Romanze: "Ein ganzes halbes Jahr" : Die Optimistin und der Griesgram

Ernster Stoff: In „Ein ganzes halbes Jahr“ spielt "Games of Thrones"-Star Emilia Clarke eine Pflegerin, die den jungen, querschnittsgelähmten Will von der Sterbehilfe abbringen möchte. Am Ende wird's aber doch kitschig.

Julia Müller
Sam Claflin als Will Traynor und Emilia Clarke als Lou Clark.
Sam Claflin als Will Traynor und Emilia Clarke als Lou Clark.Foto: Warner Bros. Entertainment/dpa

Sie beugen sich wellenartig in Richtung Haaransatz, sie stoßen beinahe an der Nasenwurzel zusammen, sie wackeln und kräuseln sich, springen zueinander und wieder auseinander. Sie sind der heimliche Star in „Ein ganzes halbes Jahr“: die geradezu akrobatisch agierenden Augenbrauen von „Game of Thrones“-Star Emilia Clarke. Sie spielt das Arbeitermädchen Lou Clark; als Gesellschafterin und Pflegerin fängt sie beim wohlhabenden jungen Banker Will Traynor (Sam Claflin) an, der auf dem Landsitz seiner Eltern lebt.

Man ahnt’s: Lou und der seit einem Motorradunfall querschnittsgelähmte Will verlieben sich ineinander – als buchstäbliches Gegensatzpaar: Will ist introvertiert, griesgrämig und empfindet sein Leben wegen der Behinderung als sinnlos. Lou hingegen ist unkonventionell, optimistisch und hat einen zarten Hang zum Merkwürdigsein. Als sie zufällig erfährt, dass Will seinem Leben in einer Klinik in der Schweiz ein Ende setzen will, will sie ihn mit aller Kraft von diesem Plan abbringen. Seine Mutter hatte ihn zu einem „ganzen halben Jahr“ Aufschub überredet – und Lous Vertrag läuft über eben dieses halbe Jahr.

Die "kleine Kellnerin" wirbelt das Haus auf

In ihrem Regiedebüt nach dem gleichnamigen Bestseller von Jojo Moyes macht Thea Sharrock die Gegensätze vor allem über die Mode deutlich. Lou trägt blau-weiß gepunktete Pumps mit roter Schleife und dazu eine gelbe Strumpfhose. So recht passt das nicht zum Stil an ihrer Arbeitsstätte: In der Prachtresidenz trägt man orangefarbene Flauschpullis, passend zum elegant beigefarbenen Ambiente. In dieser Welt ist Lou der „bunte Hund“ – die „kleine Kellnerin“, wie Wills Vater sie zu Beginn abwertend nennt. Bald aber zieht sie auch Wills Eltern (Janet McTeer und Charles Dance) durch ihre lebensbejahende Art auf ihre Seite.

Alles zielt hier auf großes Emotionskino: die Landschaftstotalen, die linear chronologische Ausbreitung des anrührenden Geschehens und die Musikauswahl – etwa „Photograph“ und „Thinking Out Loud“ von Ed Sheeran – inspirieren zum alsbaldigen Griff nach dem Taschentuch. Groß auch der Stoff: Sterbehilfe. Zu groß. Die Geschichte des lebensfrohen Mädchens, das einen Lebensmüden aus der Abwärtsspirale befreien will, geht über das schlicht-schicke Chick Flick nicht hinaus.

In 21 Kinos; OV im Colosseum und im Cinestar SonyCenter

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