Kultur : Rudolf Walter Leonhardt: Lang lebe Leo

Rolf Michaelis

Wenn man ihm auf den Gängen der "Zeit"-Redaktion begegnet, die seit 46 Jahren sein zweites Zuhause ist, möchte man "How do you do" sagen oder ihn doch auch am späteren Nachmittag mit einem leisen "Good Morning Sir!" grüßen. Stets freundlich lächelnd scheint Rudolf Walter Leonhardt, oft eine Zigarette im Mundwinkel, manchmal mit zierlicher Silber-Box für Eiswürfel, immer auf dem Weg in einen Club berühmter Autoren, geistreicher Plauderer zu sein, oder, noch schöner, von dort in die erhabenen Niederungen einer Feuilleton-Redaktion zu kommen.

Ja, dieser "Feuilletonist", der keiner ist, kommt von weit her. Zunächst einmal kommt er aus der politischen Redaktion. Die hat ihn, den "Engländer" (er war von 1948 bis 1950 Dozent für moderne deutsche Literatur in Cambridge; bis 1953 bei der BBC und als Autor für britische Zeitungen tätig) 1957 dem Feuilleton als Chef ausgeliehen. Wie es bei solchen Aktionen geht - man gewöhnte sich an ihn, Leo wurde zur Dauerleihgabe. Erst 1973 räumte er den Schreibtisch des Feuilleton-Chefs. Er wollte jetzt wieder mehr schreiben, als Europa-Korrespondent, als Autor von Büchern.

Bis dahin hatte er geschaffen: das "Leo-Feuilleton", eine Art englischen Debattier-Club auf deutschem Zeitungspapier. Hier durfte, hier sollte gestritten werden, hart, doch höflich, über - alles. Natürlich über Literatur. Und weil es immer auch die Gegen-Meinung gibt, die ernst zu nehmen ist, wurde über die Neuerscheinungen von damals - Grass, Walser, Enzensberger - nicht nur eine Kritik gedruckt, sondern oft deren drei und vier und fünf.

So fand die "Gruppe 47" bei Leo ihr Forum, ihr Zuhause. Mochten andere Künste darunter leiden, bei der kämpferisch neuen Leidenschaft für die damals aufregend junge deutsche Literatur blieb dann wenig Platz für andere Formen der Kultur. Gestritten wurde aber auch, Leo vorneweg, über alles, was die Gesellschaft bewegte.

"Der Sündenfall der deutschen Germanistik" hieß Leonhardts Kampfschrift von 1959. Da ging es nicht (nur) um das Braun, in das leider so viele Philologen das Schwarz ihres Talars umgefärbt hatten, sondern vor allem um die als nötig erkannte Bildungs- und (Hoch-)Schulreform. Und der Blick richtete sich auch auf "Minoritäten in einer züchtigen Gesellschaft" (1969) oder auf das erst zu ahnende Drogen-Problem ("Haschisch - Dokumente und Fakten zur Beurteilung eines sogenannten Rauschgifts", (1970).

Doch kam dieser Schreiber, der als Feuilleton-Chef vor allem dafür kämpfte, dass andere ihr Wort sagen konnten, von noch weiter her. Er kam aus dem Krieg. Die Erfahrungen jener Jahre prägen den Sohn eines Lehrer-Ehepaares, der selber unaufdringlicher Erzieher jüngerer Kollegen (und lernwilliger Leser) geworden ist, bis heute. Nie wieder! Aus wievielen seiner Artikel, Glossen, Bücher hört man diesen Ruf. Dabei hat er, der Anti-Militarist, aus den Kasinos der Luftwaffe, mit Zigarette und Whisky-Glas, einen Ton, eine Haltung, einen Lebensstil freundschaftlich verschworener, weltläufiger Kollegialität in seine Redaktion gebracht, fernab aller anbiedernden Kumpanei.

Die Luftwaffen-Offiziere! Trugen die ihr Ritterkreuz nicht, gerade weil es verboten war, an einem Damenstrumpf um den Hals? Kapitän Leonhardt, der auch das (stets verschwiegene) Kreuz umgehängt bekam, ist nach all den Auszeichnungen, die er schon erhalten hat und nun wohl bekommen wird, am besten und schönsten zu denken mit einem Damenstrumpf als Hals- und Herzband-Orden.

Heute ist er auch Kolumnist im Tagesspiegel ("Meine Sprache"). Doch wo kommt er her? Aus Altenburg in Thüringen. Drückte die Schulbank von 1930 bis 38 im "Staatsrealgymnasium" Borna bei Leipzig. Dort soll er Mittelstürmer gewesen sein. Das glauben wir sofort. Mitte. Alles auf sich ziehend, ohne Eitelkeit. Unaufdringlich lenkend. Auch die Mitspieler einbindend. Mal Libero, mal Verteidiger, auch als Ausputzer sich nie zu schade. Glücksfall für das Feuilleton nach 1945. Lang lebe Leo!

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