Kultur : Rundfunk, der rund funkt

Was vom Rias übrig blieb: Das klingende Sonntagsrätsel im Deutschlandradio feiert morgen 40. Geburtstag. Ein Besuch bei Christian Bienert, dem Moderator

Deike Diening

Mit Verlaub, wir haben Sie uns anders vorgestellt. Das Foto zeigt einen noch relativ jungen, vielseitig interessierten Mann, offenbar Spät-68er. Wir dachten, Sie wären ein äußerst penibler Mensch, eher der Typ eines Buchhalters, seriös und weit über 70. Der Artikel und Ihr Bild sind eine angenehme, positive Überraschung gewesen“, schreibt ein Mann aus Ostfriesland im Dezember 2004 an Christian Bienert. Es gibt auch Leute, die glauben, dass Christian Bienert nie Urlaub macht und ausnahmslos an Sonntagen eine halbe Stunde im Studio ist. Sie bilden sich was ein auf seine Stimme, weil eine Radiostimme dazu einlädt, sie in der Vorstellung zu einem ganzen Menschen zu verlängern. Und jeder, der Bienerts Sonntagsrätsel hört, morgens nach den 10-Uhr-Nachrichten, glaubt ihn zu kennen, schließlich sitzt er mit am Frühstückstisch. Auf die Lösung des Rätsels können sich die Hörer ein Ei pellen.

Das Sonntagsrätsel ist ein Radiowunder, das morgen 40 Jahre alt wird. Es ist die einzige Sendung, die vom Rias – Rundfunk im Amerikanischen Sektor – überlebt hat. Der Sender wurde 1994 zu DeutschlandRadio Berlin, und ab Montag wird es für das neue Deutschlandradio Kultur wieder ein völlig neues Sendekonzept geben. Das Sonntagsrätsel aber bleibt. Ein Versehen, eine glückliche Fügung? Wie konnte das passieren?

Am 7. März 1965, die Mauer in Berlin stand schon, da sprach Hans Rosenthal aus den Lautsprechern des Westsenders „Das klingende Sonntagsrätsel“ Nummer eins. Eigentlich wollte man bloß wissen, wie weit der Sender reichte, eine neue Frequenz in Hof sollte getestet werden, und wer hörte eigentlich im Osten zu? So erfand man ein liebes Musikrätsel: Sechs Melodien wurden gespielt, erraten werden mussten Interpreten, Titel oder Liedzeilen. Je ein Buchstabe daraus ergaben zusammen das Lösungswort. Das ist heute alles noch genau so.

Man sollte Christian Bienert in seinem Papier gefluteten Büro samt seiner Sendung unter Denkmalschutz stellen. Auch wenn das Rätsel nur bis zur letzten großen Programmreform das „klingende“ hieß, bei der man ihm mitteilte, dass sich das Wort „klingend“ aus der Gegenwartssprache verabschiedet habe. Nun ja. Mit der Gegenwartssprache hat Bienert ohnehin Probleme.

Vor gut zwei Wochen gewann ein Hörer bei Radio Hamburg 128 000 Euro, die höchste jemals ausbezahlte Geldsumme im norddeutschen Radio. Man hielt es für angebracht, den Computertechniker aus Lübeck mit einer amerikanischen Stretchlimousine nach Hamburg zu holen. Er hatte das Geräusch des Abnehmens einer Lautsprecherblende erkannt.

„Ja, das muss so laut“, plakatiert „Kiss FM“ in Berlin, die Sendung heißt „Knallwach“. Hallo-Wach-Shows, Tausender einsacken bei BB Radio, morgens ab 6 Uhr 16, diese ganze gute Laune, das Schrille, das Aufgesetzte, Bienert windet sich. Er ist nicht böse, wenn ihm Leute sagen, dass er nicht mehr in diese Zeit passt. Er sieht das auch so. Die Preise beim Deutschlandradio sind eher niedlich: Ein Buch, eine CD oder MC – bitte auf der Postkarte vermerken, was man haben will. Bei Bienert mitmachen ist, als würde man in eine Prüfung gehen, bei der man alle Unterlagen mitnehmen darf. Da ist die Erkennungsmelodie, nur eine Stimme, die langsam erklärt. Man hört den Sprecher atmen. Wenn es will, kann Radio das intimste Massenmedium überhaupt sein. Das war bei Rosenthal auch nicht anders.

Die Leute jedenfalls schrieben Ansichtskarten, und dazu gehörte Mut, jedenfalls für die Menschen in der DDR. Hochpolitisch, fand die Stasi, und fing die Lösungsworte ab. Denn das war auch dem Geheimdienst klar: Berlin 62, das war der Rias. Feindsender. Der Westen warb für sich mit Unterhaltung, der Westen klang nach dem Kabarett der „Insulaner“ und dem furchtlosen Kritiker Friedrich Luft. Kaugummi und Schokolade für die Ohren. Zu Beginn demontierten Brigaden der FDJ in der DDR die nach Westen ausgerichteten Antennen, erst im Mai 1973 sagte Erich Honecker, dass die „westlichen Massenmedien, vor allem der Rundfunk und das Fernsehen der BRD, bei uns jeder nach Belieben ein- oder ausschalten kann“. Aber Postkarten schreiben war etwas ganz anderes.

Der Rias richtete eine Deckadresse ein: Michaela Wegener, Torgauer Straße 45. Hier kam mehr Post aus der DDR an. Hans Rosenthal sagte zu Christian Bienert, seinem Assistenten: „Wäre die Mauer offen, würden wir in Zuschriften ersticken.“ Bienert schrieb seit Anfang der 70er Jahre die Moderationen für Rosenthal, suchte die Musik aus den Archiven und bestellte die Studios. Hans kam dann „eingeschwebt“, sagt Bienert, so „hektisch-elektrisch“ und sprach alles ein. Länger als 20 Minuten am Stück hat er den Chef nie zu Gesicht bekommen. Noch vor der Mauer fiel Rosenthal. Es ist der 14. Februar 1987, die 1075. Sendung, am Mikrofon der Assistent: „Es wird nie wieder eine Sendung geben von und mit Hans Rosenthal. … Hans Rosenthal hat das klingende Sonntagsrätsel vor 22 Jahren ins Leben gerufen und wer Hans kannte, der wusste, sein Motto war: the show must go on. … Deshalb wollen wir ihm zu Gedenken diese kleine Sendung weiterführen. Es wäre sehr schön, wenn Sie uns dabei helfen.“

Da wusste Bienert noch nicht, dass er selbst diese Sendung weiterführen würde. Für Rosenthal, der dalli-dalli durch sein Leben spaziert ist, war sie eine Sendung von vielen. Für Bienert wird sie zum Lebensprojekt.

Die Trauerfeier für Rosenthal fand im Rias statt, im großen Studio 10. Für den Trauerzug zum jüdischen Friedhof wurden Straßen gesperrt. Hans Rosenthal, der Jude mit den zwei Leben in Deutschland, war tot. Aber sein treuester Mitarbeiter war noch da und hatte erstmal eine Menge Angst: Dass ihm die Hörer abhanden kämen, dass niemand mehr schreiben würde, dass das Herz der Sendung Hans Rosenthal gewesen wäre, dass sie mit jemand anderem nicht funktionieren würde. Er würde die Hörer begeistern müssen, nicht nur für die Fragen, für die Rätselei, sondern für sich. Und trotzdem würde er niemals Hans Rosenthal werden. Auf dem Spiel standen nicht nur die Melodien, sondern Christian Bienert – abgebrochenes Studium, keine Sprecherausbildung – als Person.

Ganz vorsichtig begann Bienert, Kleinigkeiten zu ändern. Er ist ein ganz bisschen von den Schlagern abgewichen. Die Leute schrieben. Irgendwann fand er das Kind zu künstlich, das immer die Geldpreise ziehen musste. Alexandra war schon 15, „mit der konnte ich flirten“. Ab da gab es kein Glückskind mehr in der Sendung. Die Leute schrieben trotzdem. Dann gab es keine Geldpreise mehr, und die Leute schrieben erst recht.

Und dann kam die Wende. Es war immer schon bergeweise Post gekommen, aber ab 1989 kam jeden Tag ein Lkw. Im September noch 12 000 Zuschriften, 500 aus der DDR, im November 40 000, im Dezember 54 000. Im Januar 1990 waren es 155 000 Briefe und Karten, allein 126 000 aus der DDR. Im März waren es 355 000, davon 330 000 aus dem Osten Deutschlands. Nach 40 Jahren funkte der Osten ungestört zurück. Sie kriegten es mit Tausenden von Briefen zu tun, die Leute schickten Blumen und Dresdner Stollen. Immer wieder irrten Leute aus den Bundesländern, die nun die „neuen“ hießen, in Schöneberg herum, auf der Suche nach Michaela Wegener, der Hilfsadresse. „Aber die hat es ja nie gegeben!“, sagt Bienert. Er fühlte sich verpflichtet, jetzt allen zu antworten. Es nahm groteske Ausmaße an. Sein Vorgesetzter sagte: „Herr Bienert, wir sind doch kein Schreibbüro!“, aber das wollte er im Angesicht der Geschichte nicht gelten lassen.

Der Rias hat seine Mission erfüllt und sich nach dem Kalten Krieg selber abgeschafft. Aber Bienert bekommt weiter Post. Das Sonntagsrätsel beim Deutschlandradio hat seine Stammhörer jenseits politischer Ziele. Man trägt es durch die Generationen wie den Umgang mit Messer und Gabel. Dafür muss ja auch niemand Werbung schalten. Und niemand knallwach sein. Die Leute antworten auf die kuriose Sendung mit eigenen Schrullen. Einer malt über Jahre zu jedem Lösungswort eine Bleistiftzeichnung. Die schickt er an den Sender. Andere legen lückenlose Rätselbücher mit Liedern und Lösungswörtern an. Wieder andere schreiben geknickt, wenn sie nach 20 Jahren die erste Sendung verpasst haben. Und 2001 meldete sich die Birthler-Behörde mit zwei Metallkoffern, in denen zehn Jahre alte Post steckt, von der Stasi abgefangen.

„Es ist nicht einsam“, sagt Bienert. Er sitzt hinter Bergen von Hörerpost, in Stapeln, deren Ordnung nur er selber kennt. Bei Bienert löst sich die Masse auf, in einzelne Blätter Papier. Das macht ungeheuer viel Arbeit. In der Woche für Zuhause einzukaufen, lohnt sich gar nicht. So viel Papier ist hier, so viele Zuschriften, aber bevor er nicht alle durchgesehen hat, kann er nichts weggeben.

„Hallo Herr Sonntagsrätsel“ schreiben ihm die Leute, weil Bienert das Sonntagsrätsel ist. Junge Leute schreiben ihm, dass sie ohne ihn Edvard Grieg nicht kennen würden. Ein Ehepaar suchte auf der Autobahn nach Papier und Stift für die Lösung, vergaß den Tacho und wurde geblitzt. „Die kleine tragbare Satellitenschüssel ist immer im Wohnmobil dabei“, schreiben andere. „Damit ich immer mal nachschlagen kann, habe ich mir schon wieder ein Opernbuch und Poplexikon angeschafft.“ „Unsere Rate-Gemeinschaft erstreckt sich mittlerweile über drei Städte: Berlin, Weimar und Erfurt. Nachdem Ihre Sendung beendet ist, rufen wir uns gegenseitig an und tauschen unsere Ergebnisse aus." „Wir leben in England. Sonntags hören wir über Internet Deutschlandradio/Sonntagsrätsel. Mein Enkel verbindet die Melodie damit, dass es Sonntag ist, seine Mama zu Hause bleibt und es ein Frühstücksei gibt.“

Rosenthal hat immer für ein Massenpublikum gearbeitet. Bei Bienert löst sich die Masse wieder auf – in Individuen. Es ist das Unmögliche, was Bienert hier versucht. Jeder, der sich als Hörer „zu erkennen gibt“, wird wahrgenommen. Hat Bienert das Medium missverstanden? Radio heißt: ein Sender, viele Empfänger. Bienert will aber partout auch Empfänger sein. Dass das Radio ein einseitiges Massenmedium ist, hat Bertolt Brecht schon gestört. Es solle nicht nur ein Distributionsapparat, sondern ein Kommunikationsapparat sein. „Wenn Radio wüsste, wie man den Hörer sowohl sprechen als auch hören lassen könnte, wie man ihn in Beziehung bringen könnte, anstatt ihn zu isolieren, dann wäre Radio der erstmögliche Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens.“ Die Radiotheorie von Brecht ist Teil seines kulturrevolutionären Konzepts. Aber Bienerts Hörer sind keine Kulturrevolutionäre, die per Ansichtskarte die Herrschaftsverhältnisse umkehren. Es sind „Rätselfreunde“.

„Was hätten Sie gerne? Ein Buch, eine CD, eine MC? Die Schleppsonare sind uns leider ausgegangen.“ Bienert ist ernst wie ein Engländer, wenn er einen Witz macht. Hallo? Es machte nichts, dass vermutlich kaum einer der Hörer da draußen wusste, dass ein Schleppsonar ein akustisch arbeitendes nautisches Instrument zur Bestimmung einer Entfernung ist. „Es hat auch niemand geschrieben darauf, niemand reagiert. Vermutlich dachten die, das war eine Tonstörung.“ Das Wichtigste war, dass Bienert sich amüsiert hat. Er sagt gerne subtilen Unsinn. Sperrigen, schwer verkäuflichen Humor. Er findet es lustig, dass eine Drehtür offiziell „Personenvereinzelungsautomat“ heißt, wenn jemand „fußläufige Entfernung“ sagt. Bienert ist auch ein Wortebewahrer, nicht nur ein Melodienbewahrer. Und es gibt offenbar so viele Menschen im Land, die das zu schätzen wissen, die das nirgendwo anders finden, dass Bienert sich noch nie um eine Quote kümmern musste.

Hans Rosenthal war ein Phänomen. Das ist wahr. Deshalb funktionierte die Sendung so gut. Wahr ist aber auch, dass Christian Bienert ein Phänomen ist. Und die Hörer legen sich kleine UKW-Radios zu, damit sie überall die Sendung empfangen können. „Familien telefonieren durch ganz Deutschland: Was hast du denn rausbekommen?“ Was ist schon die Lösung, was der Gewinn?

Es ist zweckfreie Unterhaltung, ein Ritual am Sonntag, und im besseren Fall ein Anlass, sagt Bienert, für lauter schöne Dinge: Sich mit unbekannter Musik zu beschäftigen. Mit der Familie zu reden. Oder an den Westen zu glauben.

Einmal hat Christian Bienert einen Brief von einer Hörerin bekommen, er war aus Hamburg und ätzend im Ton. Bienert sei viel zu versöhnlich. Er gebe zu viele Hilfestellungen. Das könne ja jeder lösen. Warum es nicht einmal etwas Wettbewerb gebe in seiner Sendung? „Den Zahn habe ich ihr ganz höflich gezogen.“ Für seine Verhältnisse hat Bienert sich erst ziemlich aufgeregt. Dann hat er zum Hörer gegriffen, das fand sie schon mal gar nicht gut. „Was rufen Sie denn an?“ Und hat er ihr erklärt, dass man dann aus dem Rundfunk ja gleich das „Rund“ streichen könnte, wenn man so denke wie sie.

„Es ist das Leichteste, sich Rätsel auszudenken, die keiner lösen kann“, sagt Bienert. Es ist auch das billigste. Aber darum geht es nicht. „Wir alle haben unsere Wissensdefizite – nur woanders.“ Bienert will verbinden, nicht selektieren. Wenn alles Leistung ist, wenn man überall immer bestehen muss, dann gibt es wenigstens sonntags zum Frühstück keinen Wettbewerb mehr, das ist die tröstliche Botschaft.

Er lehnt sich nach vorne. „Jede Zuschrift, die mehr ist, als das Lösungswort, lese ich.“ Er verbringt mehr Stunden in seinem Büro, als er wahrhaben möchte. In Gesellschaft von Dekovögeln, die tonlos auf den Schwenkarmen der Lampen über den Aktenstapeln schweben. Und in Gesellschaft der Papierberge summen die Stimmen seiner Hörer um ihn herum.

Bienert legt Wert darauf, dass er nicht der Erbe von Hans Rosenthal ist, denn nie reiche er an dessen Fähigkeiten heran. Das meiste, was er kann, habe er von ihm gelernt: Dass freie Wochenenden nicht zwingend aus der menschlichen Verfassung abzuleiten sind, dass man sich selbst nicht so wichtig nehmen soll.

Das größte Kompliment, sagt er, ist, dass die Traudl Rosenthal, Hans’ Frau, ihm zuhört, miträt und es ihr auch noch gefällt. Die alten Lieder kennt sie selbst, für die jüngeren ruft sie ihre Tochter Birgit an. „Das ist dann auch immer gleich mein sonntäglicher Familienanruf.“ Traudl Rosenthal kennt Bienert, seitdem er geboren wurde, sie war mit seiner Mutter befreundet. Rosenthals Tochter Birgit hat die Kindersachen getragen, aus denen Christian Bienert herausgewachsen war. Kaum vorstellbar, wie er hier sitzt, mit seinem Bartansatz, der ihn älter macht als 57 Jahre. Christian Bienert, sagt Traudl Rosenthal, hat immer schon viel experimentiert. Sie kannte ihn aus einer Zeit, als es aus dem Zimmer des Schülers bei Chemieversuchen krachte und puffte.

Es ist spät geworden. Bienert packt seinen großen Aktenkoffer und stapft durch den Schnee nach Hause. Im Kühlschrank warten fünf Scheiben Wurst auf ihn.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben