspiel. „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“ ist eine im besten Sinne amüsante Fantasterei.

Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens. Roman. Wagenbach Verlag, Berlin 2017 192 S., 20 €.

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