"Salome" an der Deutschen Oper Berlin : Monster in Maßanzügen

Claus Guth inszeniert Richard Strauss’ „Salome“ an der Deutschen Oper mit großer intellektueller Einfühlungskraft.

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Michael Volle (Jochanaan), Catherine Naglestad (Salome)
Michael Volle (Jochanaan), Catherine Naglestad (Salome)Foto: Monika Rittershaus

Es passt zu diesem Opernabend, dass seine Hauptdarstellerin vor Beginn als angeschlagen angesagt wird. Catherine Naglestad sei nach der Generalprobe gestürzt, so heißt es, und würde nun mit geprellten Rippen und unter Schmerzmitteln auf die Bühne treten. Es ist eine verletzte und in peinigendem Ernst gefangene Salome, die Regisseur Claus Guth in ein nächtliches Maßatelier der 50er Jahre schickt. Eine schrecklich biedere Eleganz schlummert hier, in der die große Zeit der Uniformen ein untotes Nachleben in Graubrauntönen feiert. Wer sind in dieser Szenerie die Schaufensterpuppen, wer die Menschen? Es ist kaum auseinanderzuhalten.

Salome, so scheint es, will zwischen endlosen Reihen gleichförmiger Schlipse und Mehrteiler nachstellen, wie alles kam: Mithilfe von sechs Mädchen in unterschiedlichem Alter lässt sie die eigenen Jahre des Heranwachsens Revue passieren. Der übergriffige Stiefvater ist hinter ihr her. Herodias, die Mutter, hat nur Augen für den eigenen Aufstieg, lauscht am Vorhang, hinter den Herodes das Mädchen bugsiert hat, und schaut dann nur noch weg. Salome ist allein zwischen grauen Männern, die keine Väter sein können, aber Ansprüche auf sie geltend machen, die man nur als Missbrauch beschreiben kann.

Claus Guth zeigt ihn nicht explizit, die erstickte Atmosphäre in der Maßkonfektion Herodes umreißt er dafür umso eindrücklicher. Das, was die Dekadenz als schwül-erotisches Parfum verklärte, ist in Wahrheit der Mief einer Gesellschaft, deren mörderische Zivilisationsmüdigkeit gerade noch in biedere Beinkleider gebannt werden kann. Die allseits begehrte Kindfrau, die – trotz aller Nachstellungen keusch geblieben – als erste eigene Äußerung von Lust den abgeschlagenen Kopf eines Mannes fordert und schließlich als Monster erschlagen wird: sie gibt es nicht an der Deutschen Oper. Hier steht eine Frau in ihren eigentlich doch besten Jahren und versucht, sich jener unheilvollen Fixierung gewahr zu werden, die an die Stelle dessen getreten ist, was ein eigenes Leben heißen könnte.

Guth entkleidet das Werk bei seiner ersten Arbeit an der Deutschen Oper aller falschen Grandezza

Die Regie weiß dabei Richard Strauss geschickt auf ihre Seite zu holen, der seine 1905 uraufgeführte Skandaloper bei aller fleischlichen Wuchtigkeit auch als Resonanzraum anlegte für das, was in Salomes Seele nachhallt. Was damals als weibliche Hysterie begafft oder verdammt wurde, entkleidet Claus Guth bei seiner ersten Arbeit an der Deutschen Oper aller falschen Grandezza. Jochanaan liegt bei ihm nackt unter einem Kleiderhaufen, weder so schön noch so grässlich, wie ihn die abgewiesene Salome besingt. Ein älterer grauer Herr mit Bauch, der selbstgefällig vom Untergang der bestehenden Welt tönt, den ein anderer bewerkstelligen soll. Für Strauss war dieser Prophet die perverseste Figur auf der Bühne; für Salome, die Gefangene, dürfte die Aussicht auf ein Ende Faszination genug sein.

Wer klassisches Sex and Crime sucht, wird durch Claus Guths Inszenierung keinerlei Befriedigung erfahren, es sei denn, er ist ein leidenschaftlicher Buhrufer. Doch Guths Entwurf einer autoritären und doch vaterlosen Gesellschaft und der daraus folgenden weiblichen Fixierung ist von großer intellektueller Einfühlungskraft. Im Tanz der sieben Schleier sind es die kleinen Wiedergängerinnen Salomes, die versuchen, einen Platz im erkalteten Spiel der Erwachsenen einzunehmen – und scheitern, im Kleidchen und doch in größter Blöße.

Woran es bei allem ausbuchstabierten Ernst fehlt, ist ein wirklicher theatralischer Fluss, ein großer Schwung, der alle Momentaufnahmen zwingend miteinander verschmilzt und die Mühen der Konstruktionsarbeit in den Hintergrund treten lässt.

Aber vielleicht gelingt das ja noch in den kommenden Vorstellungen, denn bei dieser „Salome“ ziehen eigentlich alle am gleichen Strang: Alain Altinoglu im Orchestergraben weiß die Stimmen verschlingende Kraft der Partitur schlüssig zu bändigen. Zugleich ist er kein strenger Analytiker, der wie etwa Giuseppe Sinopoli (wie lange das schon her ist!) einzelne Nervenstränge herauszupräparieren vermag. Altinoglu macht es möglich, dass man die Sänger tatsächlich verstehen kann, gibt ihnen die Chance, wirkliche Darsteller zu sein. Burkhard Ulrich greift da beherzt zu, sein helltöniger Herodes findet ein wenig schmeichelndes, aber unzweifelhaftes Vorbild in Wagners Mime, der diesem Herrscher etwas kalt Kriechendes, Nähe Erpressendes verleiht. Jeanne-Michèle Charbonnet steht ihm als desillusionierte hochgeborene, die Welt verachtende Herodias in nichts nach. Michael Volle lässt seinen Jochanaan ohne geborgten Eifer, aber mit viel Atem mächtig die verkommende Gegenwart anklagen.

Und Catherine Naglestad? Wie viel ihrer schmerzlichen Konzentration geht auf das Konto ihres Sturzes und der Vorsicht vor falschen Bewegungen, wie viel ist verinnerlichtes Regiekonzept? Man kann es nicht sagen. Doch die amerikanische Sopranistin mit ihrem weit gespannten Stimmhorizont von Händel bis Wagner findet einige sehr persönliche Töne für ihre Salome. Töne jenseits der Verführung, die auch erst einmal verloren klingen können. Eine Schwäche ist das nicht. Auch nicht, dass am Ende nur eine Schaufensterpuppe ihren Kopf verliert. Es ist der des Stiefvaters. Für „Salome“ hat Claus Guth zusammen mit seiner neuen Bühnenbildnerin Muriel Gerstner sein hoch virtuoses Drehbühnentheater angehalten. Das Maßschneideratelier des Herodes in seiner monströsen Spießigkeit bleibt immer am selben Fleck – damit Salome doch noch den Weg herausfinden kann, ins Leben.

wieder am 29. Januar, 2. und 6. Februar