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Sarrazins Buch : Radikalismus der Mitte

03.09.2010 08:59 Uhr
Angst vor der Normalität? Die neu erbaute Omar-Ibn-Al-Khattar Moschee in Berlin-Kreuzberg.Bild vergrößern
Angst vor der Normalität? Die neu erbaute Omar-Ibn-Al-Khattar Moschee in Berlin-Kreuzberg. - Foto: ddp

Was Schriftsteller, Islamforscher, Bildungs- und Migrationsexperten zu Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" sagen.

FERIDUN ZAIMOGLU
Saubermann als Brandstifter

Deutschland ändert sich gerade, eine ungeheure Umwälzung ist im Gang, dafür braucht jeder hier im Land nur aus dem Fenster zu schauen. All das führt zu Irritationen und Fragen wie „Sind hier Kräfte am Wirken, auf die ich keinen Einfluss habe?“ Mit Sarrazin ist jetzt ein lupenreiner Rassist am Werk, der notwendige Debatten über Einwanderung, Integration und Bildungspolitik radikalisiert und soziale Probleme ethnisiert. Leute wie er sind Brandstifter. Er hält einer verunsicherten Mittelschicht den Moslem als Vogelscheuche hin und suggeriert, dass der Moslem vielleicht auch für die Bankenkrise verantwortlich ist, dafür, dass die Sozialsysteme den Bach runtergehen.

Was wir jetzt haben, ist europäische Normalität. Ein Land, das klar ein Einwanderungsland ist, in dessen Großstädten oft 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung nichtdeutscher Herkunft sind. Und Lumpen wie Sarrazin, bürgerliche Saubermänner, die für die falsche Übersetzung sorgen.

Feridun Zaimoglu lebt als Schriftsteller in Kiel. Zuletzt erschien sein Roman „Hinterland“.

HAMED ABDEL-SAMAD
Superman Sarrazin
Die Debatte um die Thesen des Bundesbankiers Thilo Sarrazin halte ich für eine Luxusdebatte. Aus der Integrationssackgasse helfen sie uns nicht heraus, sie bieten uns höchstens Unterhaltung und bringen den Medienbetrieb nach der Sommerpause wieder auf Temperatur. Ein CDUPolitiker wird zum wiederholten Mal betonen, dass Ausländer anständig Deutsch lernen sollten, und ein sanfter SPD-Kollege wird, nachdem er Sarrazins Äußerungen verurteilt hat, Beispiele für gelungene Integration aufzählen. Eine wütende Islamkritikerin wird die Türken für alles verantwortlich machen und ein türkischer Beschwichtigungsromantiker wird die Grünen-Multikulti-Hymne singen. Das deutsche Publikum wird sich wie immer amüsieren, ohne zu verstehen, was los ist.

Was in dieser Debatte untergeht, ist Sarrazins Recht auf Meinungsäußerung. Man hält Gericht über ihn oder bejubelt ihn unreflektiert. Ob als Held oder als Sündenbock, Sarrazin ist ein unfreiwilliger Freund der Untätigen und Ratlosen geworden. Alle Versäumnisse, Hoffnungen und Vorwürfe haben nun eine Adresse: Superman Sarrazin. Alle, die die Integrationsmisere zu verantworten haben, können sich nun auf die Schulter klopfen und sich gegen den Buhmann verbünden.

Aber Sarrazin ist lediglich ein Ausdruck davon, dass wir ein Problem haben. Er ist der Überbringer der Botschaft, dass bei uns eine verkrampfte Streitkultur herrscht. Es fehlt eine Atmosphäre, in der ehrliche Kritik zulässig ist und die frei ist von Stimmungsmache, Apologetik und Überempfindlichkeit.

Meine bescheidene arabische Intelligenz sagt mir, dass Sarrazin harmloser ist, als was die Medienlandschaft aus ihm machen will. Er kann das Land weder spalten noch heilen. Ich glaube, dass ganz Deutschland den provokanten Bankier lieb hat, auch die, die ihn verfluchen. So wie das Land Knut, Lena und den Karneval braucht, braucht es auch den Sarrazin!

Hamed Abdel-Samad ist Schriftsteller und Politikwissenschaftlerr, 2009 erschien „Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland“.

HILAL SEZGIN
Ausgrenzung der Integrierten
Die Debatte ist eine weitere Runde zur Frage, wie Deutschland sich zu seinen Migranten verhält. Sie wird schon seit einigen Jahren am Beispiel der Muslime abgehandelt. Sicher, Thilo Sarrazin setzt mit seinem volkstümelnden, biologistischen Vokabular noch eins drauf. Aber auch ohne diesen klassischen Rassismus finden sich alte Motive der Ausländerfeindlichkeit und altbekannte Abstoßungsfantasien. Es sind die immer gleichen Muster: Oh, diese Muslime, sie verschlechtern unsere Sozialstatistiken, wenn wir sie nur loswerden könnten! Dabei definiert man eine Gruppe von Menschen als Andere, hier: als Muslime; man schreibt ihnen bestimmte Eigenschaften zu und stellt sie als integrationsunwillig, ungebildet oder faul dar. Am Ende steht der heimliche Wunsch, man könne „diese Leute“ doch irgendwie loswerden … Bezeichnenderweise redet Sarrazin von „muslimischen Migranten“ und einer Neujustierung der Einwanderungspolitik – dabei sind etwa die Hälfte der hiesigen Muslime längst Deutsche. Mit demselben Recht, hier zu leben und zu bleiben, wie er.

Insgesamt haben wir es mit einer recht breiten Welle von Islamfeindlichkeit zu tun, die regelmäßig diskriminierende, bösartige Sätze hervorbringt. Diese werden nicht vom rechten Rand in die Gesellschaft hineingetragen, sondern kommen aus ihrer Mitte. Jede Woche ist in mindestens einer Zeitung ein Artikel zu lesen, der in vermeintlich islamkritischer, oft aber einfach islamfeindlicher Weise das negative Bild von Muslimen aufnimmt und verfestigt. Viele Muslime, gerade die integrierten, fühlen sich hier inzwischen unwohl. Wer an der Öffentlichkeit partizipiert und Zeitungen liest, erlebt immer wieder einen Schlag in die Magengrube. Ich möchte auch nicht auf jeder Gartenparty gefragt werden, ob Mohammed ein blutrünstiger Geselle war.

Aus den USA hört man bisweilen von Diskussionen, ob Schwarze weniger intelligent sind als Weiße. Da ist uns von außen klar: Das ist Rassismus. Auch in Deutschland müssen wir eine Sensibilität dafür entwickeln, welche Debatten gegen einen moralischen Grundkonsens verstoßen. Es ist fahrlässig, Bevölkerungsgruppen zu definieren und gegeneinander aufzuhetzen.Dagegen muss man angehen, im Sinne einer fortdauernden Selbsterziehung eines offenen Gemeinwesens. Gegen Rassismus und Ausgrenzung ist eine Gesellschaft nie ein für allemal immun, den zivilen Umgang miteinander muss man immer wieder aktiv verteidigen.

Hilal Sezgin lebt als Schriftstellerin und Publizistin in der Lüneburger Heide. Zuletzt erschien ihr Roman „Mihriban pfeift auf Gott“.

ZAFER SENOCAK
Die zwei Gesichter Deutschlands
Die Sarrazin-Debatte ist eine Angstdebatte. Durch die Einwanderer hat sich Deutschland stark verändert, aber ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung will das nicht wahrhaben. Seit 9/11 hat sich diese Angst globalisiert und sich auf das Bild des Islam konzentriert. Hinzu kommt die Schwierigkeit, das deutsche Nationalgefühl zu definieren. Es gibt das fröhliche Deutschland der Fußball-WM, es gibt aber auch Leerstellen. Was ist, wenn nicht alle Deutschen ursprünglich Deutsche sind oder wenn sich Minderheiten mit einem anderen Nationalgefühl etablieren? Diese Leerstellen füllen sich mit Angstthesen.

Ich glaube nicht an einen spezifisch deutschen Rassismus. Die deutsche Kulturgeschichte kennt auch offene Formen des Umgangs mit dem Fremden. Das Wilhelminische Reich des 19. Jahrhunderts war nicht nur ein Untertanenreich, sondern auch ein Sammelbecken der Neugier auf den Orient, der Innovation, des Kosmopolitismus. Dieser Traditionsstrang ist durch den Nationalsozialismus gerissen, nach dem Krieg wurde dort nie wieder angeknüpft. Dabei wären Reminiszenzen daran wichtig für die viel zu engstirnige Einwanderungsdebatte. Ein Land, das so über Migration diskutiert und immer höhere Gesetzeshürden errichtet, ist außerdem nicht attraktiv für qualifizierte Einwanderer, um die in der westlichen Welt ja gebuhlt wird. Deutschland wird abgehängt, wenn es so weitergeht.

Das Problem der ideologischen Islamfeindlichkeit besteht auch darin, dass jede Säkularisierungstendenz in den islamischen Kulturen negiert wird, die es aber seit 150 Jahren gibt. Die meisten Migranten kommen aus der Türkei, das ist ein wahrer Hort der Säkularisierung. Auch deshalb gibt es dort heute so viele Frauen in hohen Positionen: Professorinnen oder Unternehmensverbands-Präsidentinnen, mehr als in Deutschland. Wer das ignoriert, ist schnell bei Sarrazins Genen.

Kurz vor seinem Buch, das insofern einen Tabubruch darstellt, als in einem renommierten Verlag wie die DVA ein rassentheoretisches Werk vorgelegt wird, ist das neue Buch von Günter Grass erschienen, „Grimms Wörter“. Hier die Pflege der Sprache, die Erinnerung an Märchen, Philosophie und Dichtung, eine starke Seite der deutschen Geschichte. Gleichzeitig gibt es diese Angstseite, eine Sprache der Gewalt, die nicht zur Kommunikation taugt. Grass und Sarrazin, das sind die zwei Gesichter Deutschlands.

Zafer Senocak lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch“.

MICHA BRUMLIK
Wettkampf der Wiegen
Wieder einmal ist das Sündenbockmuster ein probates Mittel, um sich in Zeiten einer Wirtschaftskrise Mut zu machen, Aggressionen umzulenken und darauf zu verzichten, die wahren, komplizierten Ursachen der Krise ernst zu nehmen. Diese Stimmung kann einem Sorge bereiten. Anders als in unseren Nachbarländern, in Frankreich, Österreich, der Schweiz oder den Niederlanden hat die politische Klasse zum Glück bisher der Versuchung widerstanden, daraus Kapital zu schlagen. Das ist beruhigend, auch im Rückblick auf die Weimarer Republik.

Auch in Demokratien gibt es rassistische Strömungen – vor einigen Jahren wurde über den „Radikalismus der Mitte“ diskutiert. Sarrazin ist ein Exponent dieses Radikalismus. Zweifellos argumentiert er völkisch-rassistisch, wenn er von einer für Deutschland gefährlichen Fruchtbarkeit muslimischer Frauen spricht. Vor 30 Jahren gab es etwas Ähnliches, als deutsche Professoren das „Heidelberger Manifest“ veröffentlichten, das mit Thesen über den „Wettkampf der Wiegen“ Fremdenfeindlichkeit schürte.

Paradoxerweise gehört zu denen, die jetzt diese Denkmuster übernehmen, ein Teil eben jener „Unterschicht“, die Sarrazin so schlecht dastehen lässt. Mit ihr geht ein bürgerlich-konservatives Milieu konform, dem seinem Gefühl nach die Felle wegschwimmen und das sich auf ein Mehrheiten mobilisierendes Gefühl konzentriert: auf den anti-islamischen Affekt.

Es ist ein Skandal, dass ein bisher seriöser Verlag wie die DVA dieses Buch anregte und der „Spiegel“ mit einem Vorabdruck mitspielt. Wenn man Sarrazin wie am Montag bei „Beckmann“ gegen vier oder fünf Leute antreten lässt, weckt das außerdem Mitleid für diesen Ritter von der traurigen Gestalt. Gott sei Dank ist er nicht die Persönlichkeit, um als rechtspopulistischer Demagoge Erfolg zu haben,er ist kein Haider, kein Christoph Blocher. Aber he is a man for all seasons: In der „Bild“-Zeitung geriert er sich als völkischer Agitator, während er sich in einer bildungsbürgerlichen Fernsehsendung den Anstrich wissenschaftlicher Seriosität gibt. Er versteht auf beiden Klaviaturen zu spielen, das macht ihn als Medium und Resonanzverstärker gefährlich.

Im Übrigen gibt es kein Tabu, das gebrochen werden muss. Es gab die Islamkonferenz, bei der auch streitbare Argumente wie die von Necla Kelek oder Seyran Ates erörtert wurden, es gab die heftigen Debatten über die Ansichten von Roland Koch über ausländische jugendliche Gewaltverbrecher, es gab den Aufschrei der Lehrer in der Neuköllner Rütli-Schule, es gibt die Thesen von Kirsten Heisig. Das Argument vom angeblich so wichtigen Tabubruch ist ein Vorwand, um extrem rechte Denkmuster salonfähig zu machen.

Micha Brumlik ist Religionsphilosoph und Holocaustforscher. Er lehrt Erziehungswissenschaften an der Uni Frankfurt/M..

MARK TERKESSIDIS
Vielfalt der Mitte
Vielleicht klingt es komisch, aber ich war schon mit dem Verlauf der ersten Sarrazin-Debatte nicht unzufrieden. Zwar ist es eine Beleidigung für die von Sarrazin so beschworene Intelligenz, sich mit dem streckenweise hanebüchenen Unsinn in seinem Buch auseinandersetzen zu müssen, doch die Debatte macht klar: Bestimmte Auffassungen werden im politischen Spektrum der Bundesrepublik nicht mehr geduldet. Das war vor zehn Jahren noch anders. Zum einen gab es einen unausgesprochenen Konsens, dass „Ausländer“ nicht zu „uns“ gehören, Defizite haben und ein Problem darstellen. „Integration“ wurde lange als gut gemeinte Hilfe und nicht als gesamtgesellschaftliche Steuerungsaufgabe begriffen. Zum anderen war die Union zuständig für die „Integration“ der Wähler am rechten Rand: Ein gut platzierter rassistischer Spruch alle paar Monate sorgte für die entsprechende Stimmung.

Heute ist dieses Arrangement definitiv Geschichte. Deutschland sieht sich als Einwanderungsland und die Parteien wissen, dass sie um eine „Mitte“ ringen müssen, die immer vielfältiger wird. Allerdings entsteht damit „rechts“ ein neuer Platz. Und Sprüche à la Sarrazin sprechen auch viele Angehörige der Mittelschicht an. Dort hat man – nicht ganz zu Unrecht – das Gefühl, man müsste für alles bezahlen, während die alten Privilegien von der neuen Vielheit bedroht werden.

Solche Stimmungen bedient Sarrazin mit seinem Geschimpfe über die faule Unterschicht und das Aussterben der Schlauen. Doch gerade die offene Äußerung solcher Positionen macht sie bearbeitbar. Die Einwanderungsgesellschaft ist halt kein Zuckerschlecken. Allerdings wäre es erfreulich, wenn wir mal nicht über rückwärtsgewandte Krachmacher debattieren würden, sondern darüber, wie wir uns die Zukunft denn vorstellen.

- Mark Terkessidis lebt als Publizist in Berlin. Soeben erschienen: „Interkultur“.

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