Sasha Waltz im Interview : „Die Grenze ist erreicht“

Abschied auf Raten: Im Interview spricht Star-Choreografin Sasha Waltz über die Tanzstadt, ihre Pläne und Probleme. Nach enttäuschenden Verhandlungen mit dem Senat denkt sie darüber nach, Berlin nach 20 Jahren zu verlassen.

Sieht in Berlin keine Perspektive mehr: Star-Choreografin Sasha Waltz.
Sieht in Berlin keine Perspektive mehr: Star-Choreografin Sasha Waltz.Foto: dpa

Frau Waltz, Sie haben erklärt, dass Sie keine Perspektive für sich und Ihre Compagnie in der Hauptstadt mehr sehen und sich nach einem anderen Standort umschauen. Was hat Sie dazu bewogen?
Über zwei Jahre lang führten wir Gespräche mit Kulturstaatssekretär André Schmitz, die wir als konstruktiv empfunden haben, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln, ohne Mehrkosten zu verursachen. Und zwar innerhalb verschiedener bestehender Strukturen, die das Land finanziert. Wir haben auch über das klassische und moderne Repertoire des Balletts nachgedacht und Ideen eingebracht, wie Tradition, Moderne und Gegenwart in eine sinnvolle Beziehung zu führen sind. Erst am Montag wurde uns dann offiziell mitgeteilt, dass der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit diesen Ansätzen gegenüber keine Offenheit gezeigt hat. Uns wurde aber auch keine Alternative angeboten. Das konnten wir kaum glauben, denn alle wissen, was das für uns bedeutet.

Der Schmerz und die Schönheit
Hier tanzt Malakhov mit seiner Partnerin Nadja Saidakowa das Duett "Le Parc - Verlassenheit".Weitere Bilder anzeigen
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10.11.2010 15:41Hier tanzt Malakhov mit seiner Partnerin Nadja Saidakowa das Duett "Le Parc - Verlassenheit".

Sie haben immer wieder betont, dass Ihre Compagnie unterfinanziert ist, was die Senatsverwaltung auch so sieht. Hat es keine ermutigenden Signale gegeben?
Vor einem Jahr hatte ich das Gefühl, dass ich endlich ernst genommen werde. Man hat mir Lösungen angeboten, wie sich die Compagnie auf stabile Beine stellen lässt. Man darf nicht vergessen, dass bei unserer Förderung von insgesamt 1,85 Millionen Euro 875 000 Euro vom Hauptstadtkulturfonds kommen, vom Bund. Das sind eigentlich Projektmittel, die immer neu beantragt werden müssen und im Übrigen der freien Szene fehlen.
Sind die Gespräche mit der Senatskanzlei gescheitert?
Ich weiß nicht, ob man sie bereits als gescheitert bezeichnen sollte. Aber unser Vertrauen ist erschüttert.
Denken Sie wirklich darüber nach, Berlin zu verlassen oder ist das nur in der ersten Enttäuschung gesagt?
Ich brauche Stabilität, damit ich arbeiten kann. Und auch der zeitgenössische Tanz braucht eine Perspektive. Deswegen werde ich jetzt in ganz andere Richtungen denken. Der Moment ist gekommen: Ich muss jetzt diesen Schritt tun.

Sie haben gesagt, dass Sie Ihre Visionen in Berlin nicht mehr verwirklichen können. Wie soll man das verstehen?
Ich habe schon immer darüber nachgedacht, wie man Tanz vermitteln kann, auch über meine Arbeit hinaus. Das ist ja auch etwas, was wir an der Schaubühne mit anderen Choreografen wie William Forsythe, Alain Platel und Sidi Larbi Cherkaoui umgesetzt haben. Ein aktuelles Beispiel ist die historische Fassung des „Sacre du printemps“ von Strawinski und Nijinsky, ein Projekt, für das ein Ensemble von 46 Tänzern notwendig ist. Wir haben nicht die Mittel, ein solches Projekt zu stemmen, obwohl ich es unglaublich wichtig finde, dies einmal von einer zeitgenössischen Compagnie zu sehen.
2013 wird das 100-jährige Jubiläum der Uraufführung gefeiert. Ein Datum, das weltweit von Opernhäusern und Ballettcompagnien zum Anlass einer Bestandsaufnahme genommen wird.
Ich wage mich zum ersten Mal an ein so bedeutendes Werk der Musik- und Tanzgeschichte. Nächste Woche beginnen dafür die Proben in Berlin. Die Uraufführung wird mit dem Mariinsky-Ballett in St. Petersburg stattfinden, im Oktober wird das Werk in Berlin an der Staatsoper mit unserer Compagnie unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim zu sehen sein. Eine Zusammenarbeit, auf die ich mich außerordentlich freue! Die historische Fassung, die das Mariinsky im Repertoire hat, wird man in Paris und St. Petersburg sehen können. Nicht in Berlin. Das ist schade.

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