Kultur : Sauerlands Termine

Ein Jahr nach der Tragödie von Duisburg: Verwaltung oder Verantwortung? / Von Hatice Akyün

Im Januar 2009 saß ich in der Duisburger Synagoge und nahm den Preis für Toleranz und Zivilcourage meiner Heimatstadt entgegen. Es ist ein Preis, der jährlich das Engagement von Menschen würdigt, die sich für das Miteinander einsetzen und der von den Vertretern der drei Religionsgemeinschaften, Christen, Juden und Muslime, verliehen wird. Das Besondere war für mich, dass mein Vater bei der Preisverleihung dabei sein würde. Er zog seinen besten Anzug an, band sich eine Krawatte um und putzte seine Schuhe auf Hochglanz. Ich hatte ihm gesagt, dass er in der ersten Reihe sitzen werde, neben Oberbürgermeister Adolf Sauerland.

Über zwei Jahre sind seit diesem Abend vergangen, aber eines blieb mir besonders in Erinnerung. Adolf Sauerland kam gehetzt zur Veranstaltung, saß mit einem Stapel Unterlagen in der Hand unruhig auf dem Stuhl und verschwand nach dem offiziellen Teil. Ich hatte gerade noch Zeit, ihm meinen Vater vorzustellen. Während sie kurz miteinander sprachen, schaute Adolf Sauerland in alle Richtungen, nur nicht in das Gesicht meines Vaters. Für ihn war es ein Termin, den er an diesem Tag abhaken musste. Ein Oberbürgermeister, versuchte ich meinen Vater zu besänftigen, hat sicher Wichtigeres zu tun, als einer Schriftstellerin einen symbolischen Preis zu überreichen.

Vor einigen Tagen sah ich Adolf Sauerland im Fernsehen, wie er im Duisburger Rathaus sagte: „Als Oberbürgermeister dieser Stadt trage ich moralische Verantwortung für dieses Ereignis.“ Damit meinte er die Loveparade-Katastrophe, bei der vor knapp einem Jahr 21 Menschen ums Leben kamen. „Es ist mir ein persönliches Bedürfnis, mich an dieser Stelle bei allen Hinterbliebenen und Geschädigten zu entschuldigen“, fuhr er fort. Die wenigen Worte musste er vom Zettel ablesen. Er schaute in alle Richtungen, nur nicht geradeaus in die Gesichter. Es war ein Termin, der abgehakt werden musste.

Ich rief meinen Vater an und wollte wissen, was er heute über Adolf Sauerland denkt. „Tochter“, sagte er, „ich kenne ihn doch nicht, was sollte ich schon über ihn sagen können.“ Aber dann sagte er doch etwas, was ich seit knapp einem Jahr fühle, aber nicht in der Lage war, in Worte zu fassen: „Die Familien sind nicht fähig, ihm zu verzeihen, weil er das Unglück hätte verhindern können.“

Da sind Eltern, die Kinder zeugen, sie großziehen, sie vor Gefahren bewahren wollen, aber dann sterben sie. Die natürliche Reihenfolge kommt für sie durcheinander. Nicht, weil ein Meteorit vom Himmel gefallen wäre oder ein Terroranschlag Unschuldige getroffen hätte. Das alles ist furchtbar schlimm, nur auf Grund des völlig unvorhersehbaren Ereignisses nachvollziehbar und somit zu verarbeiten. Wenn der Tod des Kindes aber vermeidbar gewesen wäre und nur eingetreten ist, weil andere Fehler gemacht haben, also ein absehbares, kontrollierbares und beherrschbares Ereignis, der Tod somit völlig überflüssig war, ist es nicht zu verarbeiten, weil man nicht Abschied nimmt, sondern im Gedanken lebt: Wenn der seine Arbeit richtig gemacht hätte, würde mein Kind noch leben.

Adolf Sauerland sagte weiter: „Wenn in meinem Aufgabenbereich, auch unabhängig davon, ob ich selbst persönlich verantwortlich bin, Fehler entstanden sind, die dazu geführt haben, dass es zu dieser Katastrophe der Loveparade gekommen ist, dann ziehe ich die politischen Konsequenzen und trete zurück oder lasse mich vom Rat der Stadt abwählen.“ Ich musste den Satz drei Mal lesen, um ihn zu verstehen. Im Paragraph 62 der Gemeindeordnung von Nordrhein-Westfalen steht unter Punkt 1 einfach nur: „Der Bürgermeister ist verantwortlich für die Leitung und Beaufsichtigung des Geschäftsgangs der gesamten Verwaltung. Er leitet und verteilt die Geschäfte.“

Führung kann man auch zeigen, indem man sie abgibt. Die Katastrophe, die Angehörige, Verletzte, Helfer, Polizei, Veranstalter, Stadtverwaltung, Oberbürgermeister sowie das Leben in der Stadt immer noch gefangen hält, kann nur einer beenden. Adolf Sauerland weiß es.

So und nur so können sich alle anderen aufeinander zubewegen und einstehen, verarbeiten und verzeihen – für einen Neuanfang.

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