Satire-Roman : Mehlwurm auf Speed

„Gretchen“ heißt der herrlich böse Roman über die Theaterwelt und den Kulturbetrieb. Der Autor will anonym bleiben, er schreibt unter dem Decknamen Einzlkind.

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Anonym im Anzug. Einzlkind nennt sich der Autor von „Gretchen“ geheimnisvoll.
Anonym im Anzug. Einzlkind nennt sich der Autor von „Gretchen“ geheimnisvoll.Foto: AFP

Die Dame kennt sich aus im klassischen Rollenfach. Entsprechend radikal weiß sie sich davon abzugrenzen. „Sie gehörte nicht zur Fraktion der lieben Omis mit praktischer Dauerwelle. Und sie hasste es, wenn alte Menschen in Film und Literatur als nette, trottelige und total sympathische Trullas dargestellt wurden.“ Gretchen Morgenthau, für ihre Freunde auch „Frau Intendantin“, ist nicht nett. Im Gegenteil. Und wer es wagt, sie auf ihr vorgerücktes Alter anzusprechen, muss mindestens mit blutiger Vernichtung rechnen.

Diese wandelnde Giftspritze in Haute-Couture-Garderobe ist die Heldin des Romans „Gretchen“, geschrieben von einem gewissen „Einzlkind“. Wer sich dahinter verbirgt, ist Literaturbetriebsgeheimnis. Auf dem Umschlagfoto ist wiederum nur ein wuschelköpfiger Anzugträger in blauem Dunst zu erkennen. „Sein Vorname ist vielleicht betamax. Obwohl er ja dann ein Videorekorder wäre“, witzelt der Klappentext. Sicher ist, dass Einzlkind zuvor schon den fulminanten Roman „Harold“ geschrieben hat. Dieser erzählt die vor Sarkasmus funkelnde Geschichte eines Engländers mit Vorliebe für Suizidinszenierungen, der sich mit einem oberschlauen Kind namens Melvin auf einen bizarren Roadtrip begibt.

„Sie haben Harold geliebt? Dann werden sie Gretchen hassen“, verspricht Einzlkind. Stimmt natürlich nicht. Mit der trinkfesten und grandios versnobten Prinzipalin Gretchen hat der Autor eine ganz bestürmende Figur geschaffen. Und nebenbei das lustigste, scharfsinnigste und böseste, also derzeit wahrste Buch über das Theater. Wobei sicher auch bekennende Bühnenbanausen an dieser schwarzhumorigen Geschichte Vergnügen finden dürften.

Madame Morgenthau, eine in London lebende gebürtige Wienerin, genießt in der internationalen Theaterlandschaft einen Ruf als Regielegende. Glaubt zumindest sie selbst. Wegen Trunkenheit am Steuer muss die Grand Old Lästerlady sich vor Gericht verantworten. Absurd, wie sie findet: „Der Chablis, ich glaube, es war ein Cru Montée, war zu trocken. Sechs oder sieben Gläser. Höchstens acht“. Die Justiz aber zeigt kein Einsehen. Vor einem Publikum aus „geschmacklos aufgespritzten Champagner-Drosseln aus dem Wohltätigkeitsgewerbe“ wird sie zu einer drakonischen Strafe verurteilt. Gretchen soll ausgerechnet mit den Bewohnern der abgelegenen isländischen Insel Gwynfaer ein Theaterstück einstudieren.

Der folgende, unausweichliche Clash zwischen den Kulturen ist das finster-fröhliche Herzstück des Romans. Wobei Einzlkind sich eben nicht mit Klischees vom minderbelichteten Hinterwäldler aufhält. Vielmehr treten die Gwynfaer-Insulaner ihrem mondänen Gast als modekundige und theaterhungrige Hardcore-Avantgardisten entgegen. Wie Regieassistent Tule, der zur überdimensionierten Hornbrille ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich fickte Heiner Müller“ trägt. Statt Ibsens Klassiker „Peer Gynt“, den die genervte Morgenthau mit ihrem Dilettantenstadl einzustudieren gedenkt, würde Tule lieber das revolutionäre Stück „Audio Spasti: Tapete in Systemstruktur geht gar nicht“ von einem gewissen Zombie Paul aufführen: „Ein Mann rennt im Repeatmodus gegen eine Wand und liest dabei von seinem Einkaufszettel ab. Sein bester Freund ist ein bisexueller Mehlwurm auf Opium“. Was mit Gretchens Vorstellungen, freundlich gesprochen, unvereinbar ist.

Mr. Einzlkind kennt sich aus im Theater, keine Frage. Die Theorien eines Stanislawski oder Brecht werden ebenso lässig bespöttelt wie die experimentierwütige Postdramatik „von jungen Menschen, die, o Überraschung, eine Videokamera besaßen“. Das rüschige britische Schauspiel Marke Royal National ist seinem Sprachrohr Gretchen so einerlei wie Frank Castorfs Dostojewski-Inszenierung „Der Spieler“ an der Volksbühne. Überhaupt beweist der anonyme Autor – der sich auch hämische Seitenhiebe auf Schriftsteller mit Pseudonym nicht verkneift – eine zitatversierte Kennerschaft in Bildungskanon und Popkultur. Ohne bedeutungshuberisch aufzutrumpfen.

Sagen, Mythen, Klassiker, der Klagenfurter Rasiermesserschnitt von Rainald Goetz, Diskurse über Authentizität und sämtliche Luxusmodelabels werden zu einer hochtourigen Kulturbetriebssatire vermengt. Vorgetragen in einem munter-weltverächtlichen Tonfall, den man mit Zynismus verwechseln könnte. Aber Einzlkind ist bloß ein überzeugter Antiautoritärer, dem nichts so zuwider ist wie Bevormundung durch die Kunst. Entsprechend fiele es ihm nie ein, den Lesern per Beipackzettel die Psyche seiner Berserker-Seniorin aufzuschließen. Ein Glück. Die Gretchen-Frage muss offen bleiben.

Einzlkind:

Gretchen. Roman.

Edition Tiamat,

Berlin 2013.

240 Seiten, 18 €.

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