Rupprecht Geiger : Lebenselixier Farbe

Der ewig Junge: Ein Altmeister erlebt das Comeback seiner eigenen Malerei. Zum 100. Geburtstag von Rupprecht Geiger

Nicola Kuhn

Der Mann ist ein Phänomen. Vermutlich wird Rupprecht Geiger auch an seinem heutigen 100. Geburtstag in sein Münchner Atelier gehen und arbeiten – ein paar Stunden am Vormittag, ein paar Stunden am Nachmittag, wie jeden Tag. Seine Enkeltochter Julia, Kunsthistorikerin und Betreuerin seines Werks, ist davon überzeugt, dass gerade diese regelmäßige Beschäftigung den greisen Maler jung gehalten habe – und die lebenslange Auseinandersetzung mit der Farbe Rot.

Ein Abglanz dieser Frischzellenkur ist gegenwärtig aus Anlass des runden Geburtstags im Münchner Haus der Kunst zu erleben: die Rote Trombe. Meterhoch schwebt das zeltartige Objekt über dem dunklen Granitboden der riesigen Eingangshalle. Wer sich hineinbegibt, sollte die Schuhe ausziehen und sich auf eine Filzmatte legen, um Rot zu tanken. Ganz ungestört geht das nicht, denn die von außen hereindringenden Geräusche – Schritte, Lachen und der Sound eines Künstlervideos – lenken zu sehr ab. Dennoch: Nach und nach senkt sich das Rot auf Haare, Haut und Kleidung wie das warme Licht eines Sonnenuntergangs.

Das 1985 gemeinsam mit seinem Sohn Florian, einem Zeltbauer, für die große Retrospektive in der Berliner Akademie der Künste geschaffene Werk knüpft an das künstlerische Urerlebnis Rupprecht Geigers an. Der als Kriegsmaler an die Ostfront und schließlich nach Griechenland entsandte junge Architekt fühlte sich von der kargen Landschaft überwältigt, geradezu niedergedrückt. Nur das Rot der untergehenden Sonne gab ihm Halt, einen Hoffnungsschimmer. Eine andere, ebenfalls vom Künstler gerne erzählte Variante für die Initialzündung der Farbe Rot geht so: Nach der Rückkehr aus dem Krieg sah er inmitten der Trümmer seiner zerbombten Heimatstadt plötzlich eine junge Amerikanerin mit knallrotem Pullover aus einem Jeep steigen und wie eine Leuchtspur durch die tristen, grauen Straßen gehen.

Was auch immer den Künstler-Autodidakten bewogen hat, sich auf das reine Farberlebnis, vornehmlich das Rot, zu stürzen, den Wunsch nach einem radikalen Neuanfang in der Malerei teilte er mit vielen Künstlern, die sich wie er nach dem Krieg der Abstraktion zuwandten. In München, einst Hauptstadt der Bewegung und mit dem Haus der Kunst Schaufenster der nationalsozialistischen ästhetischen Ideale, war das alles andere als einfach. Das große Publikum lehnte die neue Kunst ab. Trotzdem formierte sich hier die Gruppe ZEN 49 mit Rupprecht Geiger, Fritz Winter, Willi Baumeister und Brigitte Matschinsky-Denninghoff, die im britischen Diplomaten und Kunstkritiker John Anthony Thwaites einen großen Unterstützer fand.

Der Wille zum Bruch mit dem Althergebrachten, Diskreditierten gab den jungen Künstlern die Kraft, über sich selbst hinaus zu wachsen. 1949 notierte Geiger in sein Tagebuch: „Die Abkehr vom Gegenständlichen, der Ekel vor den Dingen, die auf die Menschen bezogen sind, hat seinen tiefen Grund. Diese Menschheit hat sich zutiefst verdächtig gemacht.“ Der Maler negiert mit seinen abstrakten Bildern nicht nur jegliche Figuration, er verlässt auch mit seinen nach 1948 entstandenen polygonen Rahmen die bisherige Konvention des viereckigen Rahmens. Bereits vor Einführung des shaped canvas in den USA durch Frank Stella hat Geiger diese neue Form für sich entdeckt – fern der Weltöffentlichkeit.

Ein solches Überraschungserlebnis hat der Besucher der Geiger-Retrospektive im Münchner Lenbachhaus gleich mehrfach. Aus heutiger Sicht wirkt sein Werk ewig jung. Mag er auch lange Zeit als Münchner Größe gegolten haben, vom internationalen Ausstellungsbetrieb kaum bemerkt, so kehren doch plötzlich seine fluoreszierenden Farben bei einem Nachwuchsstar wie Anselm Reyle wieder, gibt sich auch Katharina Grosse mit ihren raumgreifenden Farbräuschen aus der Spritzpistole dem reinen Farberlebnis hin. Zu den schönsten Anekdoten gehört die Geschichte des Architekten I. M. Pei, der sich durch den Berliner Reichstag führen ließ und im Sitzungssaal mit den gelb-rot leuchtenden Friesen von Geiger begeistert ausrief: „Oh, it’s young art!“

Auf den starken Kontrast von Gelb und Rot setzt Geiger auch mit seiner zum 100. Geburtstag vom Lenbachhaus herausgegeben Edition. Eine rote Scheibe schiebt sich vor gelben Grund, und plötzlich wirkt seine Kunst nicht nostalgisch, wie ein Relikt aus der Aufbruchzeit der jungen Bundesrepublik, sondern unverbraucht und frisch. Unvermittelt befindet sich der Altmeister der Farbfeldmalerei wieder auf der Höhe seiner Zeit. Anish Kapoor, ebenfalls ein Magier der Farbe, die er allerdings räumlich-skulptural zur Wirkung bringt, hat parallel zu Geiger im Haus der Kunst eine große Retrospektive. Eine glückliche Koinzidenz. Als Helmut Friedel, Direktor des Lenbachhauses, den Londoner Künstler der Geiger-Enkelin Julia vorstellt, fragt er spontan, ob es vielleicht im Atelier des Großvaters noch eine Variante des großartigen pinkfarbenen Gemäldes aus dem Besitz der Berliner Neuen Nationalgalerie gäbe. Er hätte gerne auch so eins für sich. Julia Geiger winkt höflich ab. Solche Anfragen gibt es in letzter Zeit offensichtlich zu Genüge.

Plötzlich ist der stille Atelierarbeiter wieder gefragt, in den Museen und auf dem Markt, ähnlich wie Fritz Winter, Geigers Kombattant aus der Gruppe ZEN 49, der gerade in Leipzig eine große Retrospektive hat, und ähnlich wie Viktor Vasarely und Max Bill, die auch in diesem Jahr 100. Geburtstag feiern würden und mit denen Geiger derzeit in einer Ausstellung im Essener Folkwang-Museum zu sehen ist. Einerseits grast der Handel nach dem Boom der gegenständlichen Malerei andere verkäufliche Œuvres ab, andererseits knüpft unser heutiger Zeitgeschmack offensichtlich an eine Ästhetik der sechziger Jahre an.

Rupprecht Geiger ist es allerdings gegeben, das Comeback seines eigenen Werks zu erleben, die Rückkehr der Colorfield-Malerei, deren prominentester Vertreter deutscher Provenienz er war. So gehört es zu seinen späten Triumphen, dass er 2001 die Bundesrepublik auf der Biennale von São Paulo vertreten durfte. Plötzlich sind auch seine Arbeiten im öffentlichen Raum wieder gefragt, die in den letzten Jahren zunehmend verkamen. Sämtliche vom Lenbachhaus organisierten Busfahrten zu ortsspezifischen Werken des einstigen Architekten sind komplett ausgebucht. Die zahllosen Neonröhren seiner 30 Meter langen Wandinstallation am Münchner Hauptbahnhof wurden eigens ausgetauscht, die dazugehörigen Aluminiumplatten gereinigt. Vom Glanz dieses 100. Geburtstages partizipiert die ganze Stadt. München leuchtet mit.

München, Haus der Kunst, bis 12. 5., Lenbachhaus, bis 30. 3.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben