Salzburger Festspiele : Die Stille nach dem Probeschuss

Falk Richter macht aus Webers "Freischütz" in Salzburg ein Pubertisten-Drama.

Christine Lemke-Matwey
Freischütz
Peter Seiffert als Max mit Petra Maria Schnitzer als Agathe. -Foto: AFP

Die beruhigende Nachricht zuerst (für alle traumatisierten Berliner): Der Jägerchor funktioniert einigermaßen tadellos. Ein paar Kiekser, oho, weiß sich zwar auch das berühmte Wiener Horn zu leisten, gerade im Vor- respektive Zwischenspiel zum dritten Akt, aber rhythmisch gibt es nichts zu mäkeln. Hübsch zusammen sind sie, die Hornisten und die Chor-Tenöre beim „Jo ho! Tralala!“, das Ganze durchaus mit Drive und leicht übermütigen, purzelnden Spitzentönen. Und wie die Herren der Konzertvereinigung Wiener Staatsoperchor da an die Rampe rücken, Hände an der Hosennaht, Köpfe nach links, Köpfe nach rechts, in blitzweißen Traumschiffuniformen: Respekt, sehr schneidig. Und natürlich eine Parodie: auf den Männerchor im Allgemeinen und den Weberschen im Speziellen, auf das Bündische allen geordneten Lebens schlechthin.

Regisseur Falk Richter hat es gern deutlich. So deutlich, als spiele sein Salzburger „Freischütz“ nicht im Haus für Mozart, sondern verflixt tief drin im deutschen Wald aller gestrig-klebrigen Operngefühligkeiten. Dass andere schon vor ihm mit diesen kräftig aufgeräumt haben (von Berghaus bis Freyer, von Konwitschny bis Nel), fällt, wie so vieles, nicht ins Gewicht. Und das macht das seltsam Bornierte, Vernagelt-Dilettantische, ja Beunruhigende der Aufführung aus. Das „Jo ho! Tralala!“ jedenfalls kommt mit Ansage: Der Schauspieler Ignaz Kirchner alias Samiel – ein betagter Dandy ebenfalls ganz in Weiß, Strohhut, Spazierstock, Leinenanzug, wie weiland Thomas Mann in Sanary-sur-mer – beißt in ein Wienerwürstchen und keucht: „Ladies and Gentlemen, German Classics proudly present: The Jägerchor!“ Selbst die alte Opernbühne hat definitiv schon triftigere, witzigere Witzchen gesehen.

Man merkt die Absicht und ist verstimmt? Nein: Man merkt den haltlosen Bezug zum Stück und seiner Musik, all das dramaturgische Theoretisieren über Kollateralschäden und das im Christentum wie im Kapitalismus nistende Prinzip des Bösen – und ist bestürzt. Über die Unfähigkeit eines doch gestandenen Schauspielregisseurs und Stückeschreibers, eine Atmosphäre zu spüren und einzufangen; über die Unbeholfenheit und zeitgeistige Larmoyanz eines Ansatzes, der da behauptet, einem „Pubertätsdrama“ nachgehen zu wollen. Samiel, so schwelgt es im Programmheft, sei „die Verkörperung des Leistungs- und Erfolgsdrucks unserer Gesellschaft, der die jungen Männer aus ihren verträumten Jugendjahren herausholt und zu gestandenen Kämpfern macht.“ Der Leibhaftige als Psycho-Coach, Trainer, Vaterersatz? Jungssätze. Jungsutopien.

Die Sprache jedenfalls, die Richters neue Dialogfassung Samiel und seinen beiden alerten, allgegenwärtigen Gehülfen in den Mund legt (Rafael Stachowiak, Sven Dolinski), könnte aus einem Führungsseminar für mittelständische Betriebe stammen. Dazu wiederum passt, dass der Eingangschor „Viktoria! Viktoria!“ von einer entfesselten Rotte ausgestopfter, mit Chipstüten raschelnder Salzburg-Touristen gegeben wird; dass Ännchen zu „Kommt ein schlanker Bursch gegangen“ eine veritable Diashow veranstaltet, von Sean Connery über Klaus Kinski bis Leonardo DiCaprio; und dass in der Wolfsschlucht keine Luchs- oder Wiedehopfaugen mehr zu Kugeln gegossen werden, sondern „Uranium“, Kokain sowie „die Landkarten dreier Länder, die wir dem Erdboden gleich gemacht haben“.

Das Ganze ist wenigstens zur Hälfte auf Englisch, wohl weil verderbte Priester nebst barbusigen Damen im Hintergrund eine Art schwarze Messe zelebrieren. Oder weil der Darsteller des Jägerburschen Kaspar, der seine Seele längst zum Teufel geschickt hat, Amerikaner ist: John Relyea mit beeindruckend basaltenem, leider etwas unflexiblem Bassbaritontimbre. Ansonsten jede Menge pyrotechnischer Video- und Budenzauber zum „wilden Heer“ im abstrakten Tiefgaragenambiente (Bühne Karl Harb).

Webers „Freischütz“ von 1821, Inbegriff der deutschen romantischen Oper, erzählt die Geschichte von Max und Agathe. Eine Geschichte – insofern liegt Falk Richter anfangs nicht falsch – von Probeschüssen und Versagensängsten, vom Dunklen in dieser Welt und von der Verführbarkeit der Notleidenden. Die Liebesgeschichte indes interessiert Richter nicht, und so finden sich die Frauen an diesem Abend gleichsam unterbelichtet: Aleksandra Kurzaks kerniges Ännchen darf ein bisschen mit seinem Sex-Appeal kokettieren, während Petra Maria Schnitzers Agathe in grässlich hausbackenen Kleidern steckt und sich so bewegt, als würde ihr imaginärer Heiligenschein jeden Moment herunterfallen (Kostüme: Tina Kloempken).

Das ist insofern besonders schade, als Schnitzer die beiden Kavatinen beseelt singt, mit reifem, farbenprächtig sich verströmendem Sopran. Einzig das hohe G will ihr nicht glücken, bleibt schmerzlich zu tief. Auch Peter Seifferts Max macht stimmlich eine respektable Figur, wenngleich sich sein Vibrato bisweilen bedrohlich weitet und man das Gefühl hat, er schreite mit zu viel Kraft ans lyrische Werk. Dass man einem virilen Tenor von seiner Statur den Pubertisten nicht abnimmt, dessen Seelenverfassung überdies mehrfach im Ausruf „Ich kann nicht mehr!“ gipfelt, daran ist er gewiss unschuldig.

Markus Stenz im Graben indes hat mit den Wiener Philharmonikern seine liebe Mühe. So akribisch er an vielen Details feilt, so unklar bleibt die Linie, der große Bogen. Auf eine fahrige Ouvertüre folgt eine Wolfsschlucht, in der Hörner, Bässe und Piccolo-Flö-ten förmlich bersten, sich entzünden, wohingegen er im Finale („Wer rein ist von Herzen“) meterdicke oratorische Klangmauern errichtet – als triumphierten die Philharmoniker spätestens hier im Ringen um den süffigst möglichen Sound. Als Eremit betritt mit Mähne und Goldschuhen schließlich ein Popstar-Klischee die Szene (heftig umjubelt: der österreichische Bass Günther Groissböck). Thomas Gottschalk for Messias? Das hätte man in Salzburg wohl gern.

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