Saisonstart an der Berliner Volksbühne : Auf den Mund gekommen

Vor 40 Jahren lernte Regisseur Walter Asmus Samuel Beckett in Berlin kennen. Seitdem inszeniert er seine Stücke. Am Freitag eröffnet er mit gleich drei Werken die Volksbühne. Eine Begegnung.

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He, Sam. Seit vierzig Jahren beschäftigt sich Walter Asmus mit Becketts Werk. Er wird ihm auch äußerlich immer ähnlicher.
He, Sam. Seit vierzig Jahren beschäftigt sich Walter Asmus mit Becketts Werk. Er wird ihm auch äußerlich immer ähnlicher.Foto: Volksbühne/David Baltzer

Einmal, während der Proben zu „Warten auf Godot“ im Schiller-Theater Mitte der 1970er, kam einer aus dem Ensemble zum Regisseur und sagte: „Mr. Beckett, ich entdecke jeden Tag etwas Neues in Ihrem Stück“. Walter Asmus, Becketts Assistent, stand daneben und dachte: Herrje, jetzt schleimt der herum! Der so gelobte Dramatiker allerdings stand lange da und schwieg. Schaute dann auf und sagte: „Ich auch“. Vollkommen ernst, ohne Koketterie.

Für Walter Asmus, heute 76, ist dieses „Ich auch“ eine Art künstlerisches Credo geworden. Und ein Lebensthema. Seit fast vier Jahrzehnten inszeniert er Becketts Stücke, weltweit, um dem auf die Spur zu kommen, was er „das dichterische Geheimnis“ nennt und was der irische Autor und Nobelpreisträger selbst in mathematisch präzisen Regiebüchern und Skizzen-Sammlungen nie vollends entschlüsseln konnte. Nicht für sich, erst recht nicht für andere. „Er hat ja keine Interpretationen geliefert, keine Diskussionen über psychologische Zusammenhänge geführt“, sagt Asmus.

Proben werden überbewertet

Eine kleine Anekdote. Der Regisseur erinnert sich, wie Beckett in Berlin sein Kurzstück „Spiel“ probte und ihm, seinem Assistenten, das 10-Minuten-Dramolett „Kommen und Gehen“ zur Inszenierung anbot. Mit drei Schauspielerinnen stürzte sich Asmus enthusiastisch in die Arbeit, „wir haben uns die Köpfe heiß geredet, fantasiert“, all die W-Fragen des psychologischen Theaters gewälzt, die Wohers und Warums. Am Abend traf er Beckett zum Essen in der „Giraffe“ im Hansaviertel. Was er denn den ganzen Tag gemacht habe, wollte der Dramatiker von Asmus wissen. Geprobt natürlich! „Mein Gott“, habe Beckett nur entgegnet, „das ist ein 10-Minuten-Stück“.

Jetzt zeigt Asmus ab diesem Freitag zur Eröffnung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in der Intendanz von Chris Dercon eine Verschränkung dreier Beckett-Werke, „Nicht Ich / Tritte / He, Joe“. Gespielt von der Aktionskünstlerin Anne Tismer und dem dänischen Schauspieler Morten Grunwald, den nicht wenige noch als Benny aus der „Olsenbande“ kennen. Weswegen Asmus auch „Fanclubs in gelben Socken“ im Theater erwartet. Gut möglich, dass die in der Vorstellung erst mal schlucken müssen, denn die späten Stücke Becketts sind radikale Reduktionen ohne Lesbarkeits-Geländer zum Festhalten.

In „Nicht Ich“ etwa ergießt sich ein Redeschwall aus einem überdimensionierten Mund, so etwas wie eine Geschichte lässt sich nur in Fragmenten herausfischen. Auf der Suche nach Schlüsselblumen zerfällt unversehens die Welt um eine Frau, sie verliert das Körperbewusstsein, nur der Mund bleibt. Schon „grenzüberschreitend zur Performance“ sei dieser Text, findet Asmus, „1984 haben viele gefragt: Ist das noch Theater?“ Er auch? Der Regisseur schüttelt den Kopf. Er sitzt auf einem Plüschsofa im Roten Salon der Volksbühne, ein ruhiger Gesprächspartner, der etwas von der freundlichen Distanz ausstrahlt, die er auch Beckett attestiert, und entgegnet: „Nie. Für mich ist alles Theater.“

Die Bühne als Dschungel

Er gehöre einer Generation an, schiebt Asmus nach, in der ein Pierre Boulez die Opernhäuser in die Luft sprengen wollte und ihm selbst der Guckkasten zuwider wurde. „Wenn ich abends im Fernsehen sah, wie die Trichter der B52 sich öffneten und die Bomben fielen, wollte ich das Publikum in ein Flugzeug setzen und in den Dschungel von Vietnam fliegen. Damit die Leute echtes Theater sehen können.“

Asmus will eben nicht wie ein Früher-war-alles-besser-Onkel klingen. Nur daran erinnern, dass all die Crossover-Entgrenzungen und Form-Experimente – wie jetzt in der Volksbühne, wo Beckett am Eröffnungswochenende mit Arbeiten des Choreographen Tino Sehgal verschränkt wird – in der Kunst selten wirkliche Neuerfindungen sind, sondern ihre Vorläufer haben. Asmus sieht sich eben auch nicht als Verwalter eines Beckett-Museums voller staubiger Preziosen, in dem bedingungslos dem Meister gehuldigt wird.

Natürlich hilft es für eine lebenslange Beckett-Beschäftigung, wenn man auch „nach 40 Jahren noch genau seine Stimme im Ohr hat“. Wenn man ihn in den seltenen Momenten von Emotionalität erleben konnte, damals in London zum Beispiel, wo Beckett einen amerikanischen Schauspieler als besten Lucky aller Zeiten in „Warten auf Godot“ sah und mühsam seine Ergriffenheit herunterwürgte.

Komm und erlöse mich

Klar weiß Asmus, mit welchen Themen der Dramatiker auch unausgesprochen unterwegs war. Liebe nicht erwidern zu können, ein Motiv auch aus „He, Joe“. Religiosität, „obwohl er immer geleugnet hat, ein religiöser Mensch zu sein“. Die Suche nach Erlösung schließlich, die auch das Stück „Tritte“ durchzieht, in dem eine Geisterfrau in streng abgezirkelten Bahnen die Kirche durchwandert, in der sie eines Tages plötzlich verschwand. Hildegard Schmahl hat diese May bei Beckett im Schiller-Theater gespielt. Inspiration war neben anderem eine Vorlesung von C.G. Jung, in welcher der Fall eines Mädchens vorgestellt wurde, „das nie ganz geboren worden war“. Das existierte. Aber nicht wirklich lebte. „Das war auch Becketts Geschichte“, sagt Asmus.

Auf der anderen Seite würde er dessen Werke nie auf das Biografische reduzieren. Hatte Beckett den Einfall zu „Warten auf Godot“ wirklich in Dresden vor dem Gemälde „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ von Caspar David Friedrich? Ja, das Bild kommt vor im Stück, fast wörtlich übertragen. Aber es war eben nicht der eine Impuls. Ein paar Geheimnisse müssen schon bleiben. Ein paar Fragen unbeantwortet bleiben. „Sonst könnten wir ja fernsehen“, sagt Asmus.

Beckett lässt die Hosen runter

Es hat auch andere Autoren gegeben, die ihn entflammt haben. Hölderlin. Sophokles. Kleist. Aber am Ende war es dann doch immer wieder Beckett. Warum? Vielleicht, mit den Worten von Harold Pinter, weil Beckett uns nichts verkaufen will. „Er stößt unsere Nase in die Scheiße, aber er belügt uns nicht“, sagt Asmus. Wenn er heute aus dem Haus gehe, sehe er fast ausschließlich Menschen, die ihre Beschädigungen kaschierten, die sich aufrüsteten und panzerten wie Soldaten. Nicht so Beckett. „Beckett lässt die Hosen runter“.

Vor drei Jahren, in London, hat Walter Asmus „Tritte“ und „Nicht Ich“ in Kombination mit dem Text "Rockaby" inszeniert. Ein Stück im Schaukelstuhl, auch so eine Mutter-Tochter-Geschichte, die mit den sehr eingängigen Worten endet: „Fuck Life“. Dann sinkt der Kopf runter.

„Nicht Ich / Tritte / He, Joe“: Premiere Freitag, 10. 11., 19 Uhr, Volksbühne. Wieder am 11., 12., 18., 28. 11.

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