Rüdiger Safranski 70 : Der Meistersänger

Unter Titanen: Der Philosoph Rüdiger Safranski, Deutschlands bedeutendster geistesgeschichtlicher Biograf, wird an Neujahr 70 Jahre alt.

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Mit dem Atem des Erzählers. Rüdiger Safranski.
Mit dem Atem des Erzählers. Rüdiger Safranski.Foto: Patrick Seeger/dpa

Wo sich Philosophie und Literatur begegnen, da spannt er seine schriftstellerischen Netze auf. Rüdiger Safranski ist Deutschlands bedeutendster geistesgeschichtlicher Biograf: vertraut mit den Konturen von Begriffen wie mit verschlungenen Lebenswegen. Angefangen mit dem finsteren Romantiker E. T. A. Hoffmann, dem er 1984 seine erste Monografie widmete, bis zur Lichtfigur Goethe hat er dabei fast das ganze Feld deutscher Titanen abgeschritten – mit Zwischenhalt bei Arthur Schopenhauer, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche. Denn, so erklärte er in seiner Dankesrede zum „Welt“-Literaturpreis 2006 nach der Veröffentlichung seines Schiller-Buches, ihn schmerze das „Verschwinden des deutschen Meistertums. Ich versuche diese Tradition festzuhalten, bisweilen liebe ich sie sogar.“

Safranskis eigene Meisterschaft wurde früh erkannt, weil sie ein hierzulande fast ausgestorbenes Genre belebte. Über alles erzählerische Raffinement hinaus hielt er an der Trennschärfe eines Denkens fest, das in der biografischen Massenware gerne hinter den Nebeln psychologischer Einfühlung verschwindet. 1945 in Rottweil geboren und heute in Badenweiler zu Hause, entwickelten sich Safranski theoretische Passionen in Frankfurt am Main und Westberlin, wo er an der Freien Universität seit 2012 auch eine Honorarprofessur innehat. Als Student der Germanistik, Philosophie, Geschichte und Kunstgeschichte bewies er aber auch handfeste politische Interessen, die 1970 in ein Engagement bei der maoistischen KPD-AO mündete – und 1976 in einer Dissertation über die Entwicklung der bundesdeutschen Arbeiterliteratur.

Er hat diese linke Frühgeschichte nie geleugnet, aber er geht auf eine Weise gegen sie an, die vielleicht auch die Skepsis ausmacht, die neben den Hymnen eines geradezu unterwürfigen Feuilletons seine Bücher trifft. Dass sie bei aller Gelehrtheit durch ihren Verzicht auf Anmerkungen nicht wissenschaftlichen Ansprüchen standhalten, ist für einen Bestsellerautor eine lässliche Sünde. Dass er dabei, wie in seinem mitreißenden Essay „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“, manchmal Zitate aus dem Zettelkasten verquirlt, die völlig disparaten Fundstellen entstammen und übergangslos in seine Darstellung einfließen, ist schon bedenklicher. Wirklich zweifelhaft ist nur die Tendenz, seinen Gegenständen ihre politischen Ecken und Kanten in altmeisterlicher Prosa abzuschleifen.

Der Heidegger-Biografie warf Dieter Thomä vor, ein „allzu süßer Cocktail“ zu sein, der Hannah Arendt benutze, um der Todtnauberger Weltferne seines Protagonisten ein Weltlichkeitsbewusstsein einzuhauchen. Vielstimmig tönte der Studie „Romantik – Eine deutsche Affäre“ entgegen, dass sie die europäische Dimension der Bewegung ebenso sehr vernachlässige wie deren revolutionäre Sprengkraft. Gegen die Goethe-Biografie schließlich, der Willi Jasper in dieser Zeitung vorwarf, dass sie alles Gesellschaftskritische zugunsten reiner Innerlichkeit ignoriere, brachte auch der Germanist Eckart Goebel vor, sie stilisiere den Dichter „zum Denkmal der deutschen Konsensgesellschaft“. Dies sind nicht nur Vorwürfe akademischer Neider, die selbst nichts Anschauliches zustande bringen. Es sind erstaunlich kontinuierliche Einwände gegen die bruchlose Wohlgefälligkeit literarisch-philosophischer Stoffe.

Dennoch bleiben Safranskis Bücher glanzvolle Ein- und Hinführungen zu unerschöpflichen Gestalten und Problemen. Sie besitzen eine mit Vernunft geerdete Verführungskraft, ohne die kein Land an seinem Erbe festhält. Zu seinem 70. Geburtstag an Neujahr ist Rüdiger Safranski zu wünschen, dass ihm die Worte noch lange nicht ausgehen – obwohl man sich bei jemandem, der auf dem Papier so bildstark formuliert, wie er eloquent in Mikrofon spricht, darüber gewiss nicht sorgen muss: Die zehn Jahre, die er an der Seite von Peter Sloterdijk das „Philosophische Quartett“ moderierte, waren dafür der beste Beweis.

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