Roth-Roman "Die Demütigung" : Letzter Akt

Alter Schauspieler, junge Gespielin: Philip Roth variiert in „Die Demütigung“ sein Lieblingsthema

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Wenn der Zauber des Spiels dahin ist, wenn einer nicht mehr auf der Bühne stehen und spielen kann, haut das den stärksten Schauspieler um. Da helfen keine 1,93 Meter Körpergröße, kein großer kahler Kopf, nicht der starke behaarte Körper eines Schlägers und auch keine fünfzig Jahre Bühnenerfahrung. Doch als wäre das nicht schlimm genug, stellt Simon Axler, der Held von Philip Roths neuem Roman „Die Demütigung“, fest, dass selbst sein Zusammenbruch etwas Fadenscheiniges, irgendwie Gespieltes hat: „Der Schmerz war furchtbar, und doch bezweifelte er seine Echtheit, was das Ganze nur um so schlimmer machte. (...) Auch als Verrückter war er künstlich.“

Kein Ausweg, nirgends, könnte man denken – wären wir hier nicht im Alterswerk von Philip Roth, wo die erlösenden, stimmungsaufhellenden Jungbrunnen nicht lange auf sich warten lassen, wo das männliche Altern und der männliche Tod das bestimmende Thema sind, die vergebliche Liebe und der Sex sich aber unweigerlich dazugesellen. So hat der Schauspieler Simon Axler natürlich viel von seinen literarischen Vorgängern: von David Kepesh, dem Professor aus „Das sterbende Tier“ von 2003, der ein großer Verächter der Liebe ist, bis ihm eines Tages die junge, großbrüstige, kubanischstämmige Consuela über den Weg läuft, „eine Frau, die erst vor so kurzer Zeit geschlüpft ist, dass ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn an ihrer glatten, eiförmig gekrümmten Stirn noch Schalenstückchen geklebt hätten“. Oder von Nathan Zuckermann, Roths Lieblinsghelden, der 2008 in „Exit Ghost“ zwar überhaupt keine Liebe mehr machen konnte (die Prostata!), diese aber umso heftiger auf dem Papier imaginierte.

Simon Axler macht also doch noch mal eine Verwandlung durch, und zwar als eines Tages „eine geschmeidige, vollbrüstige Frau von vierzig vor ihm“ steht und er kurz darauf das erste Mal in seinem Leben mit einer Lesbe schläft. Geschmeidig, vollbrüstig, jung, all das kennt man als Allheilmittel für die alternden, dem Tode sich nähernden Helden von Roth. Aber eine Lesbe, die ihrerseits das erste Mal seit ihrer Collegezeit wieder mit einem Mann schläft, einem Mitte Sechzigjährigen dazu? Und die sich dann von ihm auch noch komplett ummodeln lässt? Die von ihm mit Schmuck, Unterwäsche, Mantel und Stiefeln ausstaffiert wird, auf dass aus der geschmeidigen und vollbrüstigen Lesbe ein rassiges heterosexuelles Vollblutweib werde? Wenn das keine handfeste Männerfantasie ist.

Das Seltsame und Faszinierende an diesem Roth-Roman aber ist, dass man ihn nach einem furiosen Beginn immer hanebüchener und explizit pornografisch findet, aber trotzdem gebannt zu Ende liest. Das liegt zum einen daran, dass Philip Roth sein Handwerk so überaus gut versteht. Er erzählt klar und auf den Punkt, er kommt ohne schmückendes Beiwerk aus. Jede Szene und jeder Nebenstrang haben ihre Bedeutung, und die nicht wenigen Sexszenen sind von einer nüchternen Selbstverständlichkeit.

Zum anderen verliert Roth nie sein Thema aus den Augen: die Tragödie des alternden, erst verzweifelt-depressiven, dann aber immer lächerlicher werdenden Schauspielers, der nicht unbedingt nötige Rückenoperationen in Betracht zieht und Spermavitalitätsuntersuchungen vornehmen lässt, um für seine 25 Jahre jüngere Geliebte gut drauf zu bleiben.

Weniger ein literarischer als ein pornografischer Höhepunkt ist zunächst die Szene, in der das Liebesleben von Axler und Pegeen, wie seine Gespielin heißt, eine neue Wendung nimmt. Beide gabeln in einer Kneipe eine junge, natürlich wahnsinnig attraktive Frau namens Tracy auf, die dann auch, angetrunken wie sie ist, sofort dabei ist, als Pegeen zu Hause einen Plastikbeutel voller Sexspielzeug ausleert und unter anderem „eine kleine neunschwänzige Katze mit dünnen, weichen Schnüren aus glattem schwarzen Leder“ und einen grünen Dildo ausbreitet.

Der Dreier geht unproblematisch vonstatten, trotzdem sinniert Axler: „Wenn ein Mann mit zwei Frauen ins Bett geht, ist es nicht ungewöhnlich, dass eine der Frauen sich zu Recht oder Unrecht vernachlässigt fühlt und schließlich weinend in der Ecke sitzt. Doch angesichts dessen, was sich hier entwickelte, würde er derjenige sein, der schließlich weinend in der Ecke saß.“

Das muss er zwar erst mal nicht, aber die Dreier mit Tracy und anderen deuten daraufhin, dass die Abwärtsbewegung in Axlers Leben sich fortsetzt, dass Pegeen doch die hartherzige, egostische Frau ist, vor der ihn eine ihrer früheren Geliebten gewarnt hat. Es kommt, wie es kommen muss: Er will ein Kind, er will die Zukunft. Pegeen aber verlässt ihn, so unvermittelt, wie sie aufgetaucht war.

Axler bleibt nur der letzte Akt, der Todesakt, auf den Roth alles unweigerlich zusteuern lässt und der hier schon in der Geschichte einer Frau angelegt ist, die Axler zu Beginn eines Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik kennenlernt. Diese Frau erzählt ihm, wie ihr Mann die gemeinsame Tochter missbraucht und die Familie zerstört hat, und sie fragt ihn auch, ob er ihren Mann für sie töten würde. Eine absurde Frage, die ihn aber darüber sinnieren lässt, dass es genauso schwer ist, jemand anderen umzubringen wie an sich selbst Hand anzulegen.

Doch als er erfährt, dass diese Frau eines Tages selbst zur Tat geschritten ist und ihren Mann niedergschossen hat, wird sie zum Gradmesser seines eigenen Mutes. Axler erkennt, in der Bewunderung für jene Frau: „Selbstmord ist eine Rolle, die man für sich selbst schreibt. Man füllt sie aus und setzt sie um. Alles ist sorgfältig inszeniert. Aber es gibt nur eine einzige Vorstellung.“

Die Erbarmungslosigkeit, mit der Philip Roth vorgeht, ist beeindruckend. Am Ende muss man Axler tatsächlich als Sieger betrachten, der keineswegs leer ausgeht; der einmal noch seine Spielblockade überwindet und die letzte Rolle, den letzten Akt seines Leben perfekt zur Aufführung bringt. So merkwürdig die Pornoszenen mit den grünen Dildos und den neunschwänzigen Katzen sein mögen, so sehr begreift man, dass Roth darin die eigene Angst vor dem kreativen Versagen sublimiert, die Angst davor, eines Tages intellektueller Funktionen, des Gedächnisses überhaupt verlustig zu gehen. Mit „Die Demütigung“ stemmt Philip Roth sich einmal mehr sehr vital dagegen.

Philip Roth: „Die Demütigung“. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München 2010. 138 Seiten, 15,90 €.

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