"Sally und Fred" im Wintergarten : Nix gegen Tingeltangel

Helmut Baumann ist der Elder Statesman des deutschen Musicals. In „Sally und Fred“ im Berliner Wintergarten schlüpft er mal wieder in Pumps. Premiere ist am 30. März.

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Zirkuspferd. Helmut Baumann, 76, einst Intendant am Theater des Westens, mag die Varietébühne.
Zirkuspferd. Helmut Baumann, 76, einst Intendant am Theater des Westens, mag die Varietébühne.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das ist mal ein herzlicher Empfang. „Wie schön, dass Sie uns besuchen kommen“, ruft Helmut Baumann, lässt Bühnenpartnerin und Regisseur stehen, mit denen er gerade etwas beratschlagt hat, eilt herbei und streckt die Hand aus. Als gäbe es beim ersten Durchlauf nach dem Umzug vom Probenraum auf die Bühne des Wintergartens nichts Schöneres als einen Zaungast mit Notizblock in der Hand. Da kann man bei anderen Gelegenheiten ein gequältes Lächeln auf sonst ach so professionellen Mienen sehen.

Nichts davon bei Helmut Baumann, dessen Karriere inzwischen satte fünfzig Bühnenjahre umfasst und der am Theater des Westens als künstlerischer Direktor unter Götz Friedrich in den Achtzigern und dann als Intendant in den Neunzigern Maßstäbe für charmantes, witziges und geistreiches Musical- und Operettentheater gesetzt hat. Mit Produktionen, die über Berlins, ja Deutschlands Grenzen ausstrahlten. Und die die Stadt erst seit der Ankunft eines gewissen Barrie Kosky aus Australien wieder erlebt. Kosky hat letztes Jahr auch gleich eine Laudatio auf seinen einstigen Intendanten-Kollegen gehalten: als der mit dem Musical-Theater-Preis geehrt wurde. Und hat indirekt auch damit zu tun, dass am heutigen Montag die Show „Sally und Fred“ in der Potsdamer Straße Premiere feiert.

In der Komischen Oper spielt er im "Ball im Savoy" mit

Er sei ja ein Glückskind, findet Baumann, weil der ihm völlig unbekannte Kosky gekommen sei und bei seinen neugierigen fachlichen Erkundungen der neuen Heimat irgendwie über ihn gestolpert ist. „Obwohl ich, abgesehen von ein paar Regiearbeiten am Ku’damm, hier jahrelang nicht präsent war.“ Im Gegensatz zu Bremen, München oder Wien, wo er regelmäßig inszeniert hat. „Da interessiert der sich für mich“, staunt Baumann, „und seither stehe ich in der Komischen Oper auf der Bühne – mit einer riesigen Rolle.“ Mit der des Mustafa Bey in Paul Abrahams „Ball im Savoy“. Und weil er sich dort so heftig mit seiner jungen Bühnenpartnerin Sarah Bowden angefreundet hat, dass beide unbedingt eine eigene Show miteinander machen wollten, muss es jetzt im Wintergarten dringend mit der Probe weitergehen.

Die Band hat ihre Instrumente aufgebaut, nur Mikros und Monitore gibt es noch keine. Technik, die überschätzt wird. Keiner auf der Bühne hört so richtig, was der andere macht, aber trotzdem klingt’s schon, als würde es was.

Das Gros der Songs stammt von Jack Woodhead und Regisseur Markus Pabst. Die zwei haben letztes Jahr die gefeierte Varietéshow „Der helle Wahnsinn“ im Wintergarten gezeigt und entwickeln sich jetzt – ganz ohne Akrobaten – ein Stück weiter Richtung Musical. Mit zwei Tänzern und sparsamem Bühnenbild.

Sarah Bowden spielt gerade „Audition“, also Vorsingen für’s Musical, und spult ein schnittiges Potpourri von Standards ab. Ihre „Sally“ ist eine Altenpflegerin mit unerfüllten Showstar-Ambitionen. Helmut Baumann trägt Jogginghose, sitzt im Rollstuhl und spielt „alt“. Sein „Fred“ ist Sallys Patient, ein angegrauter Showstar auf Hartz IV, der durch Sallys Frischzellenkur wieder so viel Schwung gewinnt, dass er eine Dreiviertelstunde später den Rolli gegen Pumps und Seidenstrümpfe tauscht.

1985 stöckelte Baumann als Drag-Queen durch den Broadway-Hit "La Cage aux Folles"

Die Accessoires stehen Helmut Baumann mit 76 Jahren noch genauso wie damals, 1985, als er die deutschsprachigen Aufführungsrechte des Broadway-Hits „La Cage aux Folles“ kaperte und im Theater des Westens unter Beifallstürmen als Drag-Queen Zaza über die Bühne stöckelte. Ein Selbstzitat, dass es nicht von ungefähr in „Sally und Fred“ geschafft hat. „Wir haben als Zuckerl ein bisschen was von meiner Biografie ins Stück gewebt und Travestie gehört ja zum Theaterspielen.“ Und Vision, nach der Baumann gerade lautstark verlangt. „Was ist die Idee?“, ruft er zur Regie hinüber, als die Lage auf der von Technikern gequerten Bühne etwas tumultös wird. Nicht lange, und Bowden und er haben die Idee wiedergefunden und legen eine kesse Sohle aufs Parkett. „Ich tanze nicht, ich imitiere Tanz“, sagt Baumanns Bühnen-Fred.

Doch auch beim Imitieren ist es wichtig zu wissen, wie es geht. Das hat der in Berlin-Friedrichshagen geborene Tänzer und Choreograf an der Hamburgischen Staatsoper gelernt. Ein wahrhaft prägendes Erlebnis, wie Helmut Baumann in der Probenpause erzählt. Da trat er nämlich bei einer Wieland-Wagner-Inszenierung des „Tannhäuser“ auf. Zum ersten Mal überhaupt. Im großen Bacchanal. Inmitten von 60 Tänzern und der Solistin Maria Litto. Enthusiasmiert, in die Szene versenkt, mitgerissen im Meer der Leiber. „Plötzlich tanzt die Litto vorbei, tippt mir auf die Schulter und sagt ganz trocken zu mir: ,Da ist vorn!‘“ Der berauschte Baumann hatte dem Publikum versehentlich den Rücken zugekehrt. Er lacht. „Seitdem weiß ich, wo vorn ist!“

Ob es bei einer so seriös gestarteten Karriere nicht despektierlich sei, nun auf der Varietébühne zu stehen? Baumann prustet los. „Nix gegen Tingeltangel! Kleinkunst, Kleinstkunst ist absolut zu würdigen. Bei Cabaret, Burlesque, Vaudeville, da bin ich ganz undeutsch und habe keine Berührungsängste. Jetzt habe ich auch das richtige Alter dafür.“

Auch wie sich die Artistik weiterentwickele, sei interessant. „Weil das eine Kunstform ist, die nicht stehen bleibt.“ Die Shows würden immer tänzerischer, die Acts immer erstaunlicher. Keine Spur von Entertainment-Müdigkeit bei Baumann, der seit ewigen Zeiten mit seinem Lebenspartner in Charlottenburg lebt. Mit der Fred-Figur des alternden Showstars identifiziert er sich offensichtlich nicht. Auch das Festkleben am Regiestuhl, wie es andere Theatersenioren pflegen, ist seine Sache nicht. „Habe ich lange genug gemacht“, winkt er ab. „Jetzt spiele ich lieber, das ist lustiger und hält fit.“ Schon seltsam, sinniert er. „Als Regisseur war ich sehr strikt und genau. Als Schauspieler bin ich ganz doof und unbegabt und offen – völlig ohne Wollen.“ Da lässt er sich rumschieben, macht sich locker und entdeckt was. Einen alten Mann mit jungem Herzen beispielsweise.

Wintergarten Varieté, Premiere 30.3., 20 Uhr, Vorstellungen im April, Mai, Juni. Infos: www.wintergarten-berlin.de

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