Saudi-Arabien : Weltkulturerbe Dschidda ist ein Signal für die Zukunft

Mit dem frisch gewonnenen Weltkulturerbe-Status hat Dschidda in Saudi-Arabien die Chance, seine einzigartige Altstadt zu retten.

Ulrike Freitag
Volle Pracht. Es gab immer wieder Enthusiasten, die hier und da alte Häuser renovierten und sich für den Erhalt der Altstadt einsetzten. Am Roten Meer ist sie mittlerweile einzigartig. Doch zu viel wurde abgerissen und zerstört.
Volle Pracht. Es gab immer wieder Enthusiasten, die hier und da alte Häuser renovierten und sich für den Erhalt der Altstadt...Foto: Katharina Eglau

Am 21. Juni dieses Jahres war es soweit: ein Teil der Altstadt von Dschidda erhielt unter dem Titel „Das historische Dschidda – Tor von Mekka“ die begehrte Auszeichnung „Weltkulturerbe der Unesco“. Die Altstadt schmückt, sie lockt Touristen an, sie kann aber auch Konflikte um die Stadtentwicklung auslösen oder beeinflussen. Dies kennen wir aus Dresden: Der „Kulturlandschaft Dresdner Elbtal“ wurde der Titel 2009 wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke wieder aberkannt, nachdem er erst fünf Jahre zuvor verliehen worden war. In Dschidda ist es eher umgekehrt: Die Aufnahme in die Unesco-Liste soll in dem jahrzehntelangen Kampf um die Frage nach Erhalt oder Abriss der Altstadt den Ausschlag geben. Damit, so hoffen die Antragsteller, wird auch die Restaurierung eines einzigartigen architektonischen Kleinods ermöglicht.

Als Hafenstadt am Roten Meer auf der Arabischen Halbinsel hat Dschidda eine lange, noch keineswegs vollständig erforschte Geschichte. Darauf verweist das sich außerhalb der Stadtmauern befindliche Grab, welches der biblischen (und koranischen) Eva zugeschrieben wird. In islamischer Zeit wurde Dschidda bekannt, weil der dritte Kalif (Nachfolger des Propheten Muhammad), Uthman bin Affan, Dschidda um das Jahr 657 aufgrund seiner Lage zum offiziellen Hafen der heiligen Stadt Mekka erklärte. Diese ist Ziel der jährlichen Pilgerfahrt für Muslime aus aller Welt. Auch in nautischer Hinsicht war Dschidda ein geeigneter Haltepunkt zwischen Aden und Suez. Die Stadt litt allerdings unter zwei großen Problemen: Aufgrund der Korallenriffe mussten Schiffe im Meer ankern und Personen wie Waren ausgeschifft werden. Zudem hatte die Stadt keine eigenen Wasservorräte, sondern war auf Zisternenwasser aus dem Umland und die Zuleitung von Quellwasser aus den nahen Bergen angewiesen. Erst im frühen 20. Jahrhundert wurde das Problem mithilfe der Entsalzung von Meerwasser gelöst.

Diese Schwierigkeiten erklären, zusammen mit politischen Auseinandersetzungen um die Kontrolle der Region Hedschas, die wechselhafte Geschichte der Stadt: Während Reisende im 11. Jahrhundert sie als blühende Handelsstadt mit einem großen persischsprachigen Bevölkerungsanteil beschrieben, konstatierte der Geograf Ibn Dschubair hundert Jahre später ein Bild des Niedergangs. Im frühen 16. Jahrhundert wurde eine Stadtmauer errichtet. Dies geschah, um die Stadt vor marodierenden Beduinen zu schützen und um den portugiesischen Seefahrern, die vom Indischen Ozean aus ins Rote Meer vordrangen, Einhalt zu gebieten. Dabei erhielten die Bewohner Dschiddas von den Osmanen, welche 1517 die ägyptischen Mamluken als Herrscher ablösten, tatkräftige Unterstützung.

Unter osmanischer Herrschaft ein kosmopolitisches Gemeinwesen

Typisch sind die kunstvoll geschnitzten Fensterumrahmungen.
Typisch sind die kunstvoll geschnitzten Fensterumrahmungen.Foto: Katharina Eglau

Unter osmanischer Oberhoheit wurde Dschidda zum offiziellen Einfuhrhafen für Waren aus dem Indischen Ozean, die ins Osmanische Reich importiert oder durch selbiges in den nördlichen Mittelmeerraum transportiert wurden. Damit konsolidierte sich seine Rolle als Handelsstadt, auch wenn weiterhin Häfen wie Mokka, Yanbu und auf der afrikanischen Rotmeerseite Massawa und Suakin konkurrierten. Arabische und indische, afrikanische und europäische Händler errichteten Handelsniederlassungen, viele Pilger ließen sich zeitweilig oder dauerhaft in Dschidda nieder, sofern sie nicht in Mekka oder Medina verblieben. So entstand in Dschidda ein ausgesprochen kosmopolitisch orientiertes Gemeinwesen. Nichtmuslimische Bewohner blieben eher die Ausnahme, da ihre Anwesenheit so dicht an der heiligsten Stadt des Islam mit Misstrauen beobachtet wurde.

Die heutige Architektur der Altstadt Dschiddas ist geprägt durch eindrucksvolle, zumeist drei- bis sechsstöckige Kalksteingebäude. Ursprünglich waren wohl nur die Marktstraßen, die parallel zum Meer verliefen und in denen sich die meisten Handelskontore und Häuser wohlhabender Händler befanden, sowie jene Straße, die die Altstadt Richtung Mekka durchquerte, von zwei- bis dreistöckigen Steinhäusern gesäumt. Der Rest der Innenstadt bestand aus Palmhütten. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts jedoch nahm die Bebauung konstant zu und die Häuser wurden erweitert oder neu gebaut. Die Untergeschosse dienten als Geschäfts- und Lagerräume, während die Familie in den oberen Stockwerken lebten. Die Pilgersaison brachte einen oft mehrwöchigen bis -monatigen temporären Bevölkerungszuwachs von einigen tausend bis zehntausend Personen. In dieser Zeit rückten die Bewohner zusammen oder wichen in Häuser in anderen Städten aus, um Wohnraum an Pilger vermieten zu können.

Nur Dschidda verfügt noch über ein halbwegs einheitliches Ensemble

Belüftet wurden die Häuser über große Fensteröffnungen, welche mit prächtig geschmückten Fensterläden (Roschan) verkleidet waren. Sie zeigen Anklänge an die Kairiner Fenstergitter, weisen aber insgesamt einen sehr eigenen Stil auf, der auch jemenitische und indische Elemente aufgreift. Am ehesten sind sie den Häusern der benachbarten Städte am Roten Meer verwandt, so dass auch von einem eigenen Rotmeerstil gesprochen wird. Allerdings sind fast alle anderen historischen Stadtkerne am Roten Meer, wie etwa Hodeida und Mokha im Jemen, mittlerweile verfallen oder abgerissen. Nur Dschidda verfügt noch über ein halbwegs einheitliches Ensemble, das insbesondere durch den bis heute überaus lebhaften Markt und die weiterhin in der Altstadt angesiedelten Großhändler am Leben gehalten wird.

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