Kultur : Sag niemals Nil

Ivan Stanevs „Luxor Las Vegas” in den Berliner Sophiensaelen

Peter Laudenbach

Der Untergang des Abendlandes kann eine verwirrende Angelegenheit sein, vor allem wenn er von Ivan Stanev inszeniert wird. Der bulgarisch-deutsche Avantgarderegisseur jagt in seinem neuen Stück „Luxor Las Vegas“ die Unterhaltungsindustrie von Las Vegas und die Pyramiden von Ägypten, den Welthandel, viertausend Jahre Menschheitsgeschichte, Elvis und Nofretete, Hölderlins „Hälfte des Lebens“ und Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ durch die Assoziationsmixmaschine. Das Ergebnis dieser Übermalungen und Überblendungen ist eine schwindelerregende Collage, ein Theaterabend, der den Zuschauer erst in Ratlosigkeit und dann in zunehmende Faszination stürzt.

Auf der mit Kies und Schotter bedeckten Bühne verfaulen die Leichen von Touristen aus der reichen Welt auf bunten Liegestühlen. Eine große Sphinx auf der rechten Bühnenseite hat ihr kühl modernes Pedant links in einer Glaspyramide, wie sie in Paris vor dem Louvre steht, ein Zitat, das archaische Überreste der ägyptischen Vorzeit postmodern eklektizistisch okkupiert. Eine rätselhafte Stimme macht gleich zu Beginn der Aufführung klar, mit welcher Zeit und mit was für einem Zustand wir es hier zu tun haben: „Es war in ferner Zukunft. Ich war ein Schatten meiner selbst.“ Hier stürzen die Epochen ineinander, Stanev verwandelt die übereinander gelegten Zeitebenen in ein Assoziationsdelirium, in denen der Verstand schnell den Halt verliert.

Zwischen den ersten Zuschauerreihen und der Bühne markiert ein riesiger Roulette-Spieltisch die Grenze, eine Barriere zwischen Fiktion und Empirie, zwischen Stanevs Zombies und uns Normalsterblichen, die im Gegensatz zu seinen Bühnenfiguren nur in einer einzigen Zeit leben. In der Glaspyramide verharren, mehr tot als lebendig, zwei fette Touristinnen, vom Konsum bis zur Leichenstarre sediert, die Lippen aufgespritzt und grell geschminkt, eine Filmprojektion zeigt Wissenschaftler mit Masken und weißen Schutzanzügen die eine Mumie sezieren. Ein Elvis-Double (Gabriel Walsh) singt in Slow Motion „It´s now or never“, später, wenn auch er in Leichenstarre gefallen ist, bedecken silbern reflektierende CDs seine Augen, der digitale Datenspeicher als eine Form industriell vervielfältigter Unsterblichkeit für die Götter der Pop-Industrie. Ein großer Augenball, dünne rote Äderchen und eine riesige Iris, rollt über die Bühne, ein künstliches Auge wie von einem Plattencover der „Residents“. Die sedierten Touristinnen haben sich an den Spieltisch geschlichen. Dort setzen sie ihre Totenstarre fort, während hinter ihnen Filme von Bus- und Nilfahrten durch Ägypten laufen und von The Cure der Klassiker „Standing at the beach, looking on the sand“ zu hören ist, ein Song, der von Camus „Der Fremde“ inspiriert wurde und in den Refrain „Killing an Arab“ mündet.

Soweit der Beitrag der besseren Popmusik zum interkulturellen Dialog. In ihr spricht das gesellschaftliche Unterbewusste, Stanev macht es mit sarkastischer Lust an der Katastrophe sichtbar. Krylon Superstar ist ein schwarzer, würdevoller Echnaton von unklarem Geschlecht und Jeanette Spassova ist die beeindruckendste Nofretete seit der Mumifizierung des Originals. Am Ende spricht sie vom Erstarren der Menschheit in einer finalen Finsternis, vom Verschwinden allen organischen Lebens im Beton, ein Sirenengesang der Apokalypse.

Wieder am 28. – 30.11, 1.12. und 3. – 8. 2.

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